In Richtung der eigenen Träume schreiten

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Das Leben läuft gut, die Wohnung ist genau die richtige und alles könnte auch noch länger dermaßen gut bleiben. Dann kommt der Moment, also einer jener Momente, in denen die ganz großen Fragen auftauchen: Wo, wie und warum leben wir – in der Großstadt oder am Land, zur Miete oder im abzustotternden oder von den Eltern finanzierten Eigentum? Barbara Nothegger zeigt in ihrem Buch wunderschön, wie die großen Fragen ans Leben und dessen Gestaltung auftauchen, als sie erfährt, dass sie schwanger ist. Schauen wir doch bei ihr vorbei, damals, als alles mit den großen Fragen begann:

Unsere Altbauwohnung war beim Einzug, nach dem Studienende, nur als Übergangsbleibe gedacht. Nun leben wir schon sechs Jahre dort. Sie ist alt, aber charmant. Ich mag die knarrenden Fischgrätböden und die Holzrahmen der Fenster, die seit der Errichtung des Hauses vor hundert Jahren noch nie gewechselt wurden. Die Miete ist günstig und das ist gut so – denn für mich ist diese Altbauwohnung nicht mehr als ein Ort, an dem ich wohne. Im Alltag bedeutet das: schlafen, essen, duschen, entspannen … Darum hat meine Wohnung auch keine so große Bedeutung für mich. (S. 11)

Nach mehreren Reisen aufs Land – wollen wir hier leben, soll das Kind hier aufwachsen, zur Schule gehen? – beginnt die Wirtschafts- und Immobilienjournalistin Barbara Nothegger gründlich zu recherhieren und findet ein gemeinschaftliches Hausprojekt am Gelände eines aufgelassenen Bahnhofs, nicht am Land, sondern mitten im Wien. Die Frage bleibt: Wollen wir das. Wollen wir uns darauf einlassen? Schaffen wir das emotional und finanziell? Hoffnung und Angst sind die beiden Begleiter aller Häusl-Bauer, egal, ob kooperativ, einzeln oder mit Freunden: Es gibt Gruppen-Finanztreffen, es gibt unzählige Besprechungen, dann meldet die Alpine, ein Bauunternehmen mit über 15.000 Mitarbeitern Insolvenz an. Über 100 Menschen müssen sich also einen neuen Bauträger suchen, in aller Eile Anbote einholen: Wird das Projekt gelingen? Nun beginnen die Kaufverhandlungen mit dem Bauträger, die Gespräche mit den Banken sind konkreter geworden. Privat kehrt die Autorin aus der Karenz zurück, Kind, Haushalt – und dann noch 300.000 Privatdarlehen organisieren. Das Wohnprojekt verliert gefühlt an Leichtigkeit, man hält aber durch, spricht, diskutiert, streitet, plant, macht einfach weiter. Sieben Stock Dorf sind gelungen, Sofas und Blumentöpfe werden reingeschleppt, der Lift gibt nach sechs Fahrten der Neuankömmlinge den Geist auf. Aber: Was ist das schon im Vergleich zum gesamten Projekt, spontan meldet sich ein Einzugsmanager.

Ich hoffe, dass noch viele Menschen sich trauen und das Experiment wagen, in ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu ziehen …. dass sie ihren Träumen von einem besseren Zusammenleben folgen. (S.1 67)

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Spannung, Wissen über Wohnträume und -realitäten, Auseinandersetzung mit dem Immobilienmarkt, kompetent begleitete Reise zum individuellen Ziel einer Kooperative, Witz und guten Stil, Fragen nach dem Lebensstil, nach Verzicht, nach Engagement.

 

Die Autorin, Jahrgang 1978, studierte Handelswissenschaften in Wien und Mexiko-Stadt und schreibt für Medien wie „Trend“, „Format“ und „Die Zeit“. Seit 2013 lebt sie mit ihrer Familie im Wohnprojekt Wien, das 2014 mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet wurde.

 


Barbara Nothegger:

Sieben Stock Dorf.

Wohnexperimente für eine bessere Zukunft.

Salzburg – Wien: Residenz Verlag 2017.

175 Seiten.

Christina Repolust

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt."

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