Was immer noch im Zug passiert

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Auf die Frage „Wollen Sie nicht schreiben, was Ihnen da widerfährt?“ kam die Antwort schriftlich: Eine junge Leserin über das zweifelhafte Vergnügen, in österreichischen Zügen als Frau unterwegs zu sein.

Was für ein Körper. Eine richtige Frau halt. So eine würde halt auch einen richtigen Mann brauchen.“ Der offensichtlich betrunkene Mann im Sitz schräg gegenüber unterbricht seine Tirade über MigrantInnen und fühlt sich bemüßigt, meinen Körper zu kommentieren – seine Rede ist gespickt mit zahlreichen Obszönitäten, die ich hier nicht wiederholen möchte. Ich sage nichts, fühle mich extrem unwohl, gestehe mir aber wenigstens ein schnelles Augenrollen zu. Immerhin bin ich in Begleitung und der Zug wird sein Ziel in zehn Minuten erreicht haben.

Selbst im Jahr 2017 ist man als Frau durchaus noch allerlei ungewollten Annäherungsversuchen ausgesetzt. Es gibt allerdings kaum einen Ort, an dem diese so unangenehm werden können wie in einem Zug, der in absehbarer Zeit nicht halten wird. Denn egal, was Andersmeinende behaupten, eine Zugfahrt mit einem übergriffigen Mann ist kein Vergnügen, selbst wenn am nächsten Bahnhof die Polizei wartet – ja, ich spreche aus Erfahrung.

Als ich das erste Mal realisierte, dass der Mann mir gegenüber nicht wirklich Zeitung las, sondern masturbierte, war ich über die Maßen schockiert und verließ fluchtartig das Abteil. Ich sage „das erste Mal“, weil es sich hierbei leider um etwas handelt, was ich mehrmals erleben musste. Von da an begann ich Abteile generell zu meiden.

Man ist aber auch in Großraumwägen nicht vor Übergriffen gefeit. Ein weiterer betrunkener und über AusländerInnen schimpfender Mann hielt es für angebracht, sich an mich zu pressen und sich langsam zu entkleiden. In einem vollen Zugwagen. In solch einer Situation hilft auch kein Selbstverteidigungskurs, da man dort nicht lernt, wie man sich denn wehren soll, wenn man gerade dabei ist, einen zwanzig Kilo schweren Koffer zu manövrieren. Mein Dank gebührt an dieser Stelle dem jungen Mann, der mir zu Hilfe eilte und die Polizei rief; vermutlich war meine Reaktion (davonzulaufen und weinend meine Mutter anzurufen) nicht die beste, aber die einzige, zu der ich mich in der Lage sah.

Vielleicht ist es die Abgeschlossenheit von Zügen oder die praktisch fehlende Präsenz von Ordnungspersonal, die solche Vorfälle heraufbeschwört. Vielleicht hat es auch mit der durchaus sehr liberalen Einstellung der Bahnunternehmen gegenüber Alkoholkonsum im Zug zu tun. Aber es hat definitiv mit Sexismus zu tun, dass viele Männer und Verantwortliche auf Durchzug schalten, wenn Hunderte Frauen ihre Geschichten im Internet teilen.

Frauenabteile, würden sie denn funktionieren (sprich: Männer-frei bleiben), wären ein Ansatz – aber kann es wirklich die Lösung sein, Männer auszusperren, damit Frauen sich nicht unwohl fühlen müssen? Natürlich ist das einfacher, als eine gesellschaftsweite Diskussion über die Problematik der sexuellen Belästigung vom Zaun zu brechen und sich einzugestehen, dass wir mit der Emanzipation in Österreich vielleicht doch noch nicht so weit sind, wie wir gerne glauben möchten. Allerdings denke ich nicht, dass es als Frau meine Aufgabe ist, in einer aufgeklärten Gesellschaft wie der unseren dafür zu sorgen, dass Männer mich nicht belästigen, indem ich mich mit anderen Frauen in einen separaten Bereich zurückziehe. Eine Problematik wie diese kann man nur durch einen offenen Diskurs in den Griff bekommen, und dafür braucht es mehr als ein paar Twitter-Postings, die nach drei Tagen schon wieder in den Tiefen des Internets verschwunden sind: nämlich eine Gesellschaft, die anerkennt, dass sexuelle Belästigung nach wie vor ein Thema ist – und zwar wohlgemerkt eines, das nichts mit Nationalität zu tun hat.

P.S.: Um das Sicherheitsgefühl von Zug­passagier­Innen zu erhöhen, haben die Österreichischen Bundesbahnen einen Pilotversuch für eine Sicherheitsoffensive ge­startet. Seit Mitte Jänner sind 50 Sicher­­­heits­beamte mit „Bodycams“ ausgestattet, am Körper zu tragenden Überwachungskameras, und kümmern sich in den Zügen und am Bahnhofsgelände verstärkt um Ordnung. Die Testphase läuft auf den Hauptbahnhöfen Wien und Graz.

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/17 – von Veronika Zeppetzauer

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