Glühbirne ausgebrannt
ab 5 Jahren

2015-05-05 16 03 00 - Kopie

Der Seltenheitswert von Bilderbüchern zum Thema Burn-out ist mindestens so groß wie die Wahrscheinlichkeit, als alleinerziehende Mutter zur gefährdeten Gruppe zu gehören. Dabei brauchen betroffene Kinder dringend eine mitfühlende Darstellung der vertrackten Situation, eine wohltuende stärkende Geschichte. Genau so eine ist „Mama & das schwarze Loch“. Im Vorjahr hat meine Freundin Nora aus dem Nachbarort Gramastetten dafür den Romulus-Candea-Preis der Kinderjury erhalten. Was daran so besonders ist: Die Kinder selbst kürten unter neun Bilderbuchprojekten eindeutig Noras Geschichte zur Siegerin. Für den Tyrolia-Verlag war das ein starkes Argument.

Wirklich gute Literatur muss selbst Erlebtes transportieren, das ist für mich unumstößlich und gilt natürlich auch für Kinderbücher. Daraus nun direkt auf Leonora Leitl zu schließen wäre voreilig, obwohl viel Persönliches eingeflossen ist.

Nora ist im Hauptberuf Grafikerin – wie die Buch-Mama –, dazu noch sprachkreative Wörterjongleurin und Bildkünstlerin. Und Mutter zweier Kinder. Sie ist mir anfangs als Buchladenkundin, dann als kollegiale Kursteilnehmerin im Schneiderhäusl (www.kinderbuchhaus.at ) ans Herz gewachsen und ich weiß, dass es genügt, am Rand des Schwarzen Lochs gestanden zu haben, um mitreden zu können. Adele, die Mama im Buch, trifft es sehr hart. Während sie wieder einmal mit einem ihrer Kunden telefoniert und gleichzeitig kocht, fängt ihre Frisur komisch zu rauchen an. Das Loch, das sie selbst in den Fußboden brennt, wird ihr zur Fallgrube. Dort unten bleibt sie in embryonaler Haltung liegen. Der Anblick ist für Lotti, die kleine Tochter, ein Schock. Glücklicherweise gibt es Oma Mizzi, die sonst immer für alles ein Hausmittel hat: Branntwein, Brennspiritus, Brennnesseltee und die brandneue Feuersalamander-Salbe. Doch diesmal hilft alles nichts …

Lotti hat den rettenden Einfall: Der Feuerschlucker Fernando aus dem Zirkus Pyromani haucht Adele wieder neue Lebenslust ein. In der ersten Version war er auch ihr feuriger Liebhaber, was als Ausstiegsszenario des Burn-out vielleicht ein wenig blauäugig gedacht war …

Ohne professionelle Hilfe ginge das aber nicht, soll ein amerikanischer Verleger kürzlich obergescheit auf der Buchmesse in Bologna am Tyrolia-Verlagsstand genörgelt und sogar einen Therapeuten an Fernandos Stelle ins Bilderbuch reklamiert haben … Amerikaner! Der Lover wäre uns da schon lieber.

Warum sollte es nicht sein dürfen „wie im Bilderbuch“? Eine neue Liebe – im Mama-Buch nur zart angedeutet, viel wesentlicher ist darin die Liebe der Mutter zu ihrem Kind – sorgt allemal für Kraft und eine andere Wahrnehmung des Eigenen. Schließlich wird in einer Partnerschaft der Alltag auch gemeinsam gestemmt, ganz so wie der Muskelprotz aus dem Zirkus das Sofa samt lesender (!) Mama locker in die Höh´ bringt, damit der Elefant mit seinem Rüsselstaubsauger drunter kommt.

Liebevoll und genau beobachtend ist Noras Blick und so zeichnet sie die Mama inmitten des Tsunami an Haushaltsaufgaben. Die dazwischen hineingeschwindelten augenzwinkernden Kleinigkeiten – Teufelchen und Totenköpfe – sorgen dafür, dass trotz der Schwere des Themas der Humor nicht zu kurz kommt. Mit der ganzen Sauberkeit kann unsereine oft einen richtigen Zirkus aufführen: ein Mittelchen für jedes Eckchen und Fleckchen Dreck. Diesen Zirkus hält uns das Buch als Spiegel vor Augen: Die rettende Putzkolonne unter Feuerschlucker Fernandos Leitung marschiert direkt aus dem runden Zelt in Adeles Haus ein. Hereinspaziert! Herzlich willkommen, auch bei mir!

 

Noras OfentheaterNora tritt bei Lesungen übrigens mit ihrem Ofentheater in Erscheinung, bei Interesse (Bibliotheken) wenden Sie sich direkt an sie: http://leonoraleitl.blogspot.co.at/

 

 

 

 

Ein zweites Buch hat Nora heuer auch noch herausgebracht:

„Ich habe keinen Fogel“, von Christian Futscher und Leonora Leitl, 2015 bei Picus
http://www.picus.at/4DCGI/moreinfo/s=99FD890A4B4143A6A7FCF7DD9950586B602C622E/l=1/1158/x=0/w=1/c=23/sc=41/p=67110922

Und im August erscheint bei Tyrolia „Willi Virus“, ein Buch über den Schnupfen. Einige Bilder daraus zeigt Nora bereits auf ihrem Blog (siehe oben).

 

Leonora Leitl:

Mama & das schwarze Loch

Ab 5 Jahren

Tyrolia Verlag 2015

ISBN°3-978-7022-3436-2

 

Veronika Mayer-Miedl

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin - als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien" während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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