Einkaufen im eigenen Laden

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Gut soll es sein, frisch, vielfältig und am besten aus der Region. So wünschen sich viele ihre Lebensmittel. Foodcoops und „Solidarische Landwirtschaftsprojekte“ sind eine Möglichkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen – und zugleich auch die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu unterstützen.

Ich freue mich auf die Gespräche mit Gleichgesinnten“, sagt Veronika Fasching. Vor ein paar Wochen ist die Niederösterreicherin nach Bad Goisern gezogen, wo ihr Mann herkommt. Bisher hat sie in einem Umweltbildungsverein gearbeitet. Etwas Ähnliches möchte sie auch im Salzkammergut aufbauen. Und noch etwas möchte die engagierte 28-Jährige in Bad Goisern gründen: eine Foodcoop, die ohne Zwischenhandel auf Bauernhöfen einkauft. Dieser Tage beginnt ­Veronika Fasching, an ihrem neuen Wohnort Menschen zu suchen, die mit ihr gemeinsam den Plan in die Tat umsetzen. Erfahrung hat sie bereits gesammelt. „Ich habe schon in Wien eine Foodcoop mit aufgebaut“, erzählt sie.

KUKURUZ IM KABINETT
Ortswechsel: Wien, eine große Altbauwohnung im neunten Bezirk nahe der Universität. Hier, in einem Kabinett in den Räumlichkeiten der Südtiroler HochschülerInnenschaft, hat auch die Foodcoop „Kukuruz“ ihr Lager. Es ist Dienstagabend und wöchentliche „Erntezeit“. So nennen die rund 40 Mitglieder der Foodcoop den Tag, an dem sie die bestellten Lebensmittel abholen kommen. Auf dem Boden im Vorzimmer drängen sich ein paar Steigen mit Champignons, Äpfeln und Kartoffeln.

Im Kabinett nebenan stehen der Foodcoop-Laptop und ein großer Kühlschrank, an einer Pinnwand hängen Zettel mit Informationen. An der Wand lehnt ein großes Regal mit Päckchen getrockneter Kräuter, mit Kübeln und braunen Papiersäcken, auf denen „Polenta“ oder „Birkenzucker“ geschrieben steht. Nach und nach kommen Leute, stellen Leerflaschen und Joghurtgläser zurück, holen sich neue aus dem Kühlschrank, fragen nach der Sonderbestellung Kaffee aus einer Frauenkooperative in Honduras, die diese Woche eingetroffen ist, und schauen im Computer auf Bestelllisten nach. Einer wiegt sich sein Käsestück ab, ein anderer nimmt einen in Papier eingewickelten Brotlaib, packt ihn gemeinsam mit Milch, Käse und Äpfeln in seinen Rucksack und ist schon wieder weg zu einer Verabredung „in der Boulderbar“.

Was von außen nach gut gelauntem Durcheinander aussehe, habe im Hintergrund eine genau durchkomponierte Struktur, erzählt Lisa Mantovan. Die Südtirolerin, die in Wien studiert, hat „Kukuruz“ mit einer Gruppe anderer Studentinnen vor ein paar Jahren gegründet. Jedes Mitglied gehört zu einem Arbeitskreis. Die „Erntezeitler“ etwa kümmern sich um die Organisation des Abholtags im Foodcoop-Lager, die „Jäger und Sammler“ halten Kontakt zu den ProduzentInnen, die die Foodcoop beliefern. Wieder andere speisen das jeweils aktuelle Sortiment in die Foodcoop-Software ein, über die die Mitglieder bestellen und via aufgeladenes Guthaben bezahlen. Alle arbeiten ein paar Stunden pro Monat mit. Es gibt regelmäßige Sitzungen, in denen man sich austauscht, kocht und diskutiert. „Kukuruz“ versteht sich als „Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam und selbstbestimmt Lebensmittel aus nachhaltiger Landwirtschaft beziehen“.

