Eine Frau als Gesamtkunstwerk

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Das Leben – ein Fest: Die Wiener Malerin Raja Schwahn-Reichmann liebt barocke Feste, sammelt Kleider und umgibt sich mit Gegenständen aus aller Welt. Auch als engagierte Bürgerin wählt sie stets die große Robe.

Wenn Raja Schwahn-Reichmanns Zeit für Plaudereien an diesem strahlend sonnigen Vormittag begrenzt ist, dann deswegen, weil frühnachmittags ein kleines Fest mit FreundInnen in ihrer Wohnung anberaumt ist. Es ist Valentinstag. Nicht, dass aus diesem Anlass Zuneigungsbekundungen oder Tulpen verteilt würden. Raja Schwahn-Reichmann steht in einer anderen als der angelsächsischen Tradition, mit der die üblichen Valentinsrituale verbandelt sind. Gerade hat die Wiener Künstlerin per Fahrrad einige Flaschen Rotwein aus ihrem nahe gelegenen Werkstattlager herüber in die Wohnung geholt. Sie hält es mehr mit der osteuropäisch-orthodoxen Tradition, wo am Valentinstag ein Winterauskehrfest gefeiert wird. „In Südbulgarien winden sich die Bauern immergrünes Efeulaub um den Kopf und essen und trinken gemeinsam im Weingarten“, sagt sie.
So etwas ist nach ihrem Geschmack. Denn wo Efeu- und Weinranken im Spiel sind, ist auch Dionysos nicht weit. Und Dionysos, dem griechischen Gott des Weins, der Freude und der ausschweifenden, fröhlichen Festlichkeiten, fühlt Raja ­Schwahn-Reichmann sich ebenso stark verbunden wie den künstlerischen Ausdrucksformen der Antike, jener Epoche, die Dionysos als einen ihrer vielen Götter verehrte. Nur eins liegt ihr mindestens genauso am Herzen, nämlich alles Barocke.

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Raja Schwahn-Reichmann hat Kostümgeschichte und historische Kunsttechniken unterrichtet, Opern-Bühnenbilder und Filme ausgestattet. Sie inszeniert Modeschauen und barocke Feste, malt Wandbilder oder engagiert sich im Denkmalschutz.

ENGEL, FAUNE, MALERPINSEL
Man braucht nur einmal einen Blick auf Raja Schwahn-Reichmanns Visitenkarte im Klappbilletformat zu werfen. Auf der Vorderseite wird man von einer gemalten Szenerie begrüßt: Da flattert ein feistes Barockengerl mit einem Tablett und zwei Rotweingläsern aus blauen Höhen herab. Darunter lagert eine Figurengruppe mit laubbekränzten Faunen und einer Frau im höfisch-barocken Festtagskleid, die eine Malerfarbpalette in der Hand hält. Die assoziative Nähe dieser pinselschwingenden Hofdame zur malenden Kartenbesitzerin ist zweifellos erwünscht. Schlägt man dann die Visitenkarte auf, lacht einen in schwungvoller Handschrift die Mitteilung an: „Barocknotrufnummer im Falle von akutem oder chronischem Minimalismus“. Und schon ist man mittendrin in Raja Schwahn-Reichmanns Welt. Ob man sich von ihrer überbordenden Üppigkeit angezogen oder erschlagen fühlt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Die volle Aufmerksamkeit hat sie auf jeden Fall. Raja ­Schwahn-Reichmann ist Malerin, Restauratorin und Bühnenbildnerin. Sie hat Kostümgeschichte und historische Kunsttechniken unterrichtet, Opern-Bühnenbilder, Musikvideos und Filme ausgestattet, jahrelang den „Life Ball“ federführend mit Malerei, Kostümen und Ausstattung begleitet. Sie inszeniert Modeschauen und barocke Feste, malt große Wandbilder oder engagiert sich im Denkmalschutz.

