Eignen sich Kinder als Lebenssinn?

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In den Debatten über Fortpflanzungsmedizin wird oft vom Recht auf ein Kind gesprochen. Erst Nachwuchs mache das Leben sinnvoll. Kann diese These stimmen?

84 Prozent der oberösterreichischen Eltern, die Kinder unter 16 haben, geben in einer aktuellen Umfrage des IMAS-Instituts an, dass vor allem ihre Kinder ihrem Leben Sinn geben. Das ist berührend. Spontan stehen in mir Bilder von glücklichen Familien auf. Menschen, die sich umeinander kümmern, füreinander interessieren, Eltern, die in ihren Kindern einen Schatz sehen, und Kinder, die mit liebevoller Fürsorge begleitet werden. Dann schleichen sich aber auch Argumente aus der aktuellen Debatte um die Fortpflanzungsmedizin in meinen Kopf. Da wird vom „Recht auf ein Kind“ geredet, das selbstverständlich auch gleichgeschlechtlichen Paaren zustehen muss. Einem Recht, das aber oft nur mithilfe der Medizintechnik und unter Einsatz gespendeter Samen und Eizellen umsetzbar ist. Da werden, ob bei gleich- oder verschiedengeschlechtlichen Eltern, Kinder tatsächlich gemacht. Wenn sie aber, um den Lebenssinn der Eltern zu stiften, gemacht werden, was bedeutet das für die Kinder? Wer meint, Kinder seien schon immer der Lebenssinn der Menschen gewesen, sollte die Geschichte der Familie und auch die vielschichtige Bedeutung von „Sinn“ etwas genauer ansehen.

Kinder waren zu Zeiten, als ein Großteil der Menschheit auch hierzulande mit dem bloßen Überleben beschäftigt war, fast ausschließlich die Lebensversicherung der Alten. Noch im 19. Jahrhundert fristeten 80 Prozent der Menschen ihr Leben als unfreie Bäuerinnen und Bauern, Knechte und Mägde, ungebildet, nicht versichert, medizinisch unterversorgt. Viele Kinder starben früh, diejenigen, die überlebten, waren als Arbeitskräfte schon ab dem 13. Lebensjahr im Einsatz. Persönliche Beziehungen zwischen Eltern und Kindern in unserem heutigen Verständnis waren unüblich. In manchen Familien wurden die Eltern bis weit ins 20. Jahrhundert noch mit „Sie“ angesprochen. Doch dann ging es weiter mit der Entwicklung eines Wohlfahrtsstaates und vor allem mit der drastischen Reduktion der Kinderzahl – dank Pille, Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit und besserer Frauenbildung. Mit der Entwicklung hin zur Ein- und Zweikindfamilie kam auch die Auflösung des Großfamilienverbandes. Heute ist die Entscheidung für ein Kind meist bewusst. Fast jedes Kind wird erwartet. Die Schwangerschaft wird vielfältig begleitet und überwacht, die Geburt soll zum unvergesslichen Erlebnis werden und das Kind tritt seinen Auftrag als SinnstifterIn an. Das ist verständlich und in der Entwicklung betrachtet sogar logisch. Aber ist es auch gut?

SinnstifterIn zu sein ist eine große Bürde, wenn es von einem Menschen erwartet wird. Wie kann oder muss ich sein, damit der oder die andere aus mir Sinn zieht? Ist es nicht eine völlige Überforderung, für einen anderen den Kern des Daseins bilden zu müssen? Sinn heißt, dass sich mir ein innerer Zusammenhang erschließt, warum ich da bin, warum es sich lohnt, dieses Leben anzunehmen und zu gestalten. Der Sinn des Lebens sei das Leben selbst, sagen manche. Zu diesem Leben gehört aber mehr, als ein Kind oder Kinder zu haben. Das umfasst auch, wie ich meine Talente lebe, wie ich in Gemeinschaften eingebunden bin und mich darin einbringen kann. Zu einem ganzen Leben gehören auch das Alleinsein, die Brüche, die Kata­strophen, die Ängste, der Tod, das alles ist Teil eines Lebens. Und folgt man dem Satz, dass das Leben selbst der Sinn ist, dann ist all das auch Quelle von Sinn. 

Warum werden dann Kinder von den Erwachsenen mit der Bürde als alleinige oder hauptsächliche Sinnstifter belegt? Darüber kann man nur spekulieren. Es könnte damit zu tun haben, dass Kinder im Kern als Geschenk empfunden werden und das Wunder des Heranwachsens als unwiederholbar miterlebt werden will. Es kann sein, dass die Hoffnung, in der nächsten Generation weiterzuleben oder zumindest das Erworbene an eigenes Blut weiterzugeben, ein Motiv ist. Möglich ist auch, dass Erwachsene hoffen, in ihren Kindern die einzig wirklich stabilen, jenseits von Nützlichkeit und Konsum tragenden Beziehungen zu finden. Schließlich wäre noch zu fragen, ob in einer säkularen Welt Kinder ein Ersatz für Sinnstiftung durch Glauben und Transzendenz sind. 

Eignen sich Kinder als Sinnstifter? Vielleicht ist die Antwort leichter, wenn man sie umdreht und fragt: Eignen sich Eltern als Sinnstifter für Kinder? Vorläufig und nur sehr begrenzt.

Höflich, sparsam und sehr nett

  • Das Meinungsforschungsinstitut IMAS hat Eltern in Oberösterreich über ihre Einstellung zur Familie und ihre Erziehungsziele befragt. Dabei wurde festgestellt, dass die überwiegende Mehrheit, 84 Prozent der Eltern, in ihren Kindern den hauptsächlichen Lebenssinn sieht.
  • Damit die nächste Generation den Vorstellungen ihrer Familie entspricht, sollte sie vor allem immer höflich und nett sein, gehorsam gegenüber Älteren und Vorgesetzten.
  • Man will die Kinder aber auch zur Achtsamkeit ihrer Gesundheit gegenüber erziehen und zum sparsamen Umgang mit Geld. Kinder sollten – laut der Meinungsumfrage – aber auch wissensdurstig sein und immer Neues dazulernen wollen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at

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