MITGESTALTEN ERWÜNSCHT
Die zentralen Schlagworte teilt „Kukuruz“ mit anderen Foodcoops: Bio, Regionalität, Vielfalt, Selbstbestimmung, Solidarität, Fairness. Profit macht hier niemand. Den kleinbäuerlichen LieferantInnen wird bezahlt, was sie verlangen, damit sie von ihren Produkten leben können. „Was wir beziehen, ist nicht viel billiger als im Supermarkt, aber dafür kriegt der Bauer 100 Prozent des Geldes“, sagt Lisa Mantovan.
Es geht um die Beschaffung von Lebensmitteln und die Beschäftigung mit Ernährung. Das ist ein großer Trend, der eng mit der Do-it-­yourself-Bewegung verbunden ist. Immer mehr Menschen legen wieder selbst Hand an, backen eigenes Brot, halten Bienen und Hühner, kochen ein oder ziehen eigenes Gemüse. Es mag vorderhand eine hedonistische Bewegung im Dienst von Qualität und Genuss sein, aber diese „kann auch politisch machen“, wie es im Buch „Gemeinsam auf dem Acker“ über „Solidarische Landwirtschaft“ in der Schweiz heißt.

FOODCOOPS UND SOLAWIS
Denn was wissen wir schon wirklich über die Produktionsbedingungen der Lebensmittel, die wir täglich einkaufen? „Es sieht immer so aus, als ob wir eine Ahnung hätten, weil wir ab und zu Kühe auf der Wiese sehen, aber in Wahrheit sind wir Supermarkteinkäufer sehr weit weg vom Produkt“, sagt Hanni Rützler, Ernährungswissenschaftlerin und Autorin des jährlichen „Foodreports“, der im Auftrag des „Zukunftsinstituts“ erscheint, eines renommierten europäischen Thinktanks zur Trend- und Zukunftsforschung. Immer mehr Menschen fühlen sich angesichts der industriellen Lebensmittelproduktion unwohl. Sie wünschen sich einen verantwortungsvolleren, bewussteren, ressourcenschonenderen und solidarischeren Konsum. Sie wollen genaueren Einblick haben, sich einbringen und mitgestalten – zumindest im eigenen regionalen Umfeld, und sie wollen wieder, so Hanni Rützler, „näher ans Produkt“. Wenn man die Expertin nach Foodcoops oder „Solidarischer Landwirtschaft“ fragt, ortet sie eine neue „Kollaborationslust“: „Mir kommt es vor wie eine Art Rückeroberung des doch sehr abstrakten Terrains der Lebensmittelproduktion.“

Doch erst einmal tut ein wenig Begriffsbestimmung not, denn die bestehenden Initiativen sind, trotz ähnlicher Ziele, doch sehr unterschiedlicher Art. Da gibt es Foodcoops, die als private Gemeinschaften direkt ab Hof einkaufen, und klassische „Solidarische Landwirtschaft“-Projekte, kurz Solawis oder CSA (von „Community Supported Agriculture“), in denen eine Mitgliedergruppe einen Landwirtschaftsbetrieb mitfinanziert und dafür Ernteanteile erhält. Es gibt auch andere solidarische Modelle wie den Verein „Erdling“ (siehe Seite 51 im Heft), über den KonsumentInnen selbst Land pachten, bebauen und beernten. Und es gibt Regionalwert-AGs, deren Aktien jede Bürgerin und jeder Bürger kaufen kann, woraufhin sich die AG mit dem lukrierten Geld an ökologisch-sozial nachhaltigen Landwirtschaftsprojekten beteiligt: Vom Bioladen bis zum Catering für Kindertagesstätten, von Hofläden bis zu Restaurants oder Betrieben, die Trockenfrüchte herstellen. Renditen werden da eher in Nachhaltigkeitseinheiten als in barer Münze ausgezahlt. Es gibt auch Gruppen, die gemeinsam Strom aus erneuerbarer Energie kaufen. Doch zumeist steht die Ernährung im Mittelpunkt.

