Unter die Haut

Wer seine Frau schlägt, aber nicht halb totprügelt, muss in Russland künftig weniger Strafe fürchten als bisher. In einem Land, wo häusliche Gewalt zum Alltag gehört, eine ungeheuerliche Entwicklung. Manche geschlagenen Frauen suchen Trost und Vergessen, indem sie ihre Wunden mit Tattoos übermalen lassen. Sie rufen Shenja Sachar an.

Tattookünstlerin Shenja Sachar (33) 

Irgendwann bin ich auf einen Artikel über Flavia Carballo gestoßen, eine brasilianische Tattookünstlerin, die die Narben von Opfern häuslicher Gewalt übertätowiert, und ich dachte: „Warum sollte ich das nicht auch einmal versuchen?“ Ich wollte technisch besser werden – immerhin sind Narben für TätowiererInnen eine Herausforderung – und ein bisschen was Gutes zur Welt beisteuern. Ich veröffentlichte eine Anzeige auf „Vkontakte“, und dann ging’s los. Aus allen Ecken Baschkiriens schrieben mir Frauen. Junge und ältere, stille und hysterische – und alle hatten eines gemeinsam: den Schmerz. Sie alle sagten, sie könnten ihre Narben nicht mehr sehen, sie würden sie an den Tag erinnern, als der geliebte Mann seine Hand gegen sie erhob.

Ich, in meiner ruhigen und fröhlichen Welt, konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass so viele Frauen zu Hause Gewalt erleben. Ich habe schon an die hundert Kundinnen behandelt, und ich weiß, sie wollen bei mir auf der Liege ihr Herz ausschütten und nachdem sie aufgestanden sind, nie wieder an diese Geschichte denken. Ich habe so viele Geschichten gehört, dass ich ein dickes Buch schreiben könnte. Ich versuche, den Frauen eine Freundin zu sein, viele von ihnen kommen mit was Süßem wieder, einfach auf einen Plausch, und sagen: „Zwei Stunden lang hast du uns Schmerzen zugefügt, damit wir den Schmerz vergessen, den wir jahrelang ertragen haben.“

Derzeit nehme ich eine Kundin pro Woche, für mehr reicht weder die Zeit noch das Material. Auch wenn die Selbstkosten bei jedem von diesen Tattoos zwischen 2.000,00 und 4.000,00 Rubel liegen, kann ich von diesen Frauen kein Geld nehmen. So haben meine Eltern mich nun einmal erzogen. Anfragen habe ich viele, bestimmt um die zweihundert. Leider ist Gewalt, genau wie Krieg, immer da.

 

 

Wika (28)

2009 war ich schwanger. Eines Tages holten mich mein Exmann und sein Kumpel von der Arbeit ab und fuhren mit mir in den Wald. Mein Mann brüllte, er wolle dieses Kind nicht, irgendwelche alten Weiber hätten ihm gewahrsagt, es sei nicht von ihm. Er holte ein großes Küchenmesser hervor. Stieß es mir immer wieder gegen die Brust, aber schaffte es nicht, richtig zuzustechen. Dann gab er das Messer seinem Freund. Der wollte es mir in die Brust rammen. Ich wehrte es mit meiner Tasche ab. Es floss viel Blut. Mein Mann erschrak, stürzte sich auf seinen Kumpel, schlug ihn zusammen, brachte mich ins Krankenhaus. Die Ärzte riefen die Polizei, mein Mann wurde noch im Krankenhaus festgenommen. Er bekam acht Jahre, sein Freund, glaube ich, sechs. Die Ärzte konnten nicht nur mich retten, sondern auch das Kind. Der Chirurg sagte mir später, das Messer hätte die Schlagader um zwei Millimeter verfehlt. Ich habe daran gedacht und hätte auch Möglichkeiten gehabt, meinen Exmann noch direkt in der Haft zu bestrafen. Aber als mein Sohn zur Welt kam, ließ das nach. Am liebsten denke ich weder an meinen Mann noch an jenen Tag. Aber jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel geschaut und diese Narbe gesehen habe, kamen sofort die Erinnerungen hoch. In den Ufaer Nachrichten hörte ich von Shenja und dachte, dass mir das helfen würde, mit der Vergangenheit abzuschließen. Es war schwierig, zu glauben, dass mich jemand umsonst tätowieren würde. Ich kam ins Studio, man sagte mir: „Doch, das stimmt“, und gab mir eine Telefonnummer für die Terminvereinbarung. Shenja und ich sprachen miteinander und entschieden uns für einen Schmetterling, der ist in vielen Kulturen ein Symbol für die Reinkarnation der Seele.

„Der Chirurg sagte mir später, das Messer hätte die Schlagader um zwei Millimeter verfehlt.“

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Die Fotoreportage

des Fotografen Wadim Braidow ist im russischen Original in der unabhängigen Onlinezeitschrift „Takie Dela“ erschienen. Sie wurde von Jennie Seitz ins Deutsche übersetzt und auf „dekoder.org“ publiziert. „Welt der Frau“ druckt sie mit freundlicher Genehmigung nach. „Dekoder“ übersetzt unabhängige russische Internetmedien ins Deutsche und macht „spezifisch russische“ Begriffe und Gegebenheiten durch Sacherklärungen europäischer WissenschaftlerInnen verständlich. Auf dem Portal finden sich auch weitere Materialien zu häuslicher Gewalt in Russland. Im Juni 2016 wurde „dekoder“ mit dem „Grimme Online Award“ in der Kategorie „Information“ ausgezeichnet.

www.dekoder.org

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/17 – von Wadim Braidow

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