Wir lieben sie wie eigene Kinder

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Pflegeeltern werden dringend gesucht. Sie geben Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, ein neues Zuhause. Ist das Pflegeelternmodell eine Alternative für Kinderwunschpaare? Vier Pflegefamilien erzählen aus ihrem herausfordernden und erfüllenden Alltag.

Michaela Sturm-Stallinger und Thomas Stallinger haben vier Kinder, zwei davon sind Pflegekinder. „Ob man ein Kind geboren hat oder nicht, hat nicht unbedingt mit Liebe zu tun. Das Wichtige ist, was danach passiert und was dabei entsteht.“

Alle Pflegekinder auf den Fotos zeigen wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht vollständig.

Ein Zwillingsbuggy parkt im Vorraum, beim Esstisch stehen zwei Hochstühle. Im Hause Sturm-Stallinger gibt es alles doppelt, seit Kerstin* und Konrad* vor ein paar Monaten als Pflegekinder in die Familie eingezogen sind. Ihre südländische Abstammung sieht man den Zwillingen sofort an: dunkler Teint, schwarze Haare und riesige dunkle Augen, die aus den schmalen Gesichtern hervorstechen. „Sie sind immer noch sehr zart, dabei haben sie schon ein halbes Kilo zugelegt, seit sie bei uns sind“, sagt Pflegemama Michaela Sturm-Stallinger mit ein wenig Stolz, während sie Konrad die Nase putzt. „Momentan erwischen sie einen Infekt nach dem anderen.“

Thomas Stallinger und Michaela Sturm-Stallinger (beide 34) wussten schon immer, dass sie einmal eine große Familie möchten. Sohn Florian kam auf die Welt, da waren die beiden noch Studenten (sie studierte Jus, er Mechatronik), Tochter Lilith kündigte sich an, als Michaela Sturm-Stallinger gerade das Gerichtsjahr absolvierte. Heute sind die Kinder zehn und sechs Jahre alt. Der Anstoß, den Kurs für Pflegeeltern zu absolvieren, kam von einer Nachbarin, die ein paar Jahre zuvor ein Pflegekind aufgenommen hatte. 

Als das Ehepaar den Arztbrief über die Zwillinge las, musste es zuerst einmal schlucken. Da stand etwas von Frühgeburten, 800 Gramm Geburtsgewicht, Komplikationen bei der Geburt, die Prognose sei sehr unsicher. Einige Pflegeeltern hatten die Zwillinge bereits abgelehnt, doch Thomas und Michaela Sturm-Stallinger wollten sie erst einmal kennenlernen. „Als wir die Kinder gesehen haben, hat es sofort gepasst“, erzählt Michaela Sturm-Stallinger. „Auch für die Großen.“ Einen Monat später zogen die Zwillinge bei ihnen ein. 

Die Kinder müssen noch einiges aufholen – mit 18 Monaten beginnen sie gerade mit dem Gehen und dem Sprechen, aber Michaela Sturm-Stallinger freut sich, wie gut sie sich entwickelt haben.

Michaela Sturm-Stallinger und Thomas Stallungen haben vier Kinder, zwei davon sind Pflegekinder. ,,Ob man ein Kind geboren hat oder nicht, hat nicht unbedingt mit Liebe zu tun. Das Wichtigste ist, was danach passiert und was dabei entsteht."/ © Robert Maybach

Michaela Sturm-Stallinger und Thomas Stallinger haben vier Kinder, zwei davon sind Pflegekinder. ,,Ob man ein Kind geboren hat oder nicht, hat nicht unbedingt mit Liebe zu tun. Das Wichtigste ist, was danach passiert und was dabei entsteht.“/ © Robert Maybach

ZU WENIG PFLEGEFAMILIEN
Kerstin und Konrad sind zwei von insgesamt 4.468 Pflegekindern in Österreich (Quelle: Jugendwohlfahrtsbericht 2013). Allein in Oberösterreich werden jedes Jahr 70 Pflegeplätze gesucht.

