Lila und Lenù

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Mit ihrer Romanserie über eine neapolitanische Frauenfreundschaft hat sich Elena Ferrante in die Literaturgeschichte und die Köpfe von Millionen Menschen eingeschrieben. Zwei der vier Bände sind schon auf Deutsch erschienen. Eine Bestandsaufnahme zur Halbzeit.

Manchmal begegnet man Romanfiguren, von denen man weiß, dass sie bleiben werden. Dass sie einem immer wieder einfallen und nie mehr ganz aus dem Kopf gehen werden. Man freut sich über sie wie über neue wichtige Menschen, die einem durch eine glückliche Fügung zugewachsen sind. Zugleich ist zu spüren: Durch diese Figuren wächst das grandiose Personal der Weltliteratur, und unzählige andere Leserinnen und Leser werden sich von demselben Sog erfasst fühlen wie man selbst. Denn große Romane und ihre zentralen Charaktere gehen immer viele an.

Die neapolitanische Schusterstochter Raffaela Cerullo, genannt Lina oder Lila, und ihre Freundin Elena Greco, genannt Lenuccia oder Lenù, Tochter eines Pförtners, sind zwei solche Figuren. Auf Deutsch wird Ende August der dritte von vier Bänden der mitreißenden Geschichte erscheinen, in der die Schriftstellerin Elena ­Ferrante vom Leben dieser beiden Freundinnen erzählt.

EINE LEBENSFREUNDSCHAFT
Kaum kann man es erwarten zu erfahren, wie es nach den beiden ersten Bänden „Meine geniale Freundin“ (2016) und „Die Geschichte eines neuen Namens“ (Jänner 2017) mit Lila und Lenù/Elena und ihrer ebenso dichten wie wechselhaften Lebensfreundschaft weitergeht, von der die Autorin schon ganz zu Anfang hat wissen lassen, dass diese sich über mehr als sechs Jahrzehnte spannen und erst mit dem spurlosen Verschwinden der dann 66-jährigen Lila zu Ende gehen wird. Dieses Verschwinden ist für ­Elena der Auslöser, ihre gemeinsame Geschichte mit Lila zu Papier zu bringen. Elena ist die Icherzählerin, und es ist wohl kein vollkommener Zufall, dass diese literarische Frauengestalt ihren Vornamen mit Elena Ferrante, dem von der italienischen Erfolgsautorin gewählten Pseudonym, teilt. Dass im Vorjahr eine Flut von Berichten der Enttarnung dieses Pseudonyms gewidmet war und man nun zu wissen glaubt, wer sich hinter Elena Ferrante verbirgt, gehört zu den Unappetitlichkeiten eines Mediengeschäfts, das nicht akzeptieren will, dass eine Schriftstellerin sich für die Anonymität entschieden hat. Wir belassen es bei Elena Ferrante.

MACHISMO UND FRAUENKÖRPER
Die Welt, in die Lila und Elena 1944 hineingeboren werden und deren erstickend enge Grenzen die Erzählung der ersten beiden Romanbände selten überschreitet, ist ein heruntergekommenes Armenviertel in Neapel. Dort lässt die Kultur von Machismo und Mafia besonders Mädchen und Frauen wenig Spielraum. Die Gewalt auf den Straßen spiegelt sich in der Beengtheit dunkler, schäbiger Wohnungen. Lila und Elena wachsen mit der Vorstellung auf, „dass ein Fremder uns keinesfalls anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte, aus Liebe, um uns zu erziehen und uns zu bessern“. Über Frauenkörper wird verfügt, an Frauenkörpern wird männliche Frustration, Rivalität und Angst um Ehrverlust ausgetragen. Lila, die von einer kratzbürstigen, hochintelligenten Volksschülerin mit explosiver Widerstandskraft zur Schönheit des Viertels heranwächst, glaubt in der Heirat mit dem wohlhabenden Lebensmittelhändler Stefano den Ausweg aus der Armutsmisere zu finden und wird noch am Hochzeitstag eines Besseren belehrt. Anders als Elena, die ihrer bildungsfeindlichen Familie mithilfe einer schroffen Lehrerin und eiserner Selbstdisziplin ein Schuljahr nach dem anderen abtrotzt und schließlich sogar an die Universität nach Pisa geht, bleibt Lila eine Gefangene der brutalen Logik ihrer Herkunft.Lila ist eine faszinierende Frauengestalt: hochbegabt und schnell im Kopf, großzügig und boshaft, launisch und verführerisch, zärtlich und rachsüchtig. Lila weckt auch bei ihrer wichtigsten Vertrauten Elena gleichermaßen Sehnsucht und Aggression „mit ihrer Art, sich meiner zu bemächtigen, wie sie es mit allen Menschen, Dingen, Ereignissen und Erkenntnissen tat, mit allem, was ihr begegnete“. Immer wieder muss Elena sich Lilas (selbst-)zerstörerischer Intensität und erdrückender Präsenz entziehen und merkt doch die Spuren, die diese Getriebene allerorten in ihr hinterlässt.

Eine Frauenfreundschaft in vier Bänden

Elena Ferrante:

Band 1: Meine geniale Freundin. 22,70 Euro
Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens. 25,70 Euro
Band 3: Die Geschichte der getrennten Wege. 24,70 Euro (erscheint am 28. August 2017)
Band 4: Die Geschichte des verlorenen Kindes. 25,80 Euro (erscheint im Februar 2018)

Alle Suhrkamp Verlag.

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Den gesamten Artikel lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/17 – von Julia Kospach

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