Rosarot oder Hellblau?
ab 5 Jahren bis ins Grundschulalter

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Ein Bub will so gern ein Mädchen sein. Das ist sein größter Herzenswunsch. Bei der Erstkommunion trug er einen eleganten, cremeweißen Anzug. Damit konnte er leben. Und die Eltern haben ihm ermöglicht, dass er das Gefühl hatte, er selbst zu sein. Zumindest für den Moment. Bis sich seine Identität eindeutig herausgebildet haben wird, ist noch ausreichend Zeit.

Spätestens seit Conchita und ihrem Riesenerfolg ist es offiziell bekannt: Es gibt da etwas dazwischen. Auch wenn Tom Neuwirth kein Transidenter ist, das nur zur Klarstellung, hat er zur Enttabuisierung des Themas Geschlechteridentität in einer breiten Öffentlichkeit beigetragen. Der Tanz zwischen den Ufern kann schillernd und kreativ und schöpferisch sein – und für manch schubladisierendes Umfeld einigermaßen herausfordernd.

Wirklich schlimm kann es für transidente Menschen werden, die auf Ablehnung und Argwohn stoßen. (*) Wenn sich im Bewusstsein der Gesellschaft etwas ändern soll, brauchen wir einen entspannten und wertschätzenden Umgang mit dieser Thematik in der Gegenwart von Kindern. Die Botschaft: Es ist vollkommen in Ordnung, mit Geschlechterzuordnungen spielerisch und leicht umzugehen. Sich auszuprobieren ist schließlich der Sinn der Kindheit und des Jugendalters. Sich selbst kennenlernen, sich erproben in verschiedenen Kostümen, mit Erwartungshaltungen der Umwelt frei und unbekümmert experimentieren, das sollte jedem Menschenwesen gestattet sein.

Michael Roher und Melanie Laibl ist ein kolossaler Beitrag zum Thema Transgender gelungen: ein Meisterstück, das uns voll mit Märchenzitaten dabei hilft, im nachdenklichen Gespräch mit Kindern zu überlegen, wie ist sein könnte, sich als Mädchen in einem Bubenkörper wiederzufinden. Immerhin wohnen in uns allen ein innerer Mann und gleichzeitig eine innere Frau. In „Prinzessin Hannibal“ sieht man das am Fußnägel lackierenden König und am Batman-Zeichen im Diadem der Königin – Hinweise, die von Roher über das Bild kommuniziert werden. Später heißt es in Laibls grandiosem Text, ob Hannibal nicht wisse, dass in jedem Prinzen von sich aus ein Fünkchen Prinzessin stecke, das man zum Lodern bringen könne, wann immer man es wolle.

Diese inneren Anteile zu leben, macht unsere Erfahrungen reicher, unser Spektrum an Ausrichtungen und Handlungsmöglichkeiten breiter. Und unser Verständnis für Transidente. Die fließende Grenze zwischen Mann und Frau, Bub und Mädchen, kann als kreative Spielwiese wahrgenommen werden. Dafür entscheidet sich schließlich auch Prinz Hannibal.

Gefangen wie Rapunzel in ihrem Turm guckt der zarte Prinz am Buchcover hervor. Die lanzettförmigen Pflanzen, die das Gemäuer umspielen, wirken gefährlich und ablehnend – wie das Umfeld mancher transidenter Kinder. Gut vorstellbar für uns, dass er sich so fühlt: eingesperrt in seinem Körper. Der Name Hannibal weckt schließlich auch höchste Erwartungen. Dabei wäre er so gerne eine Prinzessin. Der Bucheinband und das tiefrote Vorsatzpapier fühlen sich edel und wertvoll an. Hier geht es um ein wesentliches Thema, um etwas, das mit Herzblut bekräftigt wird. Die satten Farben in Rohers Bildern machen klar, das hier sind kleine flüchtigen Flausen eines kleinen Jungen, die mal eben schnell weggewischt werden können. Hier geht es um Existentielles. Doch weder der Vater (Fußnägel, ähh … Thronangelegenheiten) noch die Mutter (Fernkurs in französischer Fächersprache) haben Zeit, sich mit dem Herzenswunsch ihres Sohnes zu befassen.

Hannibal Bild 1

Wie gut, dass er sieben ältere Schwestern hat, deren Namen sich, nebenbei erwähnt, zum Buchstabenspiel von A–G ausgezeichnet eignen. Die haben zwar etliche, doch wenig hilfreiche Tipps auf Lager, schließlich fehlte es allen sieben noch kräftig an Lebenserfahrung, und was in Märchenbüchern funktioniert, lässt sich kaum 1:1 auf die Realität übertragen.

Hannibal Bild 2

Nicht einmal Eleonora, jene, die an eine coole Intellektuelle in einem Berliner Lesbenclub erinnert, kann dem Hannibal mithilfe der Literatur etwas Gescheites sagen. Dabei ist doch sonst in Bilderbüchern meist jene Szene, in der in dicken Büchern nachgeschlagen wird, die mit dem größten A-ha-Effekt, nicht ohne lesepädagogisch erhobenen Zeigefinger. Wie wohltuend, dass es hier anders kommt.

Hannibal Bild 3

Mit Unterstützung aller Schwestern schlüpft Hannibal Hippolyt Hyazinth anlässlich des rauschenden Balls in seine neue Identität. Dem Hofstaat und der Gästeschar bleibt der Mund offen stehen und niemand ahnt, wer sich hinter der bezaubernden Prinzessin verbirgt, die in ihrer Mitte begnadete Quadrille tanzte.

Rohers Bilder sind exquisit: überraschend leicht und voll schwebender Eleganz, dabei witzig und verschmitzt. Gemeinsam mit Laibls eloquentem, humorvollem und feinsinnigem Text bringt die Bilderbuchgeschichte die Entkrampfung dieses doch so brisanten Themas einen großen Schritt voran.

 

 

Michael Roher (Bild) und Melanie Laibl (Text):

Prinzessin Hannibal

Luftschacht Verlag 2017

Vom Verlag ohne Altersangabe

(Frühestens ab 5 Jahren bis ins Grundschulalter)

 

 

(*) Fast gleichzeitig mit dem Erscheinen dieses Bilderbuchs wurde im April an der Uniklinik Innsbruck das österreichweit erste Transgender-Center (TGCI) eröffnet. Es hilft Betroffenen weiter und soll verhindern, dass ins Ausland ausgewichen werden muss. Vor allem geht es aber um eine Entpathologisierung. Auch Kinder und Jugendliche könnten ins TGCI kommen. Eine sehr genaue Abklärung ist natürlich wichtig, da die Geschlechteridentität noch im Entstehen ist.

 

Veronika Mayer-Miedl

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin - als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien" während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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