Geboren auf der Flucht

Rund 12 Prozent der Frauen, die derzeit auf der Flucht sind, erwarten ein Baby. Die Sehnsucht nach Sicherheit für ihre Kinder lässt sie den schwierigen Weg meistern.

34_PAUL_grill_9580 KLEINBaby: Paul, geboren am 28. April 2015 in Rohrbach
Eltern: Rahel (29) und Yonas (31)
Heimatland: Eritrea

Rahel, die in ihrer Heimat als Landvermesserin arbeitete, startete ihre Flucht aus Eritrea im Jahr 2013: über den Sudan, Libyen und das Mittelmeer kam sie (in einem kleinen Schiff mit rund 600 Personen an Bord) nach Italien und schließlich nach Österreich. Erst hier traf sie Yonas, mit dem sie nun glücklich verheiratet ist.

Rahel musste ihre beiden ersten Kinder in Eritrea zurücklassen. Die mütterliche Sehnsucht erträgt sie leichter, seit Baby Paul geboren ist. Am liebsten würde Rahel mit ihrer gesamten Familie in Ulrichsberg leben. ,,Hier kennen wir schon so nette Menschen, ich will nicht noch einmal von vorne beginnen!“

32_yafiet_grill_9744 KLEINBaby: Yafiet, geboren am 16. Juli 2015 in Rohrbach
Eltern: Tahgas (23) und Yosief (33)
Heimatland: Eritrea

Die beiden orthodoxen Christen Tahgas und Yosief lernten sich erst 2014 in Österreich kennen und lieben. Sie heirateten, und während sie nun auf den Asylbescheid warten, wurde Yafiet geboren.

Das Baby wird sehr behütet, wissen wir von einer freiwilligen Helferin. Die asylsuchenden Afrikanerinnen sorgen sich ganz besonders um ihre Kinder. All ihre Zeit fließt schließlich in die Babybetreuung, während das Warten auf eine Nachricht von der Asylbehörde ewig zu dauern scheint. Im Fall von Yafiets Eltern vergingen nun schon eineinhalb Jahre, ohne dass es auch nur eine einzige Vorladung zum zuständigen Amt in Linz gegeben hätte. 

34_grill_1615-Bearbeitet KLEINBaby: Lilean, geboren  am 28. Jänner 2014 in Freistadt
Eltern: Zienab (32) und Khaled (36)
Schwester: Besan (7)
Herkunftsort: Al-Yarmouk, Damaskus, Syrien

„In Gutau haben wir eine zweite Mama gefunden“, sagen Khaled und Zienab und meinen damit ihre Betreuerin von der Vokshilfe. Seit Juli hat ihre Familie die Aufenthaltsgenehmigung in Österreich schwarz auf weiß. Nun wohnen die vier in einer eigenen Wohung; Khaled ist Elektrotechnik-Ingenieur und arbeitet in einem nahe gelegenen Hightech-Betrieb; die ältere Tochter Besan liebt ihre Lehrerin in der Volksschule über alles. Für Lilean soll es so etwas wie Heimat geben, wünscht sich Zienab, die in Syrien als Englischlehrerin arbeitete. Als palästinensische Syrerin kennt sie nur das Gefühl des Fehlens von Heimat. Wirklich gut wäre es, ihre alte Mutter, die aktuell allein in Ägypten lebt, nach Österreich nachholen zu können. Die für Zienab gewohnte Kultur, die alten Eltern zu pflegen, würde sie gern ihren Mädchen vorleben.

35_tako und mariami_by_Alexandra Grill_ KLEINBaby: Mariami, geboren am 26. Juni 2014 in Freistadt
Mutter: Tako (34)
Schwester: Thekla (3)
Herkunftsland: Georgien

Der ukrainische Vater der beiden Mädchen setzte seine Tochter Thekla und seine schwangere Frau Tako in einen Bus Richtung Österreich. Das war vor 18 Monaten. Er kam jedoch nie nach, sondern brach den Kontakt ab, kurz nachdem die kleine Mariami geboren worden war. Neben ihren lebhaften Töchtern Deutsch zu lernen, fällt der Alleinerziehenden sehr schwer. Vielleicht auch, weil es so ungewiss ist, ob sie alle überhaupt bleiben dürfen.

