„Der Maulwurf kommt aus der Erde gekrochen …“

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„… er war dort unten sicher seit Wochen!“ (*) oder noch viel, viel länger, den ganzen langen Winter lang. Welches Bild könnte besser zum Aufbruch in den Frühling passen als der kleine, pummelige Herr im dunklen Pelzmantel, der hervorkrabbelt, um sich ganz oben auf seinem Hügel im hellen Sonnenschein zu wärmen? Der englische Kinderbuchklassiker Der Wind in den Weiden von Kenneth Grahame beginnt genau mit dieser Szene. Wer einmal dem Anfang des Hörbuchs, übersetzt und gelesen von Harry Rowohlt, gelauscht hat, dem wird es lebhaft in Erinnerung bleiben, wie sich der Maulwurf befreit von seinen Haushaltspflichten: „Zum Henker mit dem Frühjahrsputz!“, und nach oben „kramte und kroch und krabbelte und kratzte er und war mit seinen kleinen Klauen schwer beschäftigt“, … „bis sein Nasenrüssel endlich – plopp! – herauskam in den Sonnenschein.“

Manchmal ist es Zeit, sich von der schützenden Höhle zu verabschieden, sich den Wind der weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Der mutige Schritt hinaus hat sich für den scheuen Maulwurf mehr als gelohnt, er bedeutet Begegnungen am Fluss: Der Wasserratterich wird ihm ein mehr als loyaler Freund.

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Durch den Ratterich lernt er den großspurigen, angeberischen und doch liebenswerten Kröterich kennen, der als Spross und einziger Nachkomme eines alten Adelsgeschlechts auf einem herrschaftlichen Landsitz residiert und ein schweres Erbe zu tragen hat. Mit immer wieder neuen kostspieligen Hobbys entflieht Herr Kröterich der Vergangenheit, recht effizient bringt er die Erbschaft auf diese Art beinah durch und kommt mit dem Gesetz in Konflikt.
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Eine entscheidende Rolle spielt der weise Herr Dachs. Er lebt zurückgezogen und greift nur dann ein, wenn es wirklich pressiert. Zu erwähnen wäre, neben etlichen Abenteuern, die der Kröterich auf seiner Flucht aus dem Kerker bestehen muss, noch die Verschwörung der Frettchen (Marder) mit den Wieseln. Deren räuberische Besetzung des Kröterschen Anwesens kann nur durch die List und den Zusammenhalt der Freunde erfolgreich bekämpft werden. Zu guter Letzt geht alles seinen gewohnten Gang. „Odysseus“ Kröterich kehrt in sein nobles Heim zurück – auf Verlangen von Herrn Dachs schwört er seinen Eskapaden zwar ab, doch wissen alle Freunde, dass er weiterhin verlässlich für Aufregung und Unterhaltung im Leben am Fluss sorgen wird.

 

Der Klassiker aus dem Jahr 1908 ist in verschiedenen prominenten Übersetzungen ins Deutsche erschienen: 1973 von Harry Rowohlt, 1988 von Sibyl Gräfin Schönfeld. 1996 ist erstmals die Übertragung von Anne Löhr-Gößling herausgekommen, die auch in der aktuell erhältlichen Ausgabe des Thienemann Verlages mit den neuen Illustrationen des Briten David Robert wiederaufgelegt wurde.

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Diese Übersetzung hat den Text abgestaubt wie der Maulwurf seinen Pelz. Das hat dem alten Klassiker gut getan. Gemeinsam mit den elegant-witzigen Bildern von David Roberts wird wohl klar, dass es sich um einen historischen Text handelt – das könnte und sollte auch keine Übertragung wegmogeln. Einige an Art-Deco erinnernde Elemente im dekorativen Beiwerk wie den Vignetten der Kapitelüberschriften bewirken eine noble Antiquiertheit. Die Gesten und die Körpersprache der Figuren in Roberts Bildern wirken ein wenig steif und theatralisch, als steckten die Protagonisten in Kostümen und bewegten sich auf einer Bühne. Für die Neubelebung eines Klassikers passt das wunderbar. Kräftige, strahlende Farben und klare Konturen machen die Bilder attraktiv und gut lesbar.

Eine ausgezeichnete Gelegenheit, den altehrwürdigen Klassiker der englischen Kinderliteratur einfach als sehr spannende Geschichte zum Vorlesen für Kinder ab 6 Jahren neu zu entdecken. Ich wünsche viel Vergnügen!

 

 

Kenneth Grahame (Text)/David Roberts (Bild):

Der Wind in den Weiden

Zum Vorlesen ab 6 Jahren

Thienemann Verlag 2016

ISBN 978-3-522-18422-9

 

 

Übriges ;-) (*) Ein Fingerspiel, das mit diesen Worten beginnt, stimmt bei unseren Kamishibai-Erzähltheater-Vorführungen (www.isipisi.at/kamishibai.html) das Publikum auf die Janosch-Geschichte „Die Grille und der Maulwurf“ ein. Maulwürfe kennt die Kinder- und Bilderbuch-Literatur zuhauf: nicht nur den von Janosch, der schließlich barmherzig die asylsuchende Grille beherbergt. Einem hat wer auf den Kopf gemacht, einer heißt Grabowski, und einer will sogar ein Vogel, ein „Erdvogel“ sein …

 

Werner Holzwarth (Text)/Wolf Erlbruch (Bild):

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat.

Peter Hammer Verlag 1989

 

Luis Murschetz:

Der Maulwurf Grabowski.

Diogenes 1972

 

Oliver Scherz (Text)/Eva Muggenthaler (Bild):

Der kleine Erdvogel.

Beltz Verlag 2013

Veronika Mayer-Miedl

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin - als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien" während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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