Das Engagement des Herzens

46_1_Opener WEB

Wir kommen als mitfühlende Wesen auf die Welt. Weshalb aber verhalten wir uns im weiteren Verlauf des Lebens oft so, als hätten wir keinen Zugriff mehr auf diese Ressource? Und wie stellen wir Mitgefühl wieder her?
 

Jedes Kind kennt Gut und Böse.“ Zu diesem Schluss kommt der Entwicklungspsychologe Paul Bloom, der Langzeitstudien mit drei Monate alten Babys an der amerikanischen Yale-Universität durchführte. Dabei konnte er beobachten, wie bereits die Kleinen Mitgefühl mit Menschen zeigten, die schlecht behandelt wurden, dass sie weinten, wenn andere weinten, und mit Unbehagen darauf reagierten, wenn Menschen Ungerechtigkeit widerfuhr. Schon Kleinkinder verfügen offensichtlich über die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und mit diesen mitzufühlen. Und nicht nur das: Kinder reagieren auf die Schwierigkeiten anderer mit spontaner Hilfsbereitschaft. Dies belegen auch die Experimente des renommierten Verhaltensforschers Michael Tomasello mit 18 Monate alten Kindern. Um deren Hilfsbereitschaft zu testen, stellte er ihnen verschiedene kleine Aufgaben. So ließ er etwa Gegenstände außerhalb seiner Reichweite zu Boden fallen und versuchte vergeblich, nach ihnen zu greifen. Flugs krabbelten die Kleinen zu Hilfe und brachten dem Wissenschaftler die benötigten Dinge. Für Tomasello stellt die Kooperationsbereitschaft von Kindern im vorsprachlichen Stadium den Beweis dafür dar, dass Empathie und Mitgefühl Bestandteile der menschlichen Evolution sind. Er ist davon überzeugt: „Kinder sind von Natur aus altruistisch.“

53_4_Empathie WEBDass diese angeborene Fähigkeit jedoch auch wieder schwinden kann, zeigen die Versuchsanordnungen mit älteren Kindern, bei denen das frühe mitfühlende und hilfsbereite Handeln bereits keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Für den Psychologen Paul Bloom ist das ein Beleg dafür, dass Babys zwar einen Sinn für Gut und Böse mitbringen, dass sich deren ethisches Handeln aber nur dann verfestigen kann, wenn es gefördert wird. Denn der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht liebevolle Beziehungen und inspirierende Vorbilder, damit sich die Gabe des Mitgefühls entfalten und reifen kann.

Wächst ein Kind jedoch in einem Umfeld auf, in dem menschliche Wärme, Fürsorge und Mitgefühl rar sind, dann fehlen ihm nicht nur die Vorbilder für einen guten Umgang miteinander, sondern es wird sich auch Schutzmechanismen zulegen müssen, um die emotionale Kälte seiner Umgebung zu bewältigen. Genau diese frühen Schutzmechanismen sind es, die es Menschen im Verlauf ihres Lebens so schwer machen, ihr Herz vertrauensvoll für andere zu öffnen und sich von deren Leid berühren und anrühren zu lassen.

MITGEFÜHL WIEDERENTDECKEN
Wie aber können wir das in uns angelegte Mitgefühl wieder zum Leben erwecken? Und ist es überhaupt möglich, Schutzmechanismen und Verhärtungen wieder aufzuschmelzen, mit denen wir uns vor dem frühen Schmerz schützen wollten? Die Forschungsarbeiten der Neurowissenschaftlerin Tania Singer am Leipziger Max-Planck-Institut weisen darauf hin, dass wir Mitgefühl bis ins hohe Alter aktivieren und gleichsam wie einen Muskel trainieren können. Denn alles, was evolutionär in uns angelegt ist, kann reaktiviert werden. Bereits nach einer Woche intensiven Mitgefühlstrainings konnte Singer an ihren ProbandInnen eine deutliche Stärkung des prosozialen Verhaltens und der Fürsorge für andere beobachten.

Menschen, denen es anfangs noch schwerfällt, das Mitgefühl des Herzens zu aktivieren, rät die Wissenschaftlerin dazu, erst einmal die „kognitive Empathie“ zu stärken, indem sie sich etwa bewusst in einen leidenden Menschen hineindenken und sich vorstellen, wie die Situation aus dessen Sicht aussehen mag. Unterstützend hierfür sind Geschichten, Filme und Bücher, die Mitgefühl mit den ProtagonistInnen wecken und Vorbilder mitfühlenden Verhaltens zeigen, die zum Nachahmen einladen. Als förderlich für die Entwicklung von Mitgefühl hat sich auch die bewusste Stärkung von verwandten Tugenden wie Großzügigkeit, Versöhnlichkeit und Dankbarkeit erwiesen. Wichtigster Bestandteil des Mitgefühlstrainings jedoch sind die täglichen Mitgefühlsmeditationen, die Tania Singer aus der buddhistischen Geistesschulung adap­tierte und deren positive Wirkungen wissenschaftlich belegt sind. Ihr herzöffnender Effekt fördert die Mitmenschlichkeit und stärkt zugleich das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Lebewesen.


 „Zum Mitgefühl gehört auch das Lachen.“

Trost und Mitgefühl sind nicht nur im menschlichen Miteinander, sondern ebenso im therapeutischen Prozess unverzichtbar. Davon ist Luise Reddemann überzeugt. Die Traumatherapeutin setzt sich seit vielen Jahren für eine „frauengerechte Psychotherapie“ ein.

