So machen wir die Schule neu

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Schule? Wohin man schaut, Experten! Dabei ist der Lehrberuf weiblich. Viele Frauen reformieren den Unterricht, während die anderen noch reden. Entgegen weiblicher Bescheidenheit: Wir holen ambitionierte Reformerinnen vor den Vorhang.

Für Margret Rasfeld, eine der größten Visionärinnen der Bildungslandschaft, bedarf es eines Paradigmenwechsels. „Auf welche Zukunft müssen junge Menschen vorbereitet werden?“, lautet ihre zentrale Frage. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wie Globalisierung, Migration, Klimawandel und der Wandel des Arbeitsmarktes verlangten neue Denkansätze, sagt sie, und für sie steht fest: „Lernen im Wandel wird zur Hauptressource für die Anpassung an Veränderung.“ Statt reiner Wissensvermittlung solle der Mensch im Mittelpunkt der Bildungsbemühungen stehen.

Margret Rasfeld stammt selbst aus einem bildungsfernen Elternhaus. Sie wollte schon immer Lehrerin werden und studierte Biologie und Chemie, bevor sie wegen Lehrermangels direkt von der Universität weg zu unterrichten begann. Sie hat nie Kurse in Pädagogik belegt, sondern unterrichtete immer aus ihrer Intuition heraus. Ihre Vision hat die Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (EBZ) umgesetzt, wo sie von 2007 bis 2016 Schulleiterin war.
Alma de Zárate, Jamila Tressel und Lara-Luna Ehrenschneider sind Schülerinnen der EBZ, und sie haben ein Buch geschrieben: „Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt“. Darin erzählen sie, was sie in der Schule lernen wollen: Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft etwa, Verantwortung, Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit und Wertschätzung oder die Fähigkeit, an Fehlern nicht zu verzweifeln.

PROJEKT „VERANTWORTUNG“
Vieles an der EBZ kommt ihrer Vorstellung davon, wie Schule sein sollte, schon ziemlich nahe: Lernbüros etwa – „dort gibt es Karteikästen mit Arbeitsaufträgen, und wir bringen uns die Themen selbst bei“ –, die großteils den Frontalunterricht ersetzen, Wahlfächer, Tests – „wenn wir uns bereit dafür fühlen“ –, TutorInnen und anstelle von Zeugnissen Lernfortschrittsdokumentationen, die schon einmal vier Seiten lang sein können. Toll finden die Autorinnen das Projekt „Verantwortung“. Dabei suchen sich die SchülerInnen eine Aufgabe und verpflichten sich, dieser ein Schuljahr lang nachzugehen, zum Beispiel alte Menschen im Altenheim zu besuchen.

ZUTRAUEN STATT VORSCHREIBEN
Alma de Zárate mag am liebsten das Fach „Herausforderungen“. Drei Wochen lang widmen sich die SchülerInnen in Teams einer Herausforderung, die sie selbst bestimmen und auswählen, und bekommen dafür eine Betreuerin oder einen Betreuer zur Seite gestellt. Einmal hat de Zárate auf einem Bauernhof gearbeitet. Für das Großstadtkind waren das unbeschreiblich schöne Erfahrungen. Die 17-Jährige erzählt mit einer solchen Begeisterung von ihrer Schule, dass man ihr das gerne glaubt. Für sie, die einmal in die Wissenschaft gehen möchte, ist eines der größten Probleme des Bildungssystems, dass „Kindern immer alles vorgeschrieben wird. Man sollte ihnen mehr zutrauen.“

SELBSTBESTIMMT LERNEN
Die Philosophie des selbstbestimmten Lernens vertritt man in der „Lernwerkstatt“ im Wasserschloss Pottenbrunn nahe St. Pölten bereits seit 27 Jahren. Die Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht, die 1990 aus einer Elterninitiative heraus entstand, ist eine der ältesten und größten Alternativschulen Österreichs und auch Impulsgeberin für das öffentliche Schulsystem. „Wir sind eine Schule ohne Leistungsdruck, in der Kinder nicht nur kognitive Fähigkeiten erwerben, sondern sich in einer liebevollen Atmosphäre des Vertrauens als Mensch entfalten können“, erklärt Schulleiterin und Reformpädagogin Christine Glaser-Ipsmiller, die auch zwei private Kindergärten, darunter den ersten Waldkindergarten „Waldfexxx“ in Niederösterreich, gegründet hat.

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Im Lernbüro arbeiten die Kinder selbstständig und im eigenen Tempo.

Kinder sollen die Lust am Lernen bewahren – so das Motto an der „NMS Dr. Posch“.

Petra Schöpf: „Weg vom Bewerten!“

Die Lernbüros sind nur eine von vielen Veränderungen, die seit zwei Jahren an der „NMS Dr. Posch“ in Hall in Tirol vor sich gehen. Die Schule befindet sich mitten auf dem Weg zu einer „Schule der Potenzialentfaltung“.

