In der Ferne komme ich mir nahe

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Familie ist für die Tirolerin Eva Wallensteiner ein weit gefasster Begriff. Seit 30 Jahren ist auch Indien ihr Zuhause. Dort engagiert sie sich, dort lebt sie mit.

Ich engagiere mich leidenschaftlich im Sinn einer großen Familie“, sagt Eva Wallensteiner (48), die sich entschieden hat, ungebunden und unabhängig zu bleiben. Seit 2004 arbeitet die promovierte Theaterwissenschaftlerin aus Innsbruck für die Katholische Frauenbewegung Österreichs sowie die Dreikönigsaktion der Jungschar und ist als Projektreferentin für zehn Bundesstaaten in Nord- und Nordostindien zuständig. Ein- bis zweimal jährlich reist sie in die Regionen, um sich mit lokalen ProjektpartnerInnen auszutauschen. „Nicht Charity, sondern Hilfe zur Selbsthilfe“, lautet das Motto. Religionszugehörigkeit spielt keine Rolle. „Uns ist wichtig, dass die Projekte den Leuten vor Ort helfen, ihre Rechte zu erkennen und ihre Lebenssituation verändern zu können“, sagt Wallensteiner. Sich selbst sieht sie dabei als „Netzwerkerin und kulturelle Übersetzerin, die den Entscheidern Projekte ans Herz legt“, und als diejenige, die von außen Lücken im System aufzeigen kann: „Für die Evaluierung und das Monitoring haben wir ExpertInnen vor Ort, die den Staat in die Verantwortung holen, sodass die Gesetze, deren Realisierung auf BeamtInnen-Ebene oft stecken bleibt, implementiert werden können.“

Wie sah Ihre Herkunftsfamilie aus?
Eva Wallensteiner:
Mein Vater war Telefonmechaniker und ein Mensch mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, meine Mutter Erzieherin in einem Kinderheim. Mit vier Jahren wurde sie Vollwaise. Ihre Eltern starben kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an Tuberkulose. Sie musste Hunger leiden, schon als Kind hart arbeiten und wurde zwischen Verwandten hin- und hergeschickt. Ihre ältere Schwester wurde Nonne und ging in die Mission nach Kolumbien. Einige Parallelen zu meiner Familiengeschichte finde ich auch in Indien. Vielleicht ist dieses Land deshalb seit 30 Jahren meine zweite Heimat. Dabei war ich das erste Mal im Alter von 18 beinahe zufällig dort. Ich suchte weder Erleuchtung noch einen Guru.

Was trieb Sie dann an?
Meine Schwester. Nach meiner Matura überzeugte sie unsere Mutter, mich mit der „International Travelling School“ reisen zu lassen, damit ich unterschiedliche Lebensrealitäten sehen und von Menschen lernen konnte. Mich selbst hat Indien nicht wirklich interessiert. Ich wollte Schauspielerin werden, träumte von Hollywood. Aber schließlich brach ich doch für sechs Monate nach Indien auf. Ich kam mit den vielfältigen indischen Kulturen in Kontakt, aber auch mit Armut, Krankheit und Unterdrückung. Diese Reise und alle, die folgten, veränderten mein Leben. Je länger ich in der Ferne blieb, umso näher kam ich mir selbst. Die Beschäftigung mit dem Fremden bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur.

Sie widmeten Ihre Dissertation „Begehrt und verstoßen“ den Volkstänzerinnen von Westbengalen. Was hat es mit diesen auf sich?
Seit dem Mittelalter hatten Frauen im indischen Theater keinen bedeutenden Platz mehr. Ihre Rollen übernahmen Männer. In den 1990er-Jahren wurden dann Volkstänzerinnen, die auf der Bühne in Glitzerkostümen und mit weiß geschminkten Gesichtern von Liebe sangen und gleichzeitig zum Aufstand gegen Ausbeutung aufriefen, wie Göttinnen verehrt. Doch kaum waren sie abgeschminkt, galten sie als rituell unrein. Mich hat dieses ambivalente Verhältnis interessiert. Ihre Situation verbesserte sich langsam. Man muss das Unrechtsbewusstsein der Frauen bilden und ihnen neue Möglichkeiten aufzeigen.

Klappt das?
Ja. Ich sehe sehr viel Veränderung in Indien. Nach wie vor gibt es Mädchen-Infantizid und Diskriminierung von Frauen, aber das ist nur ein Teil der Realität. Inderinnen sind starke Persönlichkeiten. Sie stehen nicht ihren Mann, sondern ihre Frau und betonen ihre Weiblichkeit. Vor 30 Jahren sah man wenige Frauen im öffentlichen Raum. Viele sprachen ihren Ehemann aus Respekt nicht mit dem Namen an, weil der Ehemann als Gott gilt. Jetzt geben Frauen in den Dörfern vielfach den Ton an. Solidarisch kämpfen sie für Bildung und gegen Diskriminierung. Ihr solidarisches Handeln ist beeindruckend. Kommt es trotz gesetzlichem Verbot zu häuslicher Gewalt, schreiten Frauen-Selbsthilfegruppen ein. Fortschritt ermöglichen auch die moderne indische Demokratie und die Frauenquoten. Der Bundesstaat Bihar etwa hat im Panchayat, der dörflichen Selbstverwaltung, eine 50-Prozent-Quote. Seit Frauen verstärkt partizipieren, sinkt auch die Korruption bei Wohlfahrtsleistungen.

Das gesamte Interview lesen Sie in der Printausgabe. 

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/17 – von Petra Klikovits

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