Auf die Plätze, fertig, los!

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Frühling ist’s, die Knospen öffnen sich und auch das Herz.

Wochenlang hat man auf die Erde und die Äste gestarrt. Dann, endlich, geht es los: Man passiert den kleinen Sonnenhang mit den Buchen, von dem man weiß, dass dort die Leberblümchen im Frühling mit ihren kleinen Schalenblüten den Boden mit einem blaulila Teppich überziehen werden. Ein ums andere Mal suchen die Augen die Fläche ab, und da ist nichts. Doch eines Tages schaut man – und sieht halb unter einer Wurzel verborgen eine erste lila Blüte. Sie ist kaum ein paar Zentimeter hoch. Fast hätte man sie übersehen, aber sie ist da. Man begrüßt sie freudig, als wäre sie eine alte Freundin, die den Winter woanders verbracht hat und endlich wieder nach Hause zurückgekehrt ist.

Schon steht auch der erste Krokus auf der Wiese. Aufrecht und freundlich, in sonnigem Gelb. Fast wäre man draufgestiegen. Man hat im Herbst zwei Dutzend Krokuszwiebeln auf der Wiese in die Luft geschmissen und dann eingegraben, wo sie gelandet waren. Würden sie aufgehen? Ja, sie haben den Winter gut überstanden, die Kälte genutzt, um nun mit voller Kraft ans Licht zu stürmen. Wenn sie da sind, kommen auch die Blausternchen – und siehe da, einen Fußbreit von der alten Linde steht schon ein erster knospiger Stängel, es dauert keinen Tag, und er hat sich entfaltet und zeigt vier, fünf kleine blitzblaue Sternblüten.

Es ist die Zeit, wo der Garten und der Wald mit solcher Vehemenz wieder zum Leben erwachen, dass man sich bald gar nicht mehr vorstellen kann, mit wie viel Sehnsucht man darauf gewartet hat. Schlagartig haben sich die erbsengroßen, kugelrunden Knospen am Dirndlstrauch geöffnet. Sie sehen aus der Nähe aus, als würden einem Abertausende grellgelber Mini-Cheerleader-Pompons gleichzeitig entgegengestreckt. Wild entschlossen leuchten sie mit dem strahlenden Gelb des blühenden Forsythienstrauchs beim Holzstapel um die Wette.

Die Tulpen fahren ihre spitzen Triebe mit solchem Tempo aus dem Beet, dass man den Eindruck hat, unter der Erde säße jemand, der sie mit aller Kraft anschöbe. Im Herz der Primel-Blattrosetten, die flach und gekräuselt auf der Erde liegen, öffnet sich eine Blüte nach der anderen, und wie jedes Jahr verstecken sich unter den vielen cremegelben Blütenbüscheln auch ein paar wenige, die eine lustige rosa Farbe haben. Man kann sich nicht erinnern, sie gesetzt zu haben, aber sie sind trotzdem da.

Dann erwachen auch die Schachbrettblumen aus langem Schlaf. Sie sind elegant und filigran, ihre Stängel und ihr Blattlaub sind glatt und von gleichmäßig mattem Schilfgrün. Sie strecken sich in die Länge, als hätten sie den Winter gebückt verbringen müssen, und die Farbigkeit ihrer karierten Glockenblüten ist erst blass und wird dann immer intensiver. Im Wiesen-Sprenkeln übertrumpfen einander die schneeweißen Gänseblümchensterne und die samtig-violetten Duftveilchen.

Man schaut und schaut und ist putzzufrieden, fühlt sich eins mit den Dingen und denkt an einen Satz des britischen Nature-Writing-Schriftstellers Charles Foster: „Nur wer blind für die samtig fließende Bewegung von Raupenbeinen und taub gegen das Ächzen des Krokus ist, wenn er die Erde durchbricht, kennt keine Gottesverehrung.“ Klingt pathetisch? Sei’s drum.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/17 – von Julia Kospach

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