Die Chronistin Russlands

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Wer Russland heute verstehen will, muss die Bücher von Swetlana Alexijewitsch lesen. Sie wird die letzte sowjetische (im besten Sinn) Autorin genannt.

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„Die Bücher von Swetlana Alexijewitsch sind eine gute Prävention für alle, die meinen, autoritäre Systeme seien die Lösung für eine komplexe Welt.“

Ganna-Maria Braungardt, Übersetzerin der Werke von Swetlana Alexijewitsch ins Deutsche.

 

„Wie die Stenografin bei Gericht hält Swetlana Alexijewitsch die Ungerechtigkeiten fest, die die Schutzlosen und Unvorbereiteten treffen. Bei ihr hört man Tausende Stimmen das erste und einzige Mal.“

Per Wästberg, Vorsitzender des Komitees für den Nobelpreis für Literatur, in der Verleihungsrede des Nobelpreises an Swetlana Alexijewitsch am 10. Dezember 2015.

 

„Swetlana Alexijewitsch lässt uns nicht im Unklaren darüber, dass der Wandel in einem Land, das erschöpft und traumatisiert ist, nicht von heute auf morgen kommt.“

Karl Schlögl, Historiker, in der Laudatio auf Swetlana Alexijewitsch anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2013.

 

Während sich Veranstalter und wichtige Gäste noch wortreich begrüßen und platzgreifend den Raum vor der Bühne besetzen, sitzt sie schon still in der ersten Reihe, bewegt sich kaum, beobachtet mit ruhigem Blick das Treiben. Sie wirkt über all der selbstsicheren Inszenierung der anderen wie eine, die gewohnt ist, übersehen zu werden. Dabei ist Swetlana Alexijewitsch der Stargast der zweitägigen Literaturveranstaltung im niederösterreichischen Heidenreichstein. 2015 hat sie den Nobelpreis für Literatur bekommen. Die Weißrussin ist damit quasi im Olymp der DichterInnen angekommen. Viele kennen ihr Werk nicht, die PredigerInnen der reinen literarischen Lehre würden ihren Büchern überhaupt gerne den Status der Literatur aberkennen. Doch seit 2016 der US-amerikanische Sänger Bob Dylan ebenfalls den Literaturnobelpreis erhalten hat, leitet Swetlana Alexijewitsch kritische Stimmen einfach weiter: „Fragen Sie doch Bob Dylan, ob das, was er macht, Literatur ist!“

DER PRIVATE MENSCH
Wie kann man das, was Swetlana ­Alexijewitschs Literatur ausmacht, am besten beschreiben? In der sowjetischen Literatur wurden vorzugsweise Heldengeschichten erzählt. Im Helden reduzierten AutorInnen den Menschen zum Träger einer Idee, er diente der Stärkung des Willens, der Propaganda des Verzichts auf privates Glück und auf romantische Gefühle bei den Lesenden. Ganz anders Alexijewitsch. Sie interessiert, wie private Menschen die großen Ereignisse erleben. Sie fängt ihre Stimmen und ihre Gefühle ein. Bis zu zehn Mal geht sie zu jedem, fragt, hört zu, fragt nach, notiert, fragt weiter, wartet auf den Moment, in dem sich der Mensch „nackt zeigt“, wie sie das in Anlehnung an die Dichterin Anna Achmatova formuliert. An diesem Punkt, wo der Mensch so ehrlich wie möglich zu sich selbst ist und von sich selbst erzählt, fangen ihre Aufzeichnungen an. So sammelt sie in jahrelanger geduldiger Arbeit Stimme um Stimme und montiert diese schließlich zu einer Art dokumentarischem Roman. Ihre Bücher, die auf den ersten Blick journalistisch wirken, weil sie auf Interviews beruhen, sind kunstvolle Montagen.

DIE ANDEREN ERZÄHLUNGEN
Das erste Buch der 1948 in der Ukraine geborenen Alexijewitsch war den sowjetischen Frauen gewidmet, die im Zweiten Weltkrieg in verschiedenen Funktionen dienten, als Sanitäterin genauso wie als Scharfschützin. Die gelernte Journalistin stellte das Buch 1982 fertig, konnte es aber nicht veröffentlichen, weil man der Ansicht war, dass es „die Ehre des Großen Vaterländischen Krieges beschmutzt“ habe. Erst als Gorbatschow die Perestroika ausrief, kam das Buch auf den Markt und verkaufte sich sofort zwei Millionen Mal. Swetlana Alexijewitsch wuchs mit ihren Eltern, die Lehrer waren, in einem weißrussischen Dorf auf. Sie erinnere sich, erzählt sie auch in Heidenreichstein, an die Frauen im Dorf, deren Gespräche sie als Kind belauscht habe. Immer war da vom Krieg die Rede und immer auch von der Liebe, vom Abschied der Männer, von der letzten Nacht, den letzten Worten. Diese Erzählungen waren so ganz anders als die staatlich verordneten: „In den Erzählungen der Frauen kommen keine Helden vor, sondern einfach Menschen, die eine unheimliche Arbeit machen.“ Damals entstand wohl die Idee in ihr, das zu werden, was sie eine „Historikerin der ­Gefühle“ nennt.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

