Mein Handy, der Spion

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Gibt´s etwas Praktischeres als ein Smartphone? Was das alles kann! Klar doch – und das freut auch alle, die unerkannt mithören wollen.

Ich denke darüber nach, eine neue Kaffeemaschine zu kaufen“, erwähnte ich letztens gegenüber meinem Freund während einer Unterhaltung. Wir diskutierten darüber, welche Funktionen sie haben sollte und welche Geräte infrage kämen. Am nächsten Morgen, das Thema war schon wieder aus meinen Gedanken verschwunden, öffnete ich auf meinem Handy die Anwendung der Social-Media-Plattform „Facebook“ und stöberte gedankenverloren durch die Chronik, als ich plötzlich erstarrte. Auf meinem Bildschirm war eine Werbung erschienen – mit Kaffeemaschinen. Die Modelle glichen exakt jenen, die mir vorschwebten und über die ich mich unterhalten hatte. „So ein Zufall“, dachte ich mir. Ein Wink des Schicksals, der mich beflügeln sollte, mir eine neue Maschine zu gönnen? Gelauscht konnte niemand haben, außer mir und meinem Freund war keiner im Raum gewesen – bis auf mein Handy!
Ist es möglich, dass das Smartphone Unterhaltungen auskundschaftet, um gezielt Werbung zu schalten? Ist das eigene Handy im Grunde eine Wanze, die man noch dazu freiwillig bei sich trägt? Die deutsche Autorin und Softwareunternehmerin Yvonne Hofstetter bestätigt: „Das Smartphone zeichnet Daten auf. In erster Linie Informationen darüber, wie das Gerät genutzt wird. Aber es enthält auch andere Messgeräte, wie etwa einen Kompass zur Bestimmung des Standorts, und Mikrofone, die jederzeit eingeschaltet werden können.“ Möglich wäre es also, über das Handy ausgeforscht zu werden. Doch passiert das tatsächlich? Wer profitiert davon, und ab wann wurde es so leicht, in die Köpfe der Menschen zu schauen?

ZEIG MIR, WER DU BIST
„Wir werden heute gemeinsam Geschichte schreiben.“ Mit diesem Satz und einem kleinen Gerät in den Händen veränderte Apple-Mitgründer Steve Jobs vor zehn Jahren die Welt. Er präsentierte der Öffentlichkeit das erste iPhone, das Mobiltelefon, Musikabspielgerät und Internet-Kommunikationsgerät vereinte. Seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war. Es dauerte nicht lange, bis das US-amerikanische Unternehmen Google nachzog und das erste Smartphone mit dem Betriebssystem „Android“ auf den Markt brachte. Von nun an hatten die Menschen ein Gerät in der Tasche, mit dem sie, egal wo sie waren, auf das World Wide Web, das Internet, zugreifen konnten. Alles war plötzlich vernetzt, der Alltag viel einfacher. Bereits morgens, noch unter der kuscheligen Bettdecke, werden die Neuigkeiten in sozialen Netzwerken ausgetauscht oder Nachrichten und E-Mails verschickt. Frei nach dem Motto „Zeig mir, wer du bist!“ wurde mit dem Mobiltelefon aber auch ein Instrument geschaffen, mit dem über möglichst viele Menschen persönliche Informationen gesammelt werden können. Eine aktuelle Studie von „MMAA – Mobile Marketing Association Austria“ zeigt: 92 Prozent der befragten ÖsterreicherInnen zwischen 15 und 69 Jahren benutzen heute ein Smartphone, 2010 waren es vergleichsweise noch 32 Prozent.

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Sind unsere Daten ausreichend geschützt?

Mit einer neuen Datenschutz­verordnung möchte Jan Philipp Albrecht Klarheit in den Gesetzgebungs-Dschungel bringen. Ab Mai 2018 treten die neuen Regelungen in Kraft.
Jan Philipp ­Albrecht ist EU-Abgeordneter der Grünen und setzt sich für ­BürgerInnenrechte im digitalen ­Zeitalter ein.

