Zeit zum Brückenbauen

 

Der heurige Eurovision Song Contest in Wien ruft zum „Brückenbauen“ auf.  Wir folgten diesem Appell gerne und führten die Event-Moderatorinnen Mirjam Weichselbraun, Arabella Kiesbauer und Alice Tumler mit der Nonne Sr. Margaretha Tschische, der Obdachlosen Asie Ademova und der Querschnittsgelähmten Henriett Koósz zusammen.

15_arabella_0028 KLEINArabella Kiesbauer (46) und Asie Ademova (34)

Die VinziRast entpuppte sich als Bindeglied. Während der TV-Star im zugehörigen Lokal „mittendrin“ gerne speist, hat die Migrantin in der Notschlafstelle ein neues Zuhause gefunden.

Auf Krücken und ihrer Beinprothese humpelt Asie Ademova ins Parkhotel Schönbrunn. Mit großen Augen starrt sie auf die Kronleuchter und japst nach Luft. In ihrem Zuhause, der Notschlafstelle VinziRast, sieht es ganz anders aus. Dutzende Obdachlose schlafen dort zusammengepfercht in einem verfliesten Stockbettensaal. Asie lag mittendrin. Inzwischen ist die arbeitslose Bulgarin aufgestiegen in die Etage darüber. Dort teilt sie sich mit zwei Fremden eine winzige Garçonnière. Doch vom Wohlstand ist die Mindestsicherungsbezieherin weit entfernt.

Vom Salon aus beobachtet Arabella Kiesbauer Ademovas Ankunft. Aus ihrer Talkshowzeit ist sie den Umgang mit schicksalsgeprüften Menschen gewöhnt. Trotzdem scheint ihr die junge Obdachlose Respekt einzuflößen. Als sich die Blicke der Frauen kreuzen, wird spürbar, wie viel Achtung sie voreinander haben. Während ihnen unsere Visagistin Make-up ins Gesicht pinselt, beobachten sie einander aus den Augenwinkeln. Erst nach einer Weile tastet sich Kiesbauer vor: „Wirst du zum ersten Mal professionell geschminkt?“ Ademova nickt vergnügt. Das Eis scheint gebrochen. 

Ein paar Takte später tauschen sich die beiden über proteinreiche Nahrung aus. „In acht Monaten habe ich 30 Kilo abgespeckt. Ich aß alles, nur keine Kohlehydrate. Wow, ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe!“, jubelt Ademova. Kiesbauer gratuliert und verrät ihr, dass auch sie die Reduktion von Reis, Brot, Nudeln und Kartoffeln wie eine Offenbarung erlebte: „Plötzlich war die Haut prall, die Cellulite futsch und der Körper voller Power.“ 

NIE AUFGEBEN
Energiegeladen nehmen die beiden auf zwei Stühlen Platz. Mustern einander lächelnd. „Es ist mein erstes Gespräch mit so jemand wie dir“, wispert Ademova. Aus diesem Grund habe sie anfangs gezögert. Nicht so recht gewusst, ob sie sich auf diese Begegnung einlassen soll. Aber jetzt sei sie froh über ihre Zusage. Schließlich habe sie eine Message: „Man soll nie aufgeben, egal wie schwierig es ist. Das Leben geht immer weiter.“

Kiesbauers erwachte Neugier ermutigt die Migrantin, mehr zu erzählen. Über ihre Ankunft in Österreich 2004, ihre Krebserkrankung, einen Tumor im Knie und Lungenmetastasen. Die höllischen Schmerzen und acht Operationen. Ihre Depressionen und Suizidgedanken nach der Beinamputation. „Gott gibt mir Kraft. Ich bin immer noch hier. Vielleicht hat er etwas mit mir vor …“

„Diesen tiefen Glauben an dich, haben dir den deine Eltern geschenkt?“, fragt die Moderatorin. „Nein, die haben mich nie bestärkt“, feixt Ademova. Ihren Glauben habe sie sich ganz allein erarbeitet. „Jede Religion ist zwecklos, wenn man keine Liebe in sich trägt“, sagt sie. Sie sei Muslimin, aber in die Moschee gehe sie nicht. Lieber schmökert sie in Selbstfindungsbüchern, die ihre inneren Ressourcen stärken. Entdeckt hat sie diese Quelle in jener Zeit, als ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Da erwachte ihre geistige Aktivität.