49_2_kinotraenen WEBMitgefühl und Trost galten in der Psychotherapie und Psychiatrie lange als verpönt. Sie selbst sind eine entschiedene Verfechterin des Trostes. Weshalb ist das für den Heilungsprozess so wichtig?
Luise Reddemann: Mitgefühl ist eine Art von Liebe oder auch Zuwendung. Vor allem, wenn wir leiden, benötigen wir dringend Mitgefühl für uns selbst, und das kann angestoßen werden, wenn die, die uns betreuen oder behandeln, uns mitfühlend begegnen. Jeder Mensch, der das in schwierigen Momenten erlebt hat, weiß um die Erleichterung, die sich dadurch einstellen kann.

Was haben Sie Ihre Erfahrungen mit traumatisierten Menschen im Hinblick auf Mitgefühl gelehrt?
Dass es wichtig ist, achtsam, offen, neugierig, mutig und eben auch mitfühlend zu sein. Und dass es selten hilfreich ist, zu meinen, ich wisse besser, was gut sei für andere, als diese selbst. Das nenne ich Würdeorientierung, die untrennbar zum Mitgefühl gehört. Mitgefühl allein ist im Übrigen nicht alles, sondern wir brauchen, um mit Leichtigkeit mitfühlend sein zu können, Gelassenheit und die Bereitschaft, freundlich zu sein – was ja auch geübt sein will –,sowie Freude. Denn nur wenn wir uns erlauben, in Behandlung und Begleitung gemeinsame Momente der Freude zuzulassen, gemeinsam zu lachen, dann gelingt auch Mitgefühl immer wieder. Sogar mit einer gewissen Leichtigkeit.

Menschen in helfenden und heilenden Berufen wird häufig dazu geraten, sich von den Patienten und deren Leid abzugrenzen, um „Empathiestress“ zu vermeiden. Was meinen Sie dazu und wozu würden Sie raten?
„Empathie“ bedeutet ja „Einfühlung“, und Einfühlung allein genügt eben nicht. Denn dann kann es geschehen, dass man sich völlig mit der anderen Person identifiziert, und das kann Ohnmacht erzeugen und tatsächlich krankmachend wirken. Mitgefühl bedeutet hingegen, sich nicht nur einzufühlen, sondern ins Handeln zu kommen, also Heilsames bewirken zu wollen. Dazu braucht es auch Kreativität und vor allem Bescheidenheit, wenn nicht sogar Demut. Wir haben nicht alles in der Hand, wie wir gerne glauben möchten. Darüber hinaus kann helfen – zumindest hilft mir das –, sich die Verbundenheit bewusst zu machen. Ich empfehle allen Menschen in helfenden Berufen außerdem, dass sie mitunter mutig ihre „dunklen“ Seiten und Erfahrungen anschauen, dass sie sich eingestehen, dass man nicht immer alles richten kann, um dann wieder Mut zu schöpfen und in eine liebevolle Geste oder zu liebevollen Worten zu kommen.

Können wir Mitgefühl im späteren Leben aktivieren, wenn wir es als Kind nicht erfahren haben und es uns nicht vorgelebt wurde?
Mitgefühl lässt sich auch bei Menschen entdecken, die es als Kinder nicht erlebt haben. Offensichtlich bringen viele Menschen, wenn vielleicht auch nicht alle, zumindest eine Sehnsucht danach mit. Gerade Menschen in helfenden Berufen können davon profitieren, wenn sie sich zunächst bewusst machen, dass es bei ihnen selbst und bei anderen, die sie begleiten, das Bedürfnis nach Mitgefühl gibt und sie sich dann bewusst in Mitgefühl üben. Das kann durch Achtsamkeitspraxis geschehen oder auch mit spezifischen Übungen zum Mitgefühl für sich und andere. Man muss auch bereit sein, anzuerkennen, dass Erfahrungen schmerzen können, und diesen Schmerz nicht immer gleich verdrängen und verleugnen, was häufig geschieht. Dies wiederum gelingt nach meiner Erfahrung am besten, wenn man offen ist für beides, für Schmerz und Freude.

Luise Reddemann ist Traumatherapeutin und lehrt psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt.


Buchtipps

Auf dem Weg zum Ergründen und Erwecken des eigenen Mitgefühls können diese Bücher gute Anregungen geben.

53_bc1 WEBArno Gruen:
Der Verlust des Mitgefühls.
dtv Verlag,
12,30 Euro

53_bc5 WEBPaul Bloom:
Jedes Kind kennt Gut und Böse.
Pattloch Verlag,
19,99 Euro

53_bc4_gr WEBMichael Tomasello:
Warum wir kooperieren.
Suhrkamp/Insel Verlag,
12,40 Euro

53_bc3 WEBSylvia Wetzel:
Achtsamkeit und Mitgefühl.
Klett-Cotta Verlag,
25 Euro

53_bc2 WEBBernard Glassman / Konstantin Wecker:
Die revolutionäre Kraft des Mitgefühls.
Goldmann Verlag,
8,99 Euro

Den gesamten Artikel so wie weitere Interviews lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/17 – von Christa Spannbauer

Dieser Artikel hat Sie neugierig gemacht auf „Welt der Frau“?
„Welt der Frau“ 2 Monate kostenlos testen oder abonnieren.

 

 

 

Kommentare geschlossen.