Jan Philipp ­Albrecht ist EU-Abgeordneter der Grünen und setzt sich für ­BürgerInnenrechte im digitalen ­Zeitalter ein. Foto: Fritz Schumann

Was wird sich durch die neue Verordnung ändern?
Jan Philipp Albrecht: Bisher war es immer sehr unklar, welches Recht gilt. Die Social-Media-Plattform „Facebook“ argumentierte zum Beispiel, dass sie sich an die Rechte jenes Landes halten müsse, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat. Im Fall des europäischen Zweigs von „Facebook“ wäre das irisches Recht, das deutlich schwächer geregelt ist als das österreichische. Mit der neuen Verordnung gelten für alle EU-Länder die gleichen Rechte. Damit können wir großen Internetkonzernen wie „Facebook“ vorschreiben, dass sie sich an die Richtlinien halten müssen, wenn sie auf diesem gemeinsamen Markt Dienste anbieten. Wenn Unternehmen Daten weiterverarbeiten möchten, müssen sie die Zustimmung der Betroffenen einholen. Außerdem verpflichtet das Gesetz die Unternehmen dazu, die Datenschutzbestimmungen in einfacher Sprache zu formulieren, damit leicht verständlich ist, für welche Zwecke welche Daten gespeichert werden.

Wie lässt sich das öffentliche Bewusstsein für Datenschutz stärken?
Die Menschen müssen erkennen können, welche Folgen es für sie hat, wenn ihre Daten in falsche Hände kommen. Zum Beispiel, dass sie aufgrund der Informationen über sie andere Angebote oder einen anderen Versicherungsstatus erhalten, dass sie plötzlich bei der Vergabe von Krediten anders bewertet werden. Es sollte gezeigt werden, wie stark aufgrund der Datenlage bereits diskriminiert wird und wie Leute über den Tisch gezogen werden, weil die Unternehmen sie besser kennen als sie sich selbst. Den Menschen das klarzumachen, ist die große Herausforderung.

Sind wir digitale Deppen?

Yvonne Hofstetter ist Entwicklerin für künstliche Intelligenz, zugleich ist sie aber auch eine der größten KritikerInnen dieser Technik.
Yvonne Hofstetter ist Autorin und Geschäftsführerin des Software-Unternehmens „Teramark Technologies“, das intelligente Technologien für Unternehmen und Behörden herstellt.

Yvonne Hofstetter ist Autorin und Geschäftsführerin des Software-Unternehmens „Teramark Technologies“, das intelligente Technologien für Unternehmen und Behörden herstellt. Foto: Heimo Aga

Sie erzeugen intelligente Computer, sind aber eigentlich dagegen. Warum?
Yvonne Hofstetter: Künstliche Intelligenzen wurden schon vor 15 Jahren in der Industrie zur Optimierung verschiedenster Prozesse eingesetzt. Das ist nichts Neues. Das Problem begann, als wir merkten, dass sich die Vermessung, Speicherung und Optimierung auf den Menschen erstreckt. Und wann geschah das? 2007, als Apple-Mitgründer Steve Jobs das erste iPhone in den Händen hielt. Ein Smartphone ist nichts anderes als ein Messgerät des eigenen Lebens. Es vermisst die BenutzerInnen und sammelt Daten, die die Konzerne brauchen, um das Leben der NutzerInnen steuern und vorausschauen zu können. Das ist eine problematische Entwicklung. Denn wenn ich einen Menschen wie eine Sache behandle, dann verstoße ich gegen seine Freiheitsrechte.

Sollte nicht jeder und jede selbst über seine beziehungsweise ihre Privatsphäre entscheiden?
Manche meinen, dass es doch ihre eigene Sache sei, was sie von sich preisgeben. Nein, das ist es nicht. Denn wenn Menschen freiwillig ihre Grund- und Freiheitsrechte aufgeben, indem sie unüberlegt Nutzungsbedingungen akzeptieren, dann schadet das unserer Demokratie.

Was sollten BürgerInnen tun?
Wenn wir unsere Grundrechte und damit die Basis der Demokratie bewahren möchten, dann müssen wir einfordern, dass die Politik sie auch gegenüber Technologiekonzernen durchsetzt.

Das Ende der Demokratie von Yvonne Hofstetter

Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie. / C. Bertelsmann Verlag / 23,70 Euro

Jan Philipp Albrecht: Finger weg von unseren Daten! / Verlag Droemer Knaur / 7,00 Euro

Jan Philipp Albrecht: Finger weg von unseren Daten! / Verlag Droemer Knaur / 7,00 Euro

 

 

Mehr zum Thema und Interview mit Matthias Zeppelzauer (Senior Researcher der „Media Computing Gruppe“ an der Fachhochschule St. Pölten.) finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/17 – von Sophia Lang

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