 


Einkaufen und verteilen

Barbara Ambrosz (44), Sierning/OÖ

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© Violetta Walkolbinger

Als Barbara Ambrosz der Liebe wegen auf einen Bauernhof nach Sierning zog, dachte sie: „Jetzt komm ich zu all den frischen Lebensmitteln, von denen ich in Wien nur träumen konnte.“ Das Bauernhöfe-Abklappern im Dienst der Frischware stellte sich aber als ziemlich mühsam heraus. Schließlich verfiel Ambrosz auf die Idee, wie ihre Schwägerin in Wien eine Foodcoop zu gründen, und suchte Gleichgesinnte. 2014, zu Beginn, waren es fünf, jetzt sind es 30 Familien, die das „Hofdepot Sierning“ (www.facebook.com/­Hofdepot) ehrenamtlich als Einkaufsgemeinschaft betreiben. Beliefert wird die Foodcoop mit Regionalem aller Art: von Gemüse und Obst über Wild und Fleisch bis hin zu Milchprodukten, Brot, Müslis oder Nudeln. „Wir haben am Anfang viel diskutiert und viele ProduzentInnen besucht. Wir wollten eine breite Palette an Lebensmitteln beziehen, die aus unserer Region kommen.“ Auf dem Hof, wo Barbara Ambrosz mit ihrer Familie lebt, ist auch das liebevoll renovierte und möblierte Lager und Vereinslokal der Foodcoop untergebracht. Jeden Freitag kommen alle Mitglieder vorbei und holen die Kisterln mit ihren online vorbestellten Lebensmitteln, die die Bauern und Bäuerinnen direkt zustellen. Verpackungsmaterial fällt keines an. Weggeschmissen wird nichts. Geliefert wird nur so viel, wie bestellt wurde. Die Arbeit wird aufgeteilt, die Freude auch. „Die Männer engagieren sich genauso wie die Frauen. Das finde ich schön und notwendig“, sagt Ambrosz.

 


Mitfinanzieren und genießen

Katharina Seiser (42), Wien

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© Jutta Fischel

Katharina Seiser ist von Anfang an dabei. Schon seit 2011 ist sie „Ernteteilerin“ bei „Gela Ochsenherz“ (www.ochsenherz.at), dem Pionierprojekt der „Solida­rischen Landwirtschaft“ in Österreich. Gemeinsam mit etwa 300 anderen finanziert die Kochbuchautorin und Kulinarikjournalistin durch monatliche Beiträge den Biogemüsebau des Ochsenherz-Gärtnerhofs in Gänserndorf. „Das Geld kriegen wirklich die, die mein Essen anbauen. Alle können alles nachprüfen. Es werden faire Löhne gezahlt. Das weiß ich sonst nicht; nicht einmal, wenn ich Biogurkerln kaufe“, sagt sie. Das Gemüse, das Katharina Seiser im Gegenzug bekommt, holt sie sich jeden Freitag am Freie-Entnahme-Stand der Solawi am Wiener Naschmarkt ab. „Dort stehen Kisten mit allen Arten und Sorten, die in der Woche geerntet wurden, und wenn man keine Zuckerwurzeln mag, dann nimmt man eben mehr Grünkohl“, sagt sie. Durch die große Menge gleiche es sich wieder aus. Katharina Seiser schätzt die Vielfalt, Frische und Saisonalität der Gemüse, die sie bekommt: „Es eröffnet sich eine Geschmacksbreite, die im Handel nie angeboten wird. Ich habe Dinge wie Zitronenbohnenkraut oder Karden kennengelernt. Inzwischen kochen wir um die Gemüse herum, die wir uns aussuchen. Dadurch entwickelt sich auch die Küche, und man weiß alles etwas mehr zu schätzen.“

 


 

Wie gründe ich eine Foodcoop?

Gründungsphase: Die Gründung einer Foodcoop dauert circa ein halbes Jahr. Grundvoraussetzung sind fünf bis 20 teamfähige Menschen mit Motivation und Zeit für idealistisches Engagement und ähnlichen Vorstellungen zum Thema „Lebensmittelversorgung“.

Der erste Schritt ist, die Idee einer Foodcoop und die Gründungsabsicht bekannt zu machen: im eigenen (halb-)privaten Umfeld, eventuell auch schon zu Beginn öffentlich über digitale Medien, lokale Zeitungen, Plakate und Infozettel, einen eigens organisierten Themenabend mit Foodcoop-erfahrenen Gästen et cetera. Ist diese Starthürde gemeistert, entscheidet die Gruppe selbst, wie es weitergeht. Jede Foodcoop ist anders und an die agierenden Menschen angepasst. Die folgenden Punkte sind darum nicht als starre Anleitung, sondern als flexible Orientierungshilfe zu verstehen.

