Die inszenierte Konfrontation

Ruth Wodak

„Invasion der Flüchtlinge“, „korrupte Politiker“, „Die einfachen Bürger werden nicht gehört“: Rechtspopulistische Parteien mobilisieren mit Skandalisierung und Angstmache. Die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak untersucht Mechanismen dieser Politik und erklärt, warum Frauen eher anders wählen.

Vor der Stichwahl zum Bundespräsidentenamt sagte der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, er wolle „Präsident aller Österreicher“ sein. Was hat er damit gemeint?
Ruth Wodak:
Auf Nachfrage definierte Hofer, er meine mit „Österreicher“ all jene, die hier die Staatsbürgerschaft besitzen. Gleichzeitig stellte er andernorts fest, dass der Islam nicht zu Österreich gehöre, daher unterstellte er auch, dass Muslime, selbst solche mit österreichischer Staatsbürgerschaft, nicht zu den „Österreichern“ gehörten; und wieder andernorts, dass es einen Unterschied gebe zwischen einer „Schickeria“ und den „Österreichern“. Wer sind nun die „echten Österreicher“? Alle mit Staatsbürgerschaft, abgesehen von MuslimInnen und der Schickeria? Hier haben wir ein wichtiges Charakteristikum des Rechtspopulismus, nämlich das permanente Neudefinieren von Ingroups und Outgroups – also die recht flexible Auslegung, wer dazugehört und wer draußen bleiben muss.

Rechtspopulistische Parteien berufen sich oft auf das Volk, auf die einfachen BürgerInnen und traditionelle Werte. Was ist falsch daran?
Gegen ein Traditionsbewusstsein, das auch andere Werte akzeptiert und respektiert, ist nichts einzuwenden. Die Gefahr liegt im Dogmatismus. Wenn eine Partei versucht, die Gesellschaft – die ja immer vielfältig ist – auf bestimmte Eigenschaften und Mitglieder zu reduzieren, und andere ausgrenzt, wenn sie also rigide ideologische Wertungen setzt, dann ist das bedenklich.

Ihr Buch heißt „Politik mit der Angst“, denn RechtspopulistInnen arbeiten besonders stark mit Angstgefühlen. Wie genau machen die das?
Momentan wird eine starke Konfrontation inszeniert, in der die Flüchtlinge und Migranten als große Bedrohung von außen erscheinen. Norbert Hofer hat sie auch als „Invasoren“ bezeichnet. Das ist das alte Sündenbock-Muster: Ein Phänomen übersteigert darstellen, einen simplen Verursacher festmachen, dann die Hoffnung wecken, dass es eine Lösung gebe, wenn man diesen Verursacher entferne, und sich dann als Retter stilisieren. Man kanalisiert die Angst also in eine ganz bestimmte Richtung und bietet die einfache Lösung an: „Wenn es diese Flüchtlinge nicht gäbe, dann ginge es uns gut.“

Und wer als Sündenbock fungiert …
… das ist flexibel. Mal sind es die Türken, dann sind es die Migranten insgesamt, dann sind es die Flüchtlinge, und vorher waren es die Juden oder die Roma.

Rechtspopulistische Parteien fordern oft auch mehr direkte Demokratie und Volksbefragungen. Ist das nicht ein richtiges Anliegen?
Natürlich sind Bürgerbewegungen und demokratische Teilhabe ganz wichtig. Unsere Stimmen müssen gehört werden. Dennoch sollen aber diejenigen entscheiden, die – eben in einer repräsentativen Demokratie – von uns gewählt wurden und die die notwendige Expertise besitzen. Ich weiß zum Beispiel viel zu wenig über Klimawandel und traue mir nicht zu, in diesem Feld kompetent zu urteilen. Ich kann natürlich meine Meinung äußern, aber entscheiden und verantworten sollen jene, die es gelernt haben. Politik ist schließlich ein Beruf, und wir brauchen Experten für komplexe Sachverhalte.

Das ganze Interview finden Sie in „Welt der Frau“ 0708/16

Was ist Rechtspopulismus?

  • Ruth Wodak nennt im Interview vier Elemente: RechtspopulistInnen behaupten, für „das Volk“ zu sprechen. Die Behauptung ruht auf der Annahme, es gebe ein homogenes Volk, wobei flexibel definiert wird, wer dazugehört und wer nicht.
  • Das zweite Element rechtspopulistischer Politik ist Autoritarismus. Man wünscht eine streng geführte Gesellschaft mit einer Fokussierung auf Recht und Ordnung und auf starke Führungspersonen, die angebliche Sicherheit versprechen.
  • Hinzu kommt, als drittes Element, (nativistischer) Nationalismus. RechtspopulistInnen betonen die Nation als Fundament der Gesellschaft, meist ist dies mit Blut-und-Boden-Vorstellungen von Zugehörigkeit zu einem Volk über Geburtsrecht gebunden.
  • Das vierte Element ist der Konservativismus beziehungsweise Traditionalismus. Rechtspopulistisches Denken ist stark an Vergangenem und Bestehendem orientiert, spricht sich oft gegen Veränderung aus, also gegen Globalisierung, gegen Modernisierung und Fortschritt, gegen Wandel der Geschlechterrollen.
  • Diese vier Elemente werden von den verschiedenen rechtspopulistischen Strömungen unterschiedlich stark betont.

37_wodak_cover Kopie KLEINRuth Wodak:
Politik mit der Angst.
Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse.
Edition Konturen,
29,80 Euro

Ruth Wodak ist emeritierte Professorin für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien und der Lancaster-Universität in Großbritannien. 

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Andrea Roedig

Dieser Artikel hat Sie neugierig gemacht auf „Welt der Frau“?
„Welt der Frau“ 2 Monate kostenlos testen oder abonnieren.

Kommentare geschlossen.