„Die größte Gefahr ist, zu verdummen“

Könnten Sie ein Buch über die Menschen hier schreiben, wenn Sie einen Monat in Österreich lebten?
Swetlana Alexijewitsch: Auf keinen Fall. Dazu hätte ich hier geboren werden und leben müssen, um sie zu verstehen. Die Geschichten, die mir erzählt werden, sind nicht nur Worte, sie sind auch Kontext der Kultur, aus der ich komme. Ich bin keine Historikerin der Ereignisse, sondern eine der Gefühle. Ein Eckstein in meinen Büchern ist, dass ein Menschenleben bei uns nichts wert ist. In anderen Kulturen ist das anders. Ich habe versucht, eine Geschichte der Utopie zu schreiben, von Menschen, die Lenin kannten, bis herauf in unsere Zeit. Ich war am Ende dieser 30 Jahre, die ich an den Büchern geschrieben habe, auch am Ende meiner Kraft. Dieses ganze Furchtbare, das ich gesehen habe, das Barbarische, musste ich aber fertig schreiben, weil der Kommunismus noch nicht tot ist. Eine Reihe von Reisen durch Russland hat mir gezeigt, Moskau und St. Petersburg sind nicht Russland. Der Kommunismus kann uns in der einen oder anderen Form noch einmal ereilen.

Literatur im Nebel 2017

Die bulgarische Autorin Dessy Gavrilova befragte Nobelpreis­trägerin Swetlana Alexijewitsch bei „Literatur im Nebel“ in Heidenreichstein.

Sie haben in Minsk einen Intellektuellenklub eröffnet. Was hat Sie dazu motiviert?
Nach dem Zusammenbruch des Imperiums sitzt jeder in seiner Wohnung und weiß nicht weiter. Wir sind in kleine Staaten zerfallen, und es besteht die Gefahr, dass wir provinziell werden. Ich habe zwölf Jahre in der politischen Emigration verbracht. Meine Welt ist weiter geworden. Ich möchte den jungen Intellektuellen auch diesen Blick ermöglichen. Wir haben in Weißrussland eine Diktatur. Die Gefahr ist immer, dass die Menschen verdummen. Eine Diktatur vereinfacht sehr stark. Es soll doch eine neue Zeit kommen, und ich möchte einen Beitrag leisten, die neuen Menschen für eine neue Zeit vorzubereiten.

Über welches Thema der Gegenwart würden Sie gerne schreiben?
Über den Menschen mit einer Ideologie habe ich alles geschrieben. Jetzt möchte ich über Existenzielles des Menschen schreiben. Ich plane ein Buch, in dem Männer und Frauen über die Liebe erzählen, und ein zweites über das Alter, worüber der Mensch nach 60, 70 nachdenkt, wenn er schon das Dunkel vor sich sieht.

Ein weiteres Interview finden Sie in der Printausgabe.

Auszug aus: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft

Meine Tochter sagte kürzlich: „Mama, wenn ich mal eine Missgeburt haben sollte, werde ich sie trotzdem lieben.“ Können Sie sich das vorstellen? Sie geht in die zehnte Klasse und hat schon solche Gedanken. Ihre Freundinnen … Sie alle denken daran … Bekannte von uns bekamen einen Jungen … Sie hatten sehr darauf gewartet, es war ihr erstes Kind. Ein schönes junges Paar. Aber bei dem Jungen reichte der Mund bis zu den Ohren – und Ohren hatte er gar keine … Ich gehe nicht hin, ich besuche sie nicht mehr, so wie früher, ich kann nicht, aber meine Tochter ist jede freie Minute bei ihnen. Es zieht sie dorthin – sie will sich wohl an den Anblick gewöhnen, sich darauf einstellen.

