Wie passt das alles in unser Leben?

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Der Spagat zwischen Familie und Beruf ist aufreibend. Wie könnte es gelingen, Familie und Beruf besser in Balance zu bringen?

Eines Tages konnte Susanne (Name von der Redaktion geändert) nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Susanne ist 37, Betriebswirtin und sie hat drei Töchter. Für sie war immer klar, dass sie beides wollte: Kinder und Karriere. Susanne war Anfang 30, als Emma geboren wurde. Ein Jahr später kehrte sie mit 60 Prozent Arbeitszeit wieder in ihren Job zurück – mehr arbeiten wollte sie nicht, auch wenn sie dabei auf manche Chancen und Projekte im Beruf verzichten musste.

Bald folgten die Töchter Flora und Sara. Als Susanne ein halbes Jahr nach Saras Geburt wieder in den Job einstieg, wurde das Unternehmen gerade umstrukturiert. Dazu kam die Renovierung des Hauses, das ihr Mann und sie gekauft hatten, und dass die Kinder ständig krank waren. Das Gedankenkarussell in Susannes Kopf kam nicht mehr zur Ruhe. Der Arzt diagnostizierte ein Burn-out. Susanne war ständig schwindlig, sie konnte weder die Wäsche machen noch den Kinderlärm ertragen. Vier Monate fiel Susanne praktisch total aus, Eltern und Schwiegermutter übernahmen den Haushalt und betreuten die Kinder.

Viele Mütter (und auch Väter) erleben solche Phasen der Überforderung und Erschöpfung – sowohl berufstätige als auch jene, die bei ihren Kindern zu Hause sind. Nach einer Studie, die das deutsche Müttergenesungswerk in Auftrag gab, leiden zwischen zehn und 15 Prozent aller Mütter unter schwerer Erschöpfung. Frauen sind doppelt so häufig von Burn-out betroffen wie Männer. Warum das so ist, liegt auf der Hand: Wenn Kinder kommen, reduzieren in der Regel Frauen ihre Arbeitszeit und leisten umso mehr unbezahlte Haus- und Familienarbeit. Die propagierte Vereinbarkeit ist eine Dreifachbelastung.

KINDERWUNSCH AUFGESCHOBEN
Kein Wunder also, dass Frauen das Kinderkriegen immer weiter hinausschieben. Sie bekommen heute das erste Kind mit durchschnittlich 29 Jahren und lassen sich damit fünf Jahre länger Zeit als noch in den 1980er-Jahren. Und obwohl sich die meisten Frauen zwei Kinder wünschen, kommt die Geburtenrate in Österreich über 1,4 nicht hinaus.

KLEIN_01_NEU NEU 140321-0 KopieOder die Frauen bekommen erst gar kein Kind. Die Zahl der kinderlosen Frauen über 45 liegt derzeit bei 18 Prozent. StatistikerInnen  rechnen, dass dieser Wert bei Frauen, die in den 1970er- beziehungsweise 1980er-Jahren geboren sind, auf 22 bis 25 Prozent ansteigen wird. Die deutsche Journalistin Sonja Siegert (39) hat sich bewusst gegen Kinder entschieden und für ein Buch gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Uhling („Ich will kein Kind“, Mabuse Verlag) Paare interviewt, die eine ebensolche Entscheidung getroffen haben. Sie habe nie einen Kinderwunsch verspürt, gibt Siegert offen zu, zudem seien Familie und Beruf für sie unvereinbar. Ihren Job mit vielen Abendterminen und Dienstreisen könne sie mit Kind nicht mehr in der gleichen Weise ausüben und ihre Interessen und Freundschaften nicht mehr so pflegen, meint sie. Statt eigene Kinder zu haben ist sie lieber begeisterte Tante.

„Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen“, konstatiert auch Antonia Baum in einem Essay in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Sie erzählt von überforderten Eltern, die irgendwie alles schaffen, „und dabei schlafen sie fast ein“. Die 30-Jährige fragt sich: „Warum soll ich ein Kind bekommen, wenn ich gar keine Zeit dafür habe und es pausenlos wegorganisieren werde?“

MODERNISIERUNGSSTRESS
Die Frage ist nicht unberechtigt. Das Gefühl, zu wenig Zeit für alles zu haben, für die Kinder, den Job, den Partner oder die Partnerin und am allerwenigsten für sich selbst, begleitet viele Eltern. Sie sind erschöpft und fühlen sich im Stich gelassen. Paul Zulehner und Petra Steinmair-Pösel sprechen in ihrem neuen Buch „Gleichstellung in der Sackgasse“ von „Modernisierungsstress“. Anhand ihrer Forschungen über 20 Jahre verorten sie einen Trend zu Retraditionalisierung, da die modernen Geschlechterrollen als sehr anstrengend erlebt werden.

Die Details: Insgesamt finden 60 Prozent der Befragten den Balanceakt zwischen Beruf und Familie schwierig, und fast 70 Prozent halten die Wirtschaft in Österreich für nicht familienfreundlich – der Beruf wird immer stressiger, die Arbeitsverhältnisse prekärer und die ständige Erreichbarkeit erhöht den Druck.