Dieser Tiefsinn verblüfft Kiesbauer. Doch als sie Ademova ein Kompliment macht und meint, dass man ihrem schönen Lächeln den Optimismus dahinter ansehe, winkt diese ab: „Nicht jedes Lächeln kommt von Herzen. Oft sieht es in mir drin ganz anders aus. Schon als Kind lernte ich, Gefühle zu verstecken.“ Vieles in ihrem Leben sei schmerzhaft. Mit einem Bein im Grab zu stehen, ist wie Spielen auf Zeit. Aus Angst vor neuen negativen Gefühlen bleibt sie ärztlichen Kontrollen fern. „Lieber nichts wissen, so geht’s mir besser“, kichert sie wieder. Sofort ist hörbar, dass auch diesem Lachen kein Glück innewohnt, sondern blanke Verzweiflung. 

VERLORENE VÄTER
„Warum kehrst du nicht zu deiner Familie zurück? Sie könnte dich auffangen“, schlägt Kiesbauer vor. Ademova blickt zu Boden. In Bulgarien würde sie noch kürzer leben. Die medizinische Versorgung sei katastrophal. „Außerdem ist dort kein Platz mehr für mich. Mein Bruder hat seine eigene Familie, meine Mutter lebt bei ihnen. Meinen Papa habe ich vor zwei Jahren verloren.“ Eine schmerzliche Melancholie flutet den Raum. Aus dem Nichts tut sich eine unerwartete Parallele auf.

„Mein Vater war Afrikaner, die große Unbekannte in meinem Leben. Ich lernte ihn nie kennen. Als ich die Annäherung endlich zugelassen hätte, war er tot“, bekennt Kiesbauer. Erst vor sieben Jahren, während ihrer Schwangerschaft mit Tochter Nika, habe sie die Reise zu ihren Wurzeln in Ghana angetreten. Durch die Erzählungen der Verwandten sei ihr Vater als Mensch greifbarer geworden. „Mir war, als streichle jemand meine Seele“, sagt sie leise.

12_Weichselbraun_0296 KLEINMirjam Weichselbraun (33) und Margaretha Tschische (59)

Eigentlich liebäugelte die Moderatorin mit einem Kirchenaustritt und hielt Nonnen für weltfremde Wesen. Doch dann traf sie eine an der Bar – und fiel beim Plaudern fast vom Hocker.

Zu ihrem ersten Treffen mit einer Nonne erscheint Mirjam Weichselbraun nicht allein. Mit Mama Rosemarie an der Seite und Tochter Maja im Arm stellt sich die Tirolerin vor Margaretha Tschische, ihres Zeichens Generaloberin der Eucharistieschwestern, und schweift mit kritischem Blick über deren grauen Habit. „Am besten beginne ich gleich mit der Beichte“, sagt Weichselbraun und legt los. Ihr Kind sei nicht getauft. Der Protz im Vatikan befremde sie, die Scheinheiligkeit mancher Leute sowieso. Sie selbst erwäge einen Kirchenaustritt, weil keiner in den Bänken Platz mache und es ständig nur darum gehe, um Verzeihung zu bitten, „dafür, dass ich bin, wie ich bin“. Kurz hält sie inne und meint dann: „Aber ich glaube, dass etwas auf uns aufpasst und der Anblick einer Klosterschwester Glück bringt – so ähnlich wie bei Rauchfangkehrern.“

„Halleluja“, tönt Mutter Oberin, schreitet amüsiert zur Stylistin und lässt sich fürs Fotoshooting noch schnell die Wimpern tuschen. Weichselbraun staunt, dass sich die Nonne überhaupt schminken lässt. „Aufgebrezelt habe ich mich zuletzt vor 35 Jahren“, erklärt Tschische. Damals hieß sie noch bürgerlich Annemarie-Josefine, jobbte als Kellnerin, trank mit den Gästen fleißig Schnaps und konnte sich der Kerle kaum erwehren. Doch alle hätten bloß das eine gewollt. 

„Nur Betthupferl sein war mir zu wenig. Weder wollte ich wegen der Mannsbilder plärren noch wegen des Alkohols verludern und als Klofrau enden“, sagt die Salzburgerin. 