„Kinder sollen ihre Talente bestmöglich entwickeln können, sich als selbstwirksam erleben und die Lust am Lernen bewahren“, erklärt Direktorin Petra Schöpf. „Wir müssen wegkommen vom ständigen Bewerten. Es geht ums Lernen.“ Bausteine der neuen Lernkultur sind das Coaching, die Lernbüros und das Logbuch. Die Lernbürotage sind Montag, Mittwoch und Freitag, die Kinder der ersten und zweiten Klassen arbeiten dann selbstständig und im eigenen Tempo jahrgangsübergreifend. Zuvor überlegen die Kinder beim Coaching mit einer Lehrperson, woran sie arbeiten. Im Logbuch setzen sie sich Ziele, dokumentieren ihren Lernerfolg und bewerten sich auch. Es gibt individualisierte Hausübungen und Noten nur noch in den Zeugnissen, ansonsten „Lernstandserhebungen“. Dass sich diese neue Art des Lernens lohnt, zeigen nicht nur steigende Schülerzahlen. Disziplinäre Probleme hätten abgenommen, „denn die entstehen ja dadurch, dass die Kinder entweder über- oder unterfordert sind“, sagt Petra Schöpf, und die LehrerInnen seien mit Begeisterung dabei. Den Prozess zwischen VisionärInnen und BewahrerInnen zu regulieren, sei eine Herausforderung. Die neue Art des Lernens verlange von den Lehrkräften auch, den Kindern etwas zuzutrauen. Im kommenden Schuljahr sollen alle Klassen auf das neue System umgestellt werden.

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Direktorin Petra Schöpf hält nichts vom ständigen Bewerten.

Direktorin Petra Schöpf hält nichts vom ständigen Bewerten.

 


 „Schule ist die Keimzelle für Veränderung“

Margret Rasfeld war 25 Jahre lang Schulleiterin, zuletzt an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, und sie ist Mitbegründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“. Im Interview spricht sie über Möglichkeiten der Veränderung, über Haltung und den geheimen Lehrplan der Schulen.

INTERVIEW: Ursel Nendzig

Hängt Veränderung immer von  der Lehrerin oder dem Lehrer ab?
Margret Rasfeld: Eine wichtige Person ist die Schulleiterin oder der Schulleiter. Wenn sie oder er keine Vision hat und nicht begeistern kann, sondern veränderungsresistent ist, tut sich gar nichts. Jeder Lehrende kann den eigenen Unterricht verändern, in einer anderen Haltung arbeiten. Aber wenn man eine ganze Schule verändern will, ist es unerlässlich, dass die Schulleitung dafür Inspiration und Motor ist.

Wo müsste man den Hebel ansetzen, um eine so grundlegende Veränderung in Gang zu bringen?
Wir müssen in einen Paradigmenwechsel gehen, ­Freiräume schaffen, Schulen als ökologische Lernorte erlebbar machen. Davon, so meine Erfahrung, lassen sich viele Kollegien inspirieren. Wir wissen: Die junge Generation ist handlungsbereit. Noch nie gab es so viele junge Menschen, die ökologisch bewusster leben wollen, sich eine gerechtere Welt wünschen, auf Geld verzichten, um sinnstiftende Arbeit zu tun. Da ist eine richtige Kraft im Gange. An den Schulen ist aber für die Jugendlichen wenig Freiraum, um hinausgehen zu können in die Welt und sich als selbstwirksam zu erleben, indem sie etwas fürs Gemeinwohl tun. Sie erfahren nicht, dass sie etwas bewirken können, und der Mut zur Handlung geht verloren. Deshalb müssen wir die Schule verändern. Menschen brauchen Visionen und Sinn.


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In der HBLW Landwiedstraße in Linz steht gemeinsames Kochen am Programm der Übergangsklasse.

Weiter Porträts finden Sie in der Printausgabe:

Elisabeth Vormayr: „Bildung ist die beste Integration“ – Direktorin der HBLW Landwiedstraße

Michaela Weiß: „Ich bin offen für alles“ - Direktorin der Hans-Christian-Andersen-Volksschule im 16. Wiener Gemeindebezirk.


Buchtipps:

Schulen im Aufbruch - Eine Anstiftung von Margret RasfeldMargret Rasfeld/Stephan Breidenbach:
Schulen im Aufbruch. Eine Anstiftung.
Kösel Verlag, 13,40 Euro

 

1300XXXX_ZarateTressel_Machen_fin.inddAlma/Jamila/Lara-Luna:
Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt.
Knaus Verlag, 20,60 Euro

 

Starke Schulen Umschlag RZ.inddManfred Meraner (Hrsg):
Starke Schulen in Österreich. Praktische Wege zu einer erfolgreichen Schule.
Veritas Verlag, 29,90 Euro

 


Den gesamten Artikel lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/17 – von Julia Langeneder

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