DEMO IM BAROCKFORMAT
Unter anderem war sie Mitbegründerin des „Josefinischen Erlustigungskomitees“, das sich mit Besetzungen, Demonstrationen und „barock-bacchantischen Mahnwachen“ für die Erhaltung der öffentlichen historischen Gartenanlage am Wiener Augartenspitz einsetzte. Mit gemischtem Erfolg, wie sie heute sagt. Zwar wurde das „MuTh“, der moderne Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, auf den Flächen des Augartenspitzes gebaut, aber, so Schwahn-Reichmann, die Gebäudearchitektur ordne sich weitaus mehr der barocken Umgebung unter, als sie das ohne den zivilen Widerstand des „Erlustigungskomitees“ getan hätte. Über die Bürgerinitiative entstand auch der Dokumentarfilm „Auf die Barockaden“. Darin sieht man Schwahn-Reichmann in flammend roter Barockrobe fahnenschwingend einen Protestzug anfüahren. „Widerstand zu leisten, ist eine kräftezehrende und nervenaufreibende Arbeit. Wie Widerstand möglichst gewaltfrei und fröhlich gestaltet werden kann, hat die Besetzung des Augartenspitzes in Wien gezeigt“, sagte damals der Kulturwissenschaftler und -aktivist Dieter Schrage über Raja Schwahn-Reichmann und die Augarten-Initiative. So ist es mit ihr: Haltung, Engagement und politischer Kampfgeist – ja, aber ohne Verkrampftheit und möglichst inszeniert als Kunstprojekt.

ANREGUNGEN IN REICHWEITE
Raja Schwahn-Reichmann ist eine eloquente, kenntnisreiche Frau mit ausgeprägten Passionen. Und sie ist eine Sammlerin. Ein „Sammelsurium der Inspiranzien“ nennt sie ihre Wohnung im zweiten Wiener Bezirk. Hier lebt sie auf 80 Quadratmetern Altbau, umgeben von Dingen, die ihr im Lauf der Jahre zugewachsen sind. Wie es halt so passiert, wenn man leicht entflammt für Schönes und an keinem Flohmarkt vorbeikommt, ohne dass man das Bedürfnis hat, einem weiteren Fundstück „Asyl zu geben“. Die Künstlerin entstammt einem kunstsinnigen Elternhaus, der Vater Architekt, die Mutter Schauspielerin. „Für mich waren Kunstbücher immer in Griffweite. Sie waren meine Bilderbücher.“ Raja war ein verträumtes Kind, das gern zeichnete. „Dann wird man zu einem optischen Menschen und die sichtbare Welt wird faszinierend – ob es Bilder sind, Gegenstände, Landschaften oder fremde Kulturen, und von jedem Ort muss man etwas haben.“

EIN UNIVERSUM DER DINGE
Davon legt ihre Wohnung beredtes Zeugnis ab. Die winzige Küche mit den filigranen Bambusstühlen quillt über vor Tassen, Kannen, Wandtellern. Sogar vor dem Fenster sind dicht bestückte Regalbretter montiert, und an den Wänden über Kopfhöhe laufen selbst entworfene hellgrün-goldene Borde in Sinuskurvenform rundum, auf denen Porzellane stehen – „so wie in den Chinoiserien des 18. Jahrhunderts, wo jedes Stück seine eigene kleine Etagere an der Wand hatte“. Auch das Wohnzimmer ist eine Fundgrube des Schauens: Eine Porzellanrosen-Sammlung auf dem Sims des barock verkleideten offenen Kamins, folkloristische Blumentücher auf Stuhlsitzflächen, Glasluster und Bücherschränke, Ikonen, alte Spiegel und Bilder in schönen Rahmen an den Wänden, ein Kasten, auf dem sich alte Hutschachteln türmen, ein mit Teppichen bedeckter Diwan, Vasen, Topfpflanzen, eine Schale mit perlenverzierten Ostereiern.

 Je üppiger, desto besser: Malerin, Restauratorin und Bühnenbildnerin Raja Schwahn-Reichmann in ihrem Wohnzimmer. Blumentücher, Bücher, Möbel, alte Bilder: Hier hat sie alles zu ihrer ganz persönlichen Kunstkammer kombiniert.