GEBET UND AKTION
Mit einem Fruchtcocktail in der Hand kraxelt die Geistliche auf einen Barhocker und berichtet weiter von ihrem bewegten Vorleben, dem mit Mitte 20 eine Sinnkrise folgte, die Umschulung zur Pastoralassistentin und der Eintritt ins Kloster. Ihre Mutter sei aus allen Wolken gefallen. „Wär’s nach ihr gegangen, wäre ich Bäuerin geworden, hätte geheiratet und einen Haufen Kinder gekriegt.“

Doch Gottes Plan war genialer. Ein Freigeist wie Tschische lässt sich doch nicht in Konventionen pressen! Also regelte sie alles folgendermaßen: Statt in einer Klosterzelle residiert sie in einer 100-Quadratmeter-Wohnung unterm Dach ihrer Seelsorgestelle, frönt der Acrylmalerei und der Nähe des Volks. Kurzum: „Ich schupfe mein Leben selbst! Gebet und Aktion – das ist die beste Mischung.“ Weichselbraun traut ihren Ohren nicht. Perplex gesteht sie: „Ich dachte immer, Nonnen seien weltfremd und versagen sich jeden Spaß. Du bist also auch nur ein gewöhnlicher Mensch?“ „Natürlich, fehlbar wie jeder andere“, sagt Tschische mit tiefer Bruststimme und vermeldet ungeniert, dass sie sich trotz Gelübde immer wieder in Männer verliebt, mit denen sie dann Lebensfreundschaften pflegt. Schließlich laute das oberste Gebot in der Bibel: „Suche Gott mit ganzem Herzen, finde und liebe ihn. So wie deinen Nächsten und dich selbst.“ Wie man das praktisch umsetze, sei ganz der Kreativität der oder des Einzelnen überlassen.

16_Weichselbraun_0122 KLEINEINEN SINN FINDEN
Die Moderatorin wird hellhörig: „Ich könnte also trotz Kirchenaustritt ein guter Mensch sein?“ „Klar“, meint Tschische. Sie kenne zig Leute, die mit Religion nichts am Hut hätten, aber extrem weitherzig seien. Entscheidend sei bloß, einen Sinn zu finden. Ein Ziel, in das man all seine Energien steckt, um mit dieser individuellen Schöpferkraft dann das gemeinschaftliche Leben mitzugestalten. Sie zum Beispiel kümmere sich mit ihren Mitschwestern um Arme, nehme Schubhäftlinge im Kloster auf, aber auch mittellose Studentinnen.

Nachdenklich blickt Weichselbraun ins Glas. „Wenn Leute beim Schauen meiner Sendungen eine gute Zeit haben, ist das auch wichtig. Aber du veränderst Leben. Wow! Ich würde mich auch gerne noch mehr einbringen“, sagt sie und erzählt von einer berührenden TV-Doku, die neulich in ihr die Frage weckte: „Was mache ich eigentlich?“ Ihr Tun sei vergänglicher. Trotzdem versuche sie, bewusst zu sein, verantwortungsvoll und demütig. Diese Eigenschaften hätten sie offenbar gemein. „Und die Liebe zum Reden!“, ergänzt die Ordensfrau und schwärmt von ihren lockeren Sonntagspredigten in der Kirche. 

VERKÜNDIGUNGSAUFTRAG
„Seit der ersten Apostelin Maria Magdalena ist fix: Wir Frauen haben den absoluten Verkündigungsauftrag!

Komm einmal vorbei. Unsere Kirche in Rif wird dich umhauen.“ Statt eines Barockmuseums sei sie ein hipper Holzkubus mit schrägen Wänden und Energiefassade. Also so wie Gott – Raum, Licht und Begegnung. Einzige Zierde drinnen seien die Menschen. Weichselbrauns Augen funkeln: „Gibscht mir dei Nummer?“ Schwester Margaretha triumphiert: „Sehr gerne, das Ratschen mit dir war wirklich steil!“

19_Tumler_0138 KLEINAlice Tumler (36) und Henriett Koósz (35)

Beide lieben das Reisen und fanden in fremden Ländern eine neue Heimat. Die eine aus freien Stücken, die andere aufgrund tragischer Umstände, die ihr Leben veränderten.