35_Maya_grill_1569 KLEINBaby: Maya, geboren am 29. September 2015 in Linz
Eltern: Iman (33) und Rifat (40)
Geschwister: Hala (8) in Walding und Mohamad (12) in Damaskus
Heimatland: Syrien

Im 7. Monat schwanger kam Iman, eine Lehrerin aus Damaskus, mit ihrer Tochter Hala nach Österreich. Ihr Sohn blieb mit seinem Vater in Syrien, weil das Geld nicht für alle reichte. Vom kaputten Boot erzählt sie und von einem Unfall wegen eines geplatzten Reifens. An die 40 Personen wurden in einen Mini-Van verfrachtet. „Es roch nach Gas, wir klopften, aber der Schlepper machte lange nicht auf.“ Mit dem Kommando, schnell wegzulaufen, ließ man sie dann doch endlich aussteigen. Als Iman einen Polizisten fragte, ob das hier Österreich wäre, scherzte er: „No, Hungary!“ Aber nach kurzem Schrecken tröstete er sie: „Joke! We are in Austria!“ Über Skype hält Iman Kontakt zu ihrem Mann Rifat in Damaskus. Er gab Iman drei Namen für das Baby zur Auswahl: Batul, Mira oder Maya. „Hauptsache, sie ist gesund!“ meint Iman und wiegt Maya in den Schlaf.

36_Saly_grill_0709 KLEINBaby: Saly, geboren am 17.7. 2015 in Linz
Eltern: Huda (26) und Raed (30)
Geschwister: Subhi (5) und Fatema (4)
Herkunftsland: Syrien

Heftigste Luftangriffe und Kämpfe um ihre Stadt Idlib ließen die Familie im Juni nach Europa aufbrechen. „Wir konnten nicht warten. Wir hatten Angst um unser Leben.“ Huda war bereits hochschwanger, die Strapazen der Flucht ertrug das Paar mit Humor und einem unglaublichen Optimismus. Beim Dreitagemarsch zwischen Mazedonien und Serbien stürzte Huda mehrmals bewusstlos zu Boden. Ihr Mann hatte Knoblauch dabei, um sie wieder „aufzuwecken“. Er lacht auch fröhlich, wenn er schildert, wie sein Beruf als Spengler ihm geholfen hat, stark genug zu sein, alle zu tragen: Fatema, die ohne Beine geboren ist, trug er sowieso den ganzen Weg über, oft auch den Sohn Subhi und im Wasser vor der Insel Lesbos treibend auch die schwere Huda. Nach sieben Tagen in Traiskirchen, wo sie im Freien schlafen mussten, wurde Baby Saly in Linz geboren, vorbildlich versorgt und aufgepäppelt. Aktuell lebt diese herrlich positive Familie im Pfarrhof von Oberneukirchen. 

37_saef_grill_0319 KLEINBaby: Saef Aldin, geboren am 2. April 2015 in Linz
Eltern: Ahlam (23) und Musa (28)
Schwester: Sham (2)
Nationalität: Syrien

„Was denkst du? Wird Saef Aldin später zurückgehen wollen nach Syrien? Ich denke nicht. Kinder wollen dort bleiben, wo sie groß werden.“ Musa, in seiner Heimat Handyshop-Besitzer, und seine Frau Ahlam, die Kindergärtnerin, wollen sich in Österreich ein neues Leben aufbauen. Der junge Vater spricht nicht gern von seinem eigenen Leid. Die Kinder sind wichtiger, ihnen gelten alle guten Wünsche und Überlegungen. Die Flucht der Familie war prägend: Bei der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland gab es einen Sturm, nach drei Stunden sank das kleine Schlauchboot. Eine gefühlte Ewigkeit schwammen die 16 Passagiere, bis sie auf einer menschenleeren Insel landeten. Ähnlich dramatisch ging es weiter. Viele Kilometer mussten sie zu Fuß gehen. Ahlam erinnert sich an einen Schlepper in Mazedonien, der Shams Wasserflasche wegwarf, weil sie ein Geräusch machte. Man musste leise sein beim tagelangen Marsch, Pausen nach Bedarf waren auch für die Schwangere verboten. In Serbien wurde eine gefährliche Darminfektion von Sham endlich behandelt. Vom ständigen Tragen der kleinen Tochter schmerzt Musas Rücken heute noch. Dass Ahlam nach all den Schmerzen auf dem Fluchtweg einen Kaiserschnitt wollte, ist nur allzu verständlich.*

*Namen von der Redaktion geändert.
Die Nachnamen aller Porträtierten werden zum Schutz der Personen nicht genannt.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Alexandra Grill

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