Je üppiger, desto besser: Malerin, Restauratorin und Bühnenbildnerin Raja Schwahn-Reichmann in ihrem Wohnzimmer. Blumentücher, Bücher, Möbel, alte Bilder: Hier hat sie alles zu ihrer ganz persönlichen Kunstkammer kombiniert.

GROSSER AUFTRITT IM ALLTAG
Mittendrin sitzt Raja Schwahn-Reichmann, die Beine übereinandergeschlagen, in einem schwarzen Faltenrock mit aufgestickten roten Rosen. Auch Oberteil, Tuch und Kniestutzen sind schwarz und mit Blüten verziert. So als käme sie gerade von einem slawischen Volksfest. An ihrem Gürtel baumeln Handy und Schlüsselbund an violetten Samtbändern. Sie hat all die Dinge hier quer durch die Stile unbekümmert zu ihrer ganz persönlichen Kunstkammer kombiniert.

Zu der gehören vor allem auch Kleider, Kostüme und Textilien, denn die Festkultur, die sie so sehr liebt, ist eine der großen Auftritte und der Verwandlung durch Kleidungsstücke. „Da hab ich die eigentliche Gruselkammer“, witzelt sie an der Tür zum Kabinett, in dem ein Teil ihrer Kleidersammlung untergebracht ist. Große Roben, kunstvoll gefältelte Röcke aus Kroatien oder bunt bestickte Trachtenjäckchen aus Ungarn, barocke Kostüme für Männer und Frauen, Stücke aus den 30ern ebenso wie aus den 50er- oder 60er-Jahren sowie gut fünf Dutzend verschiedenster Dirndlkleider hängen hier dicht an dicht bis hinauf zur Decke an langen Kleiderstangen. Dirndl hat Raja Schwahn-Reichmann schon als Studentin an der Akademie der bildenden Künste gern getragen. Zu einer Zeit, als das anders als heute mit der reichen Neuinterpretation des Dirndls durch zeitgenössische Modemacherinnen wie Susanne Bisovsky oder Lena Hoschek im städtischen Raum noch nicht so à la mode war. „Für mich sind Dirndl barock“, sagt sie und meint damit die verschiedenen übereinander getragenen Stofflagen, die fürs Dirndl wie auch für barocke Kleidung typisch sind.

ZEITALTER DER HANDARBEIT
Überhaupt das Barock: Zur Kunst, zum Alltags- und Arbeitsstil dieser Epoche pflegt Raja Schwahn-Reichmann ein besonderes Naheverhältnis. In ihrem Leben genauso wie in ihrer Malerei, die geprägt ist von handwerklicher Meisterschaft und traditionellen historischen Kunsttechniken. Warum ihr alles Barocke so liegt? „Im Barock fließt so vieles zusammen. Die letzten Ausläufer der Antike treffen darin auf die letzte nicht industrielle Epoche. Alles ist noch Handarbeit“, sagt sie. Das Zeitfenster, in dem barocke KünstlerInnen arbeiten konnten, war schmal. Man musste das Tageslicht ausnützen und die warme Jahreszeit. Die Heizmöglichkeiten waren ebenso beschränkt wie der Zugang zu Materialien teuer. Auch die Lebenszeit war begrenzt. „Dadurch war alles wesentlich, es sind keine Überflüssigkeiten passiert.“ Das Fantastische am Barock sei, „dass mit Vehemenz und Schnelligkeit gearbeitet wurde. Das Tempo bedeutet auch, dass man sich nicht verbeißen kann. Dadurch entsteht ein flüssiger Malstrich.“
Es ist genau die Art und Weise, in der sie auch selbst malt. Es ist eine Malerei, die nicht in quadratische Rahmen passt, sondern ins Leben eingreift. Deshalb malt Raja Schwahn-Reichmann ihre Figuren und Szenen vorzugsweise auf Sperrholz, das der Silhouette nach ausgesägt und frei aufgestellt wird. „Ich mache Malerei, die sich den Spaß erlaubt, aus dem Bild herauszutreten.“ Auch das hat, natürlich, barocke Vorbilder. 

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 04/17 – von Julia Kospach

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