Hoch oben, über den Dächern Wiens, in der Skybar des „Meliá Vienna“, sind Alice Tumler und Henriett Koósz verabredet. Die Ungarin Koòsz ist seit einem Autounfall mit 17 querschnittsgelähmt und lebt – seit einem Rehabilitationsaufenthalt – in Wien. Zum Treffen erscheint sie topgestylt – und überpünktlich. Flugs biegt auch Tumler um die Kurve. Freudig rollt ihr Koósz entgegen. Es ist, als ob zwei Wirbelwinde aufeinander zusteuern, so viel geballte Energie steckt in dieser Begegnung. Sofort gestehen sie einander, sich zuvor im Internet gegoogelt zu haben. Und mit ihrem ersten lauten Auflachen ist er gelegt: der Grundstein für einen offenen und sehr ehrlichen Austausch.

„Entschuldige bitte die kleine Verspätung. Ich bin extra aus Lyon hergedüst“, schnauft Alice Tumler und lässt sich auf ein weißes Sofa fallen. Erschöpft reibt sie sich den Schlaf aus den Augen und erzählt von ihrem anstrengenden Alltag. Seit fünf Jahren lebe sie mit ihrem Freund Francis und ihrer dreieinhalbjährigen Tochter Tia in Frankreich und tingle von dort aus alle paar Tage zu Moderationsjobs in ganz Europa. Die Kleine hat sie meist dabei. „Wo ist sie jetzt?“, fragt Koósz. 

„Zu Hause. Langsam nervt es sie, wenn wir alle paar Tage in einem anderen Hotelzimmer unsere Zelte aufschlagen. Sie will nimmer überall mit und weint, wenn ich trotzdem fort muss“, seufzt Tumler. Deshalb wähle sie ihre Jobaufträge sehr sorgfältig aus und habe für die Zeit beim Song Contest schon das heimelige, vertraute Appartement im siebenten Bezirk angemietet, das Tia so liebt. „Auch ihr Vater kommt mit. Er arbeitet als Selbstständiger, kann sich seine Termine gut einteilen. Hast du auch einen Freund und werdet ihr Song Contest schauen?“

FREI IM ROLLSTUHL
Koósz nickt begeistert. Alex, ihr Partner, habe sogar Livekarten besorgt! Er arbeite als Geschäftsführer und sei querschnittsgelähmt wie sie. Darüber ist sie richtig froh. So könne sie ihren Dickkopf durchsetzen, alles eigenständig ausprobieren. Ihr Vater habe das nie verstanden. Er wollte helfen, habe sie aber bevormundet. Deshalb gab’s öfter Konflikte. „Alex lernte ich witzigerweise beim Skifahren in deiner alten Heimat Tirol kennen“, schwenkt Koósz zurück zum Thema. An der Hotelbar habe sie ihn erspäht und sofort angesprochen. „Ich gehe immer so aktiv auf andere zu. Das nimmt ihnen die Unsicherheit. Mit ihm wurde aus einer lustigen Bekanntschaft Liebe.“

Seither wohnen sie zusammen und verzweifeln zu zweit, wenn Glühbirnen zu wechseln sind. Und bereisen gemeinsam die Welt. „Nehmen uns Schiffe und Touristenbusse aus Platz- oder Sicherheitsgründen nicht mit, leihen wir uns einfach umgebaute Mietautos.“ Auch auf komplizierte Langstreckenflüge verzichte sie nicht. Dafür hat sie sogar das Klogehen trainiert. Ihre Blase halte fünf Stunden durch. Dann müsse sie eine Stewardess bitten, sie auf die Toilette zu schieben. „Man muss ihr halt sagen: ,Keine Panik, ich brauche 15 Minuten!‘“, kichert sie. 

Konzerte, Skifahren, Reisen – und das alles im Rollstuhl: Alice Tumler ist platt. „Woher nimmst du diese Energie? Für viele endet mit so einem Schicksalsschlag das Leben!“ Koósz stimmt ihr zu. In ihrem ungarischen Heimatdorf hätten sie alle bemitleidet und gemeint, sie solle beten. „Das nervte! Wenn das Rückenmark durchtrennt ist, hilft kein Beten, nur Therapie“, schäumt sie. Doch dann sei die Reha in Österreich gefolgt, der Neubeginn im Paradies! „Wir hatten Fernsehen im Zimmer und Notglocken. Was für ein Luxus! Hier lernte ich, nach vorne zu blicken. Mich selbstständig anzuziehen und zu duschen. Zum ersten Mal konnte ich ohne Einwilligung anderer ins Kino gehen, U-Bahn fahren, spontan sein. Es klingt seltsam, aber der Rollstuhl schenkte mir meine innere Freiheit.“

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 05/15 – von Petra Klikovits

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