Die Gründe, weshalb Kinder in Pflege kommen, sind mannigfaltig. Es können psychische Erkrankungen der Eltern sein, finanzielle Probleme im Elternhaus, sexuelle Übergriffe, Alkohol- oder Drogenmissbrauch. „Meist kommen mehrere Faktoren zusammen“, weiß Kyra Vovsik, Sozialarbeiterin für das Pflegekinderwesen beim Land OÖ. „Häufig sind die leiblichen Mütter und Väter selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Meist haben sie auch kein soziales Netz, keine Oma, kaum Freunde, die sie in schwierigen Situationen auffangen“, ergänzt Martina Reichl-Rossbacher, Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder in Wien. 

Grundsätzlich werde versucht, Kinder und Jugendliche so lange in der Herkunftsfamilie zu belassen, wie es geht. Wenn das Kindeswohl gefährdet ist, kommt das Kind zuerst in Krisenpflege, bis geklärt ist, ob es zu seinen leiblichen Eltern zurückkann oder ob Verwandte die Betreuung übernehmen können. Wenn das nicht der Fall ist, wird – je nach Alter – eine Pflegefamilie gesucht, ein Heimplatz oder eine Wohngruppe. Generell gilt die Faustregel: Je kleiner ein Kind ist, desto leichter ist es, einen Pflegeplatz zu finden. Viele Pflegeeltern bevorzugen ein möglichst junges Kind, weil der „Rucksack“, den es aufgrund seiner Vorerfahrungen mitbringt, noch nicht so schwer ist. Für ein dreijähriges Kind ist es bereits schwer, einen Platz zu finden, Sechsjährige kommen kaum mehr in einer Familie unter. „Besonders schwierig ist es, Geschwister gemeinsam in einer Familie unterzubringen oder wenn Kinder Erkrankungen oder Behinderungen mitbringen oder eine andere Staatsangehörigkeit haben“, berichtet Martina Reichl-Rossbacher. 

DIE KINDER MÜSSEN LERNEN
Für Marianne (42) und Martin Kobler (46) war das alles kein Hindernis. Die Eltern von zwei erwachsenen Söhnen sind sehr erfahrene Pflegeeltern und haben vier Kinder in Pflege. Ihre Buben waren damals sechs und acht Jahre alt, als Pflegekind Luisa* mit fünf Jahren in die Familie kam. Ihre Mutter war psychisch krank und konnte sich nicht um sie kümmern. Luisa forderte ihre Pflegeeltern sehr heraus, weil sie ständig Grenzen austestete und überschritt. Mit 16 entschied sie, wieder zu ihrer leiblichen Mutter zurückzukehren. Marianne Kobler hatte großes Bauchweh dabei, aber heute ist sie stolz darauf, dass Luisa ihren Weg gefunden hat. Sie hat einen Lehrabschluss und eine eigene Wohnung, ihre Pflegeeltern besucht sie regelmäßig.

Selina* (11) ist türkischer Herkunft und sie kam bereits mit elf Wochen in die Familie Kobler. Sie hatte damals einen Klumpfuß, während der ersten zwei Jahre musste sie eine Schiene tragen und musste jede Woche zur Therapie ins Krankenhaus. Heute kann sie sich uneingeschränkt bewegen.

Merthan* (8) kommt ebenfalls aus der Türkei. Nervenaufreibend war die Zeit, als seine leiblichen Eltern um die Rückführung des Buben kämpften. Das Gericht entschied zugunsten der Pflegeeltern. Heute kommen die beiden Familien gut miteinander aus, Merthans Mutter, sie ist Muslima, hat sogar in die Taufe eingewilligt, damit Merthan nicht vom Religionsunterricht ausgeschlossen ist. „Jetzt fehlen uns nur noch Zwillinge“, scherzte Martin Kobler einmal. Aus der augenzwinkernden Bemerkung wurde schon bald Realität. Die erwachsenen Söhne und Pflegetochter Luisa waren mittlerweile ausgezogen und die Pflegeeltern fühlten sich bereit für ein weiteres Kind. Sophie* und Sabine* kamen mit dreieinhalb Jahren zu ihnen. Am Anfang konnten sie kaum sprechen. Mittlerweile plappern die fünfjährigen Mädchen munter drauflos. „Mama, kannst du mir bitte die Krone ausschneiden“, ruft Sabine und wedelt mit ihrer Zeichnung herum.

„Die Kinder müssen viel lernen“, erzählt Marianne Kobler. Für fast alle ihre Pflegekinder war neu, dass es jeden Tag etwas zu essen gab, auch den Umgang mit Grenzen mussten sie erst lernen. 