Wir hätten von hier wegziehen können, mein Mann und ich haben lange überlegt, dann aber davon Abstand genommen. Wir haben Angst. Hier sind wir alle Tschernobyler. Wir haben keine Angst voreinander; wenn einer Äpfel oder Gurken aus seinem Garten anbietet, nehmen wir sie und essen sie und stecken sie nicht schamhaft in die Tasche, um sie später wegzuwerfen. Wir haben ein Gedächtnis … Ein Schicksal … An jedem anderen Ort sind wir Fremde. Aussätzige. Alle haben sich an die Begriffe „Tschernobyler“, „Tschernobyl-Kinder“, „Tschernobyl-Umsiedler“ gewöhnt … Aber ihr wisst nichts über uns. Ihr habt Angst vor uns … Bestimmt würden sich viele von euch beruhigen, wenn man uns von hier nicht wegließe, wenn man Milizabsperrungen errichten würde. (Hält inne.) Versuchen Sie erst gar nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Es lohnt sich nicht. Ich habe das alles schon durchgemacht … In den ersten Tagen … Ich habe meine Tochter genommen und bin nach Minsk geflohen, zu meiner Schwester … Meine leibliche Schwester hat uns nicht ins Haus gelassen, weil sie ein Kleinkind hatte, das sie stillte. Können Sie sich das vorstellen? Wir haben auf dem Bahnhof übernachtet. Da sind einem verrückte Gedanken gekommen. Wohin fliehen? Vielleicht besser Schluss machen, um sich nicht zu quälen … das war in den ersten Tagen … Alle stellten sich irgendwelche schrecklichen Krankheiten vor. Fantastische Krankheiten. Ich bin ja Ärztin. Ich kann nur ahnen, was in anderen vor sich ging … Wenn ich unsere Kinder ansehe: Wohin sie auch fahren, überall fühlen sie sich fremd unter ihren Altersgenossen … In einem Jahr war meine Tochter im Pionierlager, dort hatten die Kinder Angst, sie zu berühren. Sie lockten sie abends in den Hof, um zu prüfen, ob sie leuchtet oder nicht.

Nadeschda Afanassjewna Burkakowa, Bewohnerin der Siedlung Choiniki

Swetlana Alexijewitsch hat mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum zentralen Lebensereignis wurde. Entstanden sind eindringliche Zeugnisse, die von einem noch nie dagewesenen Ereignis berichten. 

Verlag Piper, 9,90 Euro

Auszug aus: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Ich sah den ersten Toten … Ich stehe da und weine … Beweine ihn …Da ruft ein Verwundeter: „Verbinde mir das Bein!“ Es baumelt lose im Hosenbein. Ich schneide das Hosenbein ab. „Leg mir das Bein her! Neben mich.“ Ich lege es ihm hin. Wenn sie bei Bewusstsein sind, dann darf man ihr Bein oder ihren Arm nicht liegen lassen. Sie nehmen sie mit …

Im Krieg dachte ich: „Das werde ich nie vergessen.“ Aber man vergisst …

Aber das habe ich im Gedächtnis behalten … Wie eingebrannt … Ein junger, gut aussehender Bursche. Tot. Ich hatte gedacht, die Gefallenen würden mit allen militärischen Ehren begraben, aber sie schleppten ihn zu seinem Nussbaum. Schaufelten ihm ein Grab … Ohne Sarg, ohne alles verscharrten sie ihn und schütteten einfach Erde drauf. Die Sonne schien ganz hell, auch auf ihn … Es war Sommer. Keine Zeltplane, nichts, einfach in Feldbluse und Stiefelhose lag er in der Erde, wie er war … Die Grube war nicht sehr tief, grade mal so, dass er reinpasste. Seine Verwundung war nicht groß, aber tödlich – in die Schläfe, es hat kaum geblutet, lag da wie lebendig, nur blass.

Nach dem Beschuss begann ein Bombenangriff. Die Stelle wurde bombardiert. Ich weiß nicht, was dort noch übrig blieb …

Und in der Umzingelung, wie wurden die Menschen da begraben? Direkt neben uns, neben dem Schützengraben, in dem wir selber saßen, haben wir sie verscharrt, und aus. Da blieb nur ein kleiner Hügel. Und der wurde, wenn nach uns die Deutschen kamen oder Autos, dann wurde der sofort niedergewalzt. Da war dann nur noch ganz normale Erde, keine Spur mehr. Oft begruben wir Tote im Wald unter Bäumen … Ich kann bis heute nicht in den Wald gehen. Besonders, wo alte Eichen oder Birken stehen … Da kann ich nicht sitzen …

Olga Wassiljewna Korsh, Sanitätsinstrukteurin einer Kavallerieschwadron

17_bc_2_suhrkamp WEBDas erschütternde Dokument einer ausgeblendeten Seite des Zweiten Weltkriegs: Rund eine Million Frauen haben in der Roten Armee gekämpft. Swetlana Alexijewitsch lässt sie zu Wort kommen.

Suhrkamp Verlag, 12,40 Euro

 

Den gesamten Artikel lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/17 – von Christine Haiden

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