Auf einen Augenblick:
Scheitern lernen

Wer über seine Beine stolpert, steht am besten selber wieder auf.

In der vierten Klasse sollten wir unser Lieblingsbuch mitbringen. Stolz legte ich einen Band „Donald Duck“ auf den Tisch. Ob ich denn nichts anderes lese, fragte meine Lehrerin säuerlich. Doch, stammelte ich, was eine glatte Lüge war. Anderes begann ich erst später zu lesen. Und auch das nicht zuungunsten meiner Treue gegenüber Dagobert und Donald, Tick, Trick und Track. Wer jetzt Micky Maus zufügen will, ist raus. Micky Maus ist was für Langweiler. Immer kann, weiß und macht sie alles richtig. Ist korrekt, freundlich und nervig besserwisserisch. Micky Maus ist das mausgewordene Erziehungsideal versucht kindgerechter PädagogInnen. Jaja, wir haben verstanden: Wir sollen was lernen. Dabei ist es Donald, von dem man fürs Leben lernt. Nämlich wie Scheitern geht. Donald ist ein Stehaufmännchen. Auch der tausendste Misserfolg hindert ihn nicht, an das große Glück zu glauben, das einmal doch auch ihn treffen muss. Dafür träumt er und kämpft er und zetert er und klagt er.

Lieber Donald, du bist mein Held, eben weil du kein Held bist. Du bist die menschlichste aller Enten. In dir konnte ich mich wiederfinden, auch in meiner Wut und in meinem Frust und in meiner Enttäuschung. Deine Übertreibungen lehrten mich Selbstironie.“Aber die Gewalt!“, ereiferten sich die Moralisten. Ach, Gewalt! Niemals kommt jemand ernsthaft zu Schaden. Ein paar Sterne tanzen um den Kopf, und dann ist die Sache wieder gut. Katharsis nennt man das. So habe ich gelernt, dass man einem unliebsamen Gegenüber zwar keinen Stuhl an den Kopf wirft – die Vorstellung davon aber ungemein erleichternd sein kann. Du bist cholerisch und dennoch in der Tiefe deines Herzens ein Guter. Manchmal stolperst du eben über die eigenen kurzen Beine. Aber wenn es darauf ankommt, dann verkörperst du selbstverständlich christliche Tugenden. Hilfsbereitschaft zum Beispiel. „Steht doch schon in der Bibel!“, sagst du. Dann ziehst du selbst den ärgsten Gegner mit ins rettende Boot.

Du weißt, was Sinnkrisen sind. Du weißt, wie es ist, „ein Niemand, der allernichtigste Niemand in ganz Entenhausen“ zu sein. Ach Donald, du wirst es nie zu etwas Großem bringen. Dafür aber bist du nicht geizig wie dein Onkel Dagobert. Und auch nicht so eingebildet wie dein Vetter Gustav. Du lässt dich nicht unterkriegen: „Heut morgen ist mir die Zunge in den Rührfix gekommen, gestern Abend ist mir das Seifenpulver in die Rühreier gefallen und vorgestern … na ja!“ „Auf ein Neues!“, ist dein Wahlspruch. Wenn das eine nicht klappt, dann versuchst du es eben mit dem Nächsten. Du warst Erfinder, Profifußballer, Uhrmacher, Sheriff, Feuerwehrmann, Würstchenverkäufer. Und Privatdetektiv. „Seit wann denn das?“ „Seit heute. In Entenhausen bin ich die Nummer eins.“ Eben.

 

Mach's wie Donald

Der Kuchen ist misslungen, der Vortrag wurde zum Gestotter, das Geburtstagsgeschenk war ein Fehlgriff? Noch einmal! Das nächste Mal wird es besser. Auch die Bibel ist ein Buch des kolossalen Scheiterns. Eva, Jona, Jesus – keiner, der ohne diese Erfahrung lebte. Also: „Mach dich ohne zu zögern an die Arbeit! Hab keine Angst und lass dich durch nichts entmutigen!“ (1. Chronik, 28)

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Susanne Niemeyer

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