Für die ehemalige Verkäuferin ist der Beruf „Pflegemutter“ ihre Berufung. Über den Verein „plan B“ ist sie angestellt und somit sozialrechtlich abgesichert. Neben dem Einkommen knapp über der Geringfügigkeitsgrenze kommen pro Kind je nach Alter monatlich rund 460,00 bis 560,00 Euro Pflegekindergeld plus Sonderzahlungen dazu. Das scheint aufs Erste nicht so wenig, einen Stundenlohn darf man sich aber nicht ausrechnen. Die Tarife sind zudem von Bundesland zu Bundesland verschieden, auch die Möglichkeit einer Anstellung gibt es nur in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und in Kärnten. In Summe ersparen Pflegefamilien dem Staat viel Geld, weil die Unterbringung in einer Familie wesentlich günstiger kommt als ein Heimplatz, der mehrere Tausend Euro im Monat kostet. 

Gertrude Pirklbauer hat neben ihrem leiblichen Sohn zwei Mädchen - eines als Adoptiv-, eines als Pflegekind - großgezogen./© Robert Maybach

Gertrude Pirklbauer hat neben ihrem leiblichen Sohn zwei Mädchen – eines als Adoptiv-, eines als Pflegekind – großgezogen./© Robert Maybach

VIELE PFLICHTEN, KAUM RECHTE
Dabei haben Pflegeeltern viele Pflichten, aber kaum Rechte. Im Gegensatz zu einer Adoption, bei der die kompletten Rechte an die Adoptiveltern abgegeben werden, verbleibt die Obsorge von Pflegekindern meist entweder bei den leiblichen Eltern oder sie wird vom Jugendamt übernommen. Ein Unterschied zur Adoption ist auch, dass Pflegekinder in der Regel den Spagat zwischen zwei Familien bewältigen müssen: der leiblichen, mit der es meist Besuchskontakte gibt, und der Pflegefamilie. Zudem müssen Pflegekinder und -eltern damit leben, dass das „Damoklesschwert der Rückführung“, wie es Pflegemutter Petra L. nennt, immer über ihnen schwebt. Die tatsächliche Rückführungsquote ist zwar marginal. Petra L., die vor neun Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Georg L. den Verein „Igelkinder“ als Plattform von und für Pflegeeltern gegründet hat, wünscht sich jedoch eine bessere Kommunikation mit den Behörden, etwa deutliche Informationen darüber, ob eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie aussichtslos ist. „Leider agieren aber Jugendämter und die Jugendgerichtshilfe zum Großteil so, als ob die Rückführung das Ziel wäre. Wie sinnvoll ist es, Besuchskontakte alle 14 Tage anzusetzen – zum Großteil gegen den Wunsch der Kinder, wenn das Kind zu 98 Prozent bei der Pflegefamilie aufwachsen wird? Der Fokus des Kindes und seine Zukunft liegen bei der Pflegefamilie, und dies sollten die Kinder- und Jugendhilfe und die Jugendgerichtshilfe auch so behandeln.“

FRAGEN DER OBSORGE
Weiters fordert der Verein „Igelkinder“ von den Entscheidungsträgern mehr Rechte, etwa die Übertragung der vollen Obsorge an die Pflegeeltern. „Die spannende Frage dabei ist: Warum entnimmt man offensichtlich erziehungsunfähigen Menschen zwar die Kinder, belässt aber die Entscheidungsgewalt bei ihnen?“ Viele Pflegeeltern würden gerne die Obsorge für ihre Pflegekinder übernehmen, weiß Petra L. Allerdings entfällt mit der Obsorgeübertragung dann auch das Pflegekindergeld. „Uns ist der Sinn dieser Regelung nicht klar. Der Entzug der finanziellen Unterstützung verhindert, dass Pflegefamilien die Obsorge übernehmen.“

Pflegeeltern kritisieren auch, oft zu wenig über die Vorgeschichte des Kindes informiert zu werden. „Wir geben die Informationen weiter, die wir bekommen“, erklärt Kyra Vovsik. Manches würde sich aber erst später herausstellen. Im Gegensatz dazu müssen Pflegeeltern im Vorfeld viel über sich preisgeben. Sie müssen sich ärztlich untersuchen lassen, Nachweise zur finanziellen Situation erbringen, ihre Motivation bekannt geben, ihre psychische Eignung unter Beweis stellen und Hausbesuche des Jugendamtes gewähren. Geben die Behörden grünes Licht, können sich sowohl Paare als auch Alleinstehende ab 25 Jahren zu Pflegeeltern ausbilden lassen. Auch homosexuellen Paaren steht – bis auf Niederösterreich – diese Möglichkeit offen. 