Weitere wichtige Schritte:

  • Ein arbeitsfähiges Gründungsteam formieren, interne Kommunikationswege einrichten, Entscheidungsstrukturen definieren
  • Infos einholen: Beratungsangebote nutzen, bestehende Foodcoops ­besuchen, im Internet recherchieren (siehe auch „Foodcoop-­Gründungshandbuch“, „www.bio-austria.at/aaz“)
  • Modell ausarbeiten: Ziele definieren, Produktkriterien festlegen, Finanzierung klären, rechtlichen Rahmen wählen, Aufgabenbereiche einteilen
  • Infrastruktur schaffen: passende Abholstelle einrichten, Bestell- und Abrechnungssystem einrichten (auf „www.foodcoopshop.com“ findet man auf Foodcoops ­zugeschnittene Software)
  • Sortiment zusammenstellen, LieferantInnen kontaktieren und Bezugsmöglichkeiten klären
  • Starten, sich darüber freuen, dazulernen: Eine Foodcoop ist und bleibt eine private, idealistische Initiative, es muss nicht alles von Beginn an perfekt funktionieren. Viele Gruppen beginnen im Kleinen mit Produkten von einer Handvoll Bauernhöfe, manche auch ohne eigene Räumlichkeiten.

Tipp: Es ist gut, schon während der Gründungsphase laufend ­weitere Personen zu integrieren. Trotz ­zusätzlichem Aufwand gilt: Je früher die Mitglieder dabei sind, umso besser, damit die Foodcoop wirklich ein gemeinsames Projekt wird und nicht Verantwortung und Arbeit dauerhaft an einigen wenigen hängen bleibt.

Info-Quelle: „Appetit auf Zukunft“


„Die Beziehungsebene ist sehr wichtig“

Kleine Initiativen beginnen, ihre Lebensmittelversorgung selbst in die Hand zu nehmen. Das sei auch eine Reaktion auf ein fehlgeleitetes Supermarktsystem, meint Stephan Pabst, Experte für „Solidarische Landwirtschaft“.
Stephan Pabst (31) ist Experte für „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) und Fragen der Ernährungs­­souveränität. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Vernetzung der heimischen Solawi-Betriebe und arbeitet auf einem Solawi-Hof im Bezirk Voitsberg.

Stephan Pabst (31) ist Experte für „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) und Fragen der Ernährungs­­souveränität. Er kümmert sich ehrenamtlich um die Vernetzung der heimischen Solawi-Betriebe und arbeitet auf einem Solawi-Hof im Bezirk Voitsberg. © Sophie Frey

Was haben denn „Solidarische Landwirtschaft“-Projekte (Solawis) und Foodcoops gemeinsam?
Stephan Pabst: Beides sind Modelle der selbstverwalteten Lebensmittelversorgung. Foodcoops sind Einkaufsgemeinschaften für biologische Landwirtschaftsprodukte, die nicht unbedingt nur regional produziert sein müssen, aber jedenfalls ohne Zwischenhandel funktionieren – mit direktem Kontakt zu den bäuerlichen ProduzentInnen. Bei Solawis geht es darum, dass klein strukturierte Landwirtschaftsbetriebe von einer Gemeinschaft mitgetragen werden.

Aber beide haben das Ziel, mehr Einfluss auf Produktion und Herkunft der Nahrungsmittel zu nehmen?
Für mich sind Solawis und Foodcoops zwei Wege zu mehr Ernährungssouveränität. Bei den Solawis wird die Ernte geteilt und das Risiko auch. Man sagt also: „Wenn man regionale Landwirtschaft und unter nachhaltigen Bedingungen produzierte Produkte will, dann ist es die größte Unterstützung für die BäuerInnen, wenn sie das – etwa erhöhte witterungsbedingte – Risiko nicht alleine tragen müssen.“ Bei Foodcoops tragen KonsumentInnen weniger Risiko mit. Hier werden gemeinsam Kriterien festgelegt, nach denen man die ProduzentInnen auswählt, die Organisation der Einkäufe funktioniert gemeinschaftlich.

 


Den gesamten Artikel lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/17 – von Julia Kospach

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