Sieben Frauen, 70 bewegende Jahre

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Österreichs größte Frauenorganisation, die Katholische Frauenbewegung (kfbö), feiert ein rundes Jubiläum. Die Arbeit der vorsitzenden Frauen orientiert sich seit jeher an den Themen der Zeit und spiegelt auch den Wandel von weiblichem Empowerment wider.
40_1947 Gründerin Berta Wolf WEBBerta Wolf Im Mai 1947 wird in Maria Plain bei Salzburg die ­Katholische Frauenbewegung Österreichs gegründet. Erste Vorsitzende wird die promovierte Mittelschullehrerin Berta Wolf. Ihre Definition von der „christlichen Frau als Gehilfin des ­Mannes, der Kinder und aller Menschen“ entspricht dem damals gängigen weiblichen Rollenbild: „Wenn der Mann die Krone der Schöpfung ist, so ist die Frau die Krone des Mannes.“


He40_herta_pammer1978 WEBrta Pammer Als die Wiener Professorin das Zepter übernimmt, weht ein neuer Wind. Mit ihrem Motto „Plaudern brauchen wir nicht, es soll schon etwas Ernstes werden“ vertritt sie ein weitaus emanzipierteres Frauenbild als ihre Vorgängerin. Konfrontationen scheut sie nicht, gerne fällt sie auch Entscheidungen über den Kopf des ihr zur Seite gestellten Frauenseelsorgers hinweg. 1958 ruft Pammer dazu auf, über den Tellerrand zu blicken – und startet die „Aktion Familienfasttag“. Die erfolgreiche Spendenaktion wird europa­weit zur ersten großen kirchlichen Aktion gegen den Hunger auf der Welt.


Inge LoidlInge Loidl Die ehemalige Schriftleiterin der „Welt der Frau“-­Vorgängerin „Licht des Lebens“ stellt das Teilen und die weltweite Solidarität in den Mittelpunkt ihres Wirkens. Für die promovierte Volkskundlerin aus Oberösterreich gilt: Frauen gewinnen durch Bildungsmaßnahmen an Wissen und Verantwortung. Selbstständigkeit ist Loidls deklariertes Ziel.


40_ingrid klein_by_haiden_6266 WEBIngrid Klein „In den 1980er-Jahren kommt die Frauenemanzipationsbewegung verbreitet in der Kirche an. Ein großes Merkmal dieser Zeit ist, dass die Bewegung in der kirchlichen Frauenorganisation spürbar gelebt und gefordert wird – und das nicht nur in der Kirchenpolitik, sondern auch in der Gesellschaft. Es gibt erstmals eine Frauenstaatssekretärin und später dann eine Frauenministerin. „Das war politisch sehr wichtig und gab den engagierten Frauen Rückenwind. Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Leitlinienprozess von 1990 bis 1993. Wir diskutierten gemeinsam in Gruppen, was die Ziele der kfb sein sollen. Ich denke, dass das ein sehr wichtiger und stärkender Beitrag für die Organisation war.“


Photo by Jacqueline GodanyMargit Hauft „Als Netzwerkerin holte ich die kfb aus der katholischen Nische hervor und etablierte sie als größte gesellschaftspolitische Frauenorganisation des Landes. Unermüdlich traten wir für gleiche Löhne, Frauenquoten und mehr Frauen in Führungspositionen ein, auch in kirchlichen Ämtern. Unter meiner Ägide entstand auch eine gute Gesprächsbasis mit PolitikerInnen und SponsorInnen. Medial orchestrierte Benefizsuppenessen fanden fortan in der Hofburg und im Parlament statt, getreu dem Motto ,Tue Gutes und rede darüber‘. Auch männliche Interessenten, wie etwa der damalige Frauenminister Herbert Haupt, waren bei uns willkommen. Mit Jahresthemen wie ,Die Kraft ist weiblich‘ wurden wir greifbar und angreifbar. Viele Bischöfe fühlten sich durch solche Ansagen provoziert. Dieser Gegenwind brachte uns aber auch vorwärts, war ein Kompliment und Qualitätszeichen für unsere Arbeit. Die kfb wird auch weiterhin Spuren hinterlassen, eine Fackel im Sturm bleiben, tanzend vorangehen und laut, kreativ und hartnäckig Forderungen stellen, um gehört zu werden.“