DREI MAMAS
In Wien können Homosexuelle seit mehr als 15 Jahren Pflegeeltern werden, wie zum Beispiel Eva G. (42) und Manu K. (46). Ihre Pflegekinder Anni* (5) und Ingrid* (15 Monate) haben also jeweils drei Mamas. Richtig bunt wird die Regenbogenfamilie durch Evas Enkelin Immi (4), die ebenfalls bei ihnen wohnt. Eva G. heiratete mit 21 Jahren einen um 20 Jahre älteren Mann. Er starb an Krebs, als die gemeinsame Tochter Lina neun Jahre alt war. Kurze Zeit später lernte Eva ihre jetzige Lebenspartnerin Manu kennen. Ihre Nachnamen wollen sie nicht verraten, um sich und vor allem die Kinder zu schützen. Eva G. lernte ursprünglich Reisebüroassistentin, bis sie die „Herzensentscheidung“ traf, Krisenpflege- und später Pflegemutter zu werden. „Wenn man sich das nur mit dem Kopf überlegen würde – die vielen schlaflosen Nächte, die man verbringt, weil die Kinder weinen, oder die traurigen Abschiede, wenn sie zum Beispiel in ein Kinderheim im Ausland abgeschoben werden –, würde ­man es vermutlich nicht machen.“ 

Spätestens 2016 soll auch die Adoption für homosexuelle Paare möglich werden. Ob die zwei Frauen ihre Pflegekinder adoptieren werden, ist noch offen. „Eine Mutter ist untergetaucht und die andere wird nicht zustimmen“, sagt Eva. Für sie sei entscheidend, dass sie die Mädchen über alles liebt – ob sie nun eigene Kinder, Adoptiv- oder Pflegekinder sind, ist nicht so wichtig. 

Marianne und Martin Kober haben vier Kinder in Pflege/© Robert Maybach

Marianne und Martin Kober haben vier Kinder in Pflege/© Robert Maybach

KINDERWUNSCH (UN)ERFÜLLT
Das sieht auch Gertrude Pirklbauer (52) so. Die Bildungsbeauftragte bei „plan B“ hat ein Adoptiv-, ein Pflege- und ein leibliches Kind. Nach vergeblichem Hoffen, schwanger zu werden, erhielt sie die Diagnose „verschlossene Eileiter“. Sie könne kein Kind bekommen. Pirklbauer und ihr Mann beschlossen daraufhin, Pflege- oder Adoptiveltern zu werden. Adoptivkind Emilia* kam aus einem rumänischen Kinderheim. Den Anblick der ausgemergelten, lethargischen kleinen Körper dort wird Gertrude Pirklbauer nie vergessen. „Emilia schrie am Anfang nächtelang“, erzählt die ehemalige Krankenschwester, die später Sozialwirtschaft studierte.  Bis auf eine Rechenschwäche konnte Emilia alle Entwicklungsrückstände aufholen. Mittlerweile ist sie 19 Jahre alt, und vor Kurzem ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen.

Weil Gertrude Pirklbauer und ihr Mann für ein weiteres Kind sorgen wollten, entschieden sie sich, ein Kind in Pflege zu nehmen. Magdalena* (16) kam mit drei Wochen in die Familie. Ihre Mutter war bei der Geburt erst 16 Jahre alt gewesen und mit der Fürsorge des Kindes überfordert. Magdalena hatte in ihrer Kindheit die Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Dank rücksichtsvoller LehrerInnen und einem durchstrukturierten Familienleben konnte sie ihre Schulzeit ohne Medikamente bewältigen, nach der Matura will sie Psychologie studieren. Kurz nachdem sie Magdalena in Pflege genommen hatte, wurde Gertrude Pirklbauer überraschend schwanger. Simon* (15) kam 1999 zur Welt und stellte seine Eltern erneut vor große Herausforderungen. Er schlief wenig, war ein Schreibaby. Später stellte sich heraus, dass sensorische Integrationsstörungen und Dyspraxie (eine Koordinations- und Entwicklungsstörung) die Ursache dafür waren. Zudem wurde auch bei ihm ADHS diagnostiziert. Auf Ergo-, Logo- und Hippotherapie sprach er gut an. Nach der Matura möchte er Physik oder Chemie studieren. Gertrude Pirklbauer, die von ihrem Mann getrennt lebt, liebt alle ihre Kinder. Der Unterschied zwischen ihnen liegt für sie vor allem in „einer Grund-Unsicherheit“, die die Mädchen haben. „Die Mädchen brauchen mehr Liebesbeweise.“

* Namen von der Redaktion geändert.

