Ich will nicht bleiben, wie ich bin

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Der Mann ist weg und hat einen Zettel hinterlassen. Der Mann und die Frau, die haben sehr viel gestritten: Die hatten sehr schöne Selbstbilder und sehr hässliche Bilder voneinander. Da musste einfach geschrien werden und dann lief es am nächsten Tag gar nicht schlechter weiter. Man lief in der Spur, man lebte gepflegt, ein Dasein wie im Schöner-Wohnen-Katalog des Lebens.

Für den wuchtigen Körper des Mannes ist es kein geeignetes Sofa, das ich da ausgesucht habe. Es ist hübsch, aber fragil. Der Mann hat sich darüber nie beschwert, er beult es stillschweigend aus. (S. 12)

Die Frau beobachtet an diesem Tag die Schulkinder und träumt. Dass manchmal die Nachbarskinder kommen, freut den Mann und die Frau. Dann erinnert sich die Frau an ihre rasanten Fahrten mit ihrem Fahrrad quer durch Berlin, zum „Haus der Pressekonferenz“, wo sie durch eine simple Ansage eines Namens zurück in ihre Geschichte bzw. Vergangenheit fliegt: Wo waren ihre Träume hin? Wohin hatte sie ihre Verwegenheit gesteckt? Alles wohltemperiert und Ton in Ton ineinander übergehend? Wilde Zeiten erzählt Kapitel zwei, wilde Lieben und wilde Reisen, da sind zwei Freundinnen, die wollen groß rauskommen, die jauchzen und schluchzen, wenn sie die Folgen des Kultfilms „Der Pate“ sehen. So mancher Scheich ist ein Fake, manche Einladung nicht so ernst gemeint, fest steht aber: Auf nach Cannes, zum Filmfestival.

Wieder Jahre später haben es beide geschafft, sie sind etabliert, versteckt rebellisch und erinnern sich gern an ihre Interviews bzw. Auftritte in Cannes, die eine als Journalistin, die andere als Fotografin. Doch, sie haben frischen Wind geatmet und wiederum auch ins Milieu gebracht. Die Ich-Erzählerin sinniert, in welchen Farben sie eigentlich ihre Zukunft malen will, ob dazu die Vergangenheit als Grundierung taugt?

Schließlich entscheidet sich das reflektierende Ich und wählt aus dem ABC seiner Schuldgefühle einen Buchstaben.

Wähle ich D wie Dankbarkeit oder E wie Erleichterung? Oder ein ganz und gar nicht gelassenes U für Unverständnis oder doch wieder V wie Verachtung? (S. 196)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Witz, Innensicht, Details einer Leidenschaft, Alltag kontra Träume, Erinnerungen, KünstlerInnen-Szene, leicht laszive Gesten und Treffen, Traurigkeit, Aufbruch

 

Die Autorin schreibt Kolumnen für Zeit Online, sie leitet die Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarelle Entertainment und kennt daher die Szene sehr sehr gut.

 

 

Meike-Melba Fendel:

Zehn Tage im Februar

Roman

Berlin: Aufbau Verlag 2017

205 Seiten

Christina Repolust

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt."

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