Barbara Haas41_s_3_haas_röbl WEB „Während meiner Amtszeit setzte sich die kfb in ihrer Bildungsarbeit österreichweit intensiv mit dem Thema ,Heute Christin sein‘ auseinander. Das Ergebnis daraus beschreibt das Selbstverständnis der kfb mit folgenden Begriffen: in Tradition gewachsen, das Wort Gottes hörend, der Frauen gerecht, von Werten geleitet, dem Leben dienend, in Gemeinschaft getragen, zum Handeln bewegt. Auch heute sehe ich hier noch einen großen Wandel. Ich denke, einen geerbten Glauben, den man selbstverständlich lebt, gibt es nicht mehr. Heute ist es vielmehr eine bewusste Entscheidung: ,Ich will mich als Christin in der Kirche und in der Gesellschaft einbringen!‘ Die Haltungen der Frauen haben sich verändert. Hier muss die kfb sich überlegen, wie sie als Organisation attraktiv bleibt. Besonders berührend in meiner Arbeit fand ich die Begegnungen mit Frauen. Mit ihrem Tun und Sein verändern sie die Welt positiv. Dr.in Manuela Kalsky zum Beispiel, eine Dogmatikerin aus Holland, setzt sich für das neue ,Wir‘ ein. Sie ist der Meinung, dass sich die katholische Kirche in Bezug auf die multikulturelle Gesellschaft nicht über Abgrenzung definieren sollte, sondern in Beziehung zu ihr. Das betrifft auch unterschiedliche Meinungen und Lebensweisen. Die Frage ist: Mit welcher Grundstimmung begegnen wir den ständig neuen Heraus­forderungen?“


41_pernsteiner_kfb WEBVeronika Pernsteiner „Seit meinem Antritt arbeiten wir daran, die Welt nachhaltig und sozial gerecht zu ,fair-ändern‘, indem wir Grenzen im Kopf auflösen und zu einem bewussten Leben aufrufen. Nicht nur durch unsere ,Aktion Familienfasttag‘ (www.teilen.at) möchten wir globale Probleme wahrnehmen und Negativentwicklungen durchschauen und durchbrechen. Wir brauchen einen Systemwandel. Dem Hass im Netz und der Entsolidarisierung in Europa etwa begegnet die kfb durch ,Hand-in-Hand-Aktionen‘ mit Musliminnen und Jüdinnen sowie durch Schulterschlüsse mit einer Million Frauen aus allen deutschsprachigen Frauenverbänden. Im europäischen Dachverband ,Andante‘ beschäftigen wir uns dieses Jahr mit Zwangsprostitution. Bewusstsein schaffen wir aber auch für die subtilen Formen weiblicher Ausbeutung. Sie geschieht zum Beispiel in der Pflegearbeit, wenn Tausende osteuropäische Familien mutterlos zurückgelassen werden, aber auch in Kinderwunschkliniken, die mit anonymen Eizellspenden Geschäfte machen. Ist uns klar, welche Folgen solche Eingriffe für Frauen haben? Begreifen wir, dass hier eine Generation an Kindern produziert wird, die vielleicht ein Leben lang darunter leiden wird, dass sie nur eine Hälfte ihrer Wurzeln kennt? Leuchtet uns ein, dass auch die Kopftuchdebatte auf den Köpfen von Frauen ausgetragen wird, zulasten ihrer Entscheidungsfreiheit? Wir müssen aufwachen und ein großes Miteinander auf Augenhöhe in die Wege leiten! Mit unserem kommenden Zweijahresschwerpunkt ,Frauen.Leben.Stärken‘ möchten wir Potenziale der Frauen heben und ihre Resilienz stärken.“


Fotos: kfb-Archiv, privat, Christine Haiden, Jacqueline Godany, Andreas Röbl, Sabine Kneidinger

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/17 – von Petra Klikovits & Sophia Lang

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