Weitere Informationen: 

www.kinder-jugendhilfe-ooe.at

plan B, Verein für Pflege- und Adoptiveltern OÖ,
www.planb-ooe.at

www.wien.gv.at/magelf

sowie bei den zuständigen Landesämtern

„Ich konnte nie Mutter zu ihr sagen“

Gloria Dürnberger (33) kam im Alter von acht Monaten in eine Pflegefamilie. In ihrem Film „Das Kind in der Schachtel“ arbeitet sie ihre Kindheit auf.

©privat

Gloria Dürnberger / © privat

Wie entstand die Idee, Ihre eigene Geschichte zu verfilmen?
Gloria Dürnberger: Zu Beginn stand die Erkenntnis, dass es kein gemeinsames Foto von mir und meiner leiblichen Mutter gibt. So hatte ich die Idee, ein bewegtes Bild von uns zu machen, um zu sehen, welche Beziehung wir zueinander haben.

Und was haben Sie herausgefunden? Gab es auch einen therapeutischen Effekt?
Auf jeden Fall, denn ich bin über meine Grenzen gegangen und habe so neue Dinge herausgefunden. Das hilft mir, mit der Vergangenheit fertigzuwerden. Zwischen 20 und 23 hatte ich den Kontakt zu Margit (Anmerkung: die leibliche Mutter, sie hat eine psychische Erkrankung) abgebrochen und gemerkt: Nur weil ich sie nicht sehe, ist sie nicht aus meinem Leben draußen.

Warum haben Sie den Kontakt abgebrochen?
Margit kam alle zwei Wochen für zwei Stunden. Mit 20 bin ich draufgekommen, dass mir das nicht guttut.

Welche Beziehung haben Sie heute zu ihr?
Margit war immer wie eine komische Tante für mich. Für mich ist die Unterscheidung zwischen Mutter und Mama wichtig. Meine Mama ist meine Pflegemama. Sie hat mir Wärme und Geborgenheit gegeben. Heute ruft sie mich alle drei Tage an und fragt, wie’s mir geht. Zu Margit habe ich alle paar Monate Kontakt, und ich bin dabei, eine Balance zu finden, wie weit ich ihr entgegenkommen kann und inwieweit ich mich selber schützen muss.

Haben Sie Kontakt zu Ihrem leiblichen Vater?
Wir haben uns drei- oder viermal gesehen. Er hat zuerst gesagt, er will seine zweite Chance als Vater wahrnehmen, aber dann hat er sich nicht mehr gemeldet. Diese Kränkung konnte ich aber leicht wegstecken.

Vor etwa einem Jahr wurden Sie von Ihren Pflegeeltern adoptiert. Wie kam es dazu?
Meine Pflegeeltern haben gesagt, dass für sie immer klar war, dass ich ihr Kind bin. Aber als ich 18 wurde, war ich rechtlich gesehen nichts mehr für sie. Seltsam fand ich, dass Margit und mein leiblicher Vater der Adoption zustimmen mussten. Es ist schon eigenartig, dass man mit 30 noch die Zustimmung seiner leiblichen Eltern braucht. Da sieht man, welchen Stellenwert sie haben. Es steckt noch immer in den Köpfen drin, dass ein Kind bei seinen leiblichen Eltern am besten aufgehoben sei. Das ist aber nicht immer so. Die Position des Kindes wird zu wenig beachtet.

Möchten Sie einmal eine eigene Familie?
Seit Juni bin ich verheiratet. Ich möchte eigene Kinder, merke aber, dass ich mich erst jetzt bereit dazu fühle.

Gloria Dürnberger ist Regisseurin und Schauspielerin und lebt in Berlin. 

www.gloriaduernberger.com

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 04/15 – von Julia Langeneder

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