Von der Politik fühlt sich fast jede und jeder Zweite zu wenig bei der Kindererziehung unterstützt, das besagt eine Studie der „Karmasin Motivforschung“ im Auftrag des Katholischen Familienverbandes aus dem Jahr 2010. Sophie Karmasin ist mittlerweile Familienministerin und sitzt an den politischen Schalthebeln für mehr Familienfreundlichkeit. Was sie dafür tun will? Vor allem in die Infrastruktur investieren. Bis 2017 sollen 350 Millionen Euro in den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen gesteckt werden. Konkret heißt das: mehr Betreuungsplätze für Kleinstkinder bis zu drei Jahren, erweiterte Öffnungszeiten, kleinere Gruppen. Gut so. Aber das Betreuungsproblem hört ja mit dem Kindergarteneintritt nicht auf.

Einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Einjährige, wie es ihn bereits in Deutschland gibt, kann sich Karmasin schrittweise vorstellen, erst aber einmal für die Dreijährigen. Zuerst müssten jedoch Krabbelstuben ausgebaut und ihre Qualität gesteigert werden. Karmasin kennt den Kraftakt, Beruf und Familie zu stemmen, gut. Gleich nach der Geburt ihrer zwei Söhne hat sie wieder gearbeitet.

„Ich habe eine verständnisvolle Familie und bin finanziell gesegnet“, sagt sie. Dennoch habe sie Phasen der Erschöpfung erlebt. „Es liegen noch immer zu viele Aufgaben bei den Frauen, und dieser Zustand erschöpft. Die Konsequenz heißt aber nicht ‚Zurück ins klassische Modell‘, sondern ‚Mehr Partnerschaftlichkeit und Männerbeteiligung‘.“ Den Vorschlag ihrer deutschen Kollegin Manuela Schwesig, wonach beide Partner je 32 Stunden arbeiten sollen bei gleichzeitiger Lohnersatzleistung, hält sie allerdings für nicht durchführbar: „Die Idee ist gut, aber den Lohnausgleich kann nicht die Wirtschaft zahlen.“

Wir sind dabei, Modelle zu entwickeln, um die Männerbeteiligung zu stärken.

Sophie Karmasin, Familienministerin

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa, „Was sich Eltern wünschen“, würden 38 Prozent das Modell favorisieren, wonach beide Partner ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden reduzieren und sich die Kinderbetreuung aufteilen. Die Wirklichkeit sieht in Österreich allerdings so aus: Die häufigste Variante ist jene, wonach der Mann Voll- und die Frau Teilzeit arbeitet (41 Prozent). Bei einem Viertel der Familien ist ausschließlich der Mann berufstätig, bei 16 Prozent haben beide einen Vollzeitjob, und nur bei 2,5 Prozent der Familien arbeiten beide Paare Teilzeit beziehungsweise die Frau Voll- und der Mann Teilzeit.

Wäre 30 : 30 das ideale Modell? Nur bedingt. Erstens setzt es zwei halbwegs gut verdienende Partner voraus. Die Billa-Verkäuferin und der Hilfsarbeiter werden sich eine Stunden- und damit Lohnreduktion wahrscheinlich nicht leisten können. Zweitens geht das 30 : 30-Modell davon aus, dass beide Partner arbeiten wollen. Das Ideal hieße vermutlich „wirkliche Wahlfreiheit“, aber das wird es in der Realität wohl nie geben – und solange die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen so weit auseinanderklafft, schon gar nicht.

FEHLENDE VORBILDER, FIXE ROLLEN
Was die Frage der Vereinbarkeit zusätzlich so schwierig macht, ist auch, dass es dabei nicht nur ums Geld geht, sondern sehr viel auch um festgefahrene Geschlechterrollen, fehlende Vorbilder und beharrliche Glaubenssätze. Sätze wie „Für ein Kind ist die Mutter das Beste“ oder die Vorbehalte gegenüber außerhäuslicher Betreuung sind noch immer tief in uns verankert. Und es stellen sich auch grundsätzliche Fragen: Welchen Lebensstandard wollen wir? Sollten wir Arbeit neu denken, zum Beispiel in Form von Lebensarbeitszeitmodellen? Wie viel Konsum brauchen wir, um glücklich zu sein? Müssen wir alles gleichzeitig machen?

Der Berliner Soziologe Hans Bertram spricht von den zwischen 30- und 40-Jährigen als einer „überforderten Generation“. In der „Rushhour des Lebens“ prasselt auf Frauen und Männer alles zugleich ein: Sie wollen sich im Job etablieren, heiraten, Kinder kriegen. In der Generation davor waren diese Phasen verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer.

Noch eine Frage drängt sich auf: Hängt die große Unzufriedenheit vielleicht auch damit zusammen, dass Selbstverwirklichung heute ein so zentraler Wert ist und er schwer mit der Aufgabe, ein Kind großzuziehen, zusammenpasst? Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster, selbst vierfacher Vater, zweifelt daran, dass es ein ideales Vereinbarkeitsmodell gibt: „Man glaubt, dass es andere besser machen. Es gibt aber immer wieder Phasen, wo es halt nicht passt. Da kommt man vielleicht wieder raus, aber letzten Endes läuft es nie perfekt.“

Susanne ist wieder herausgekommen aus ihrem Burn-out. Sie begab sich in psychotherapeutische Behandlung. Nach einem Jahr beruflicher Auszeit kehrte sie wieder stundenweise in ihren Job zurück, ihr Mann reduzierte seine Arbeitszeit auf 35 Stunden. Demnächst will sie wieder zwei Tage für je acht Stunden arbeiten und versuchen, die Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben.

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