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EU-JournalistInnenpreis 2005: "Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung"
Der JournalistInnenpreis 2005 der Europäischen Kommission wird an den freien Journalisten Martin Langeder für seine Reportage "Constanze on Air" vergeben. Er beschreibt einfühlsam und positiv die erfolgreiche Integration der blinden Radiomoderatorin Constanze Hill in ein Medienunternehmen. Der Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2005 von "Welt der Frau". Für die österreichischen Jury-Mitglieder war neben dem gelungenen Spannungsaufbau und dem guten sprachlichen Fluss gerade der motivierende Zugang zur Thematik ausschlaggebend.
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Constanze on Air
»Redet einfach! Ich höre euch zu.« Constanze Hill kümmert sich Abend für Abend um das Liebesleben der Hörer eines Privatradios. Den Traumjob beim Radio fand die 30-Jährige erst nach einer Odyssee. Sie ist blind. Martin Langeder
Hans ist nervös. Es ist sein erstes Mal. Die Telefonnummer von Constanze kennt er schon lange. Aber erst heute hat er den Mut, sie ins Handy zu tippen. Er kommt sofort durch. »Hallo, du sprichst mit Constanze. Was kann ich für dich tun?« Hans ist der erste von 15 Anrufern in dieser Nacht. Und er will nur eines: eine Frau. Für länger, wenn’s geht, fürs ganze Leben. Sein Anforderungsprofil klingt nicht neu: Treu, kinderlieb und wenn möglich blond sollte sie sein, die Frau seiner Träume. »Okay, gib deine Telefonnummer durch.« Hans’ Chancen stehen nicht schlecht, schließlich haben genügend Singles mitgehört. Bis zu 30.000 Hörer sind dabei, wenn Constanze Hill vier Mal pro Woche bei »Life Radio« zum »Rendezvous mit Constanze« bittet. Von 21 Uhr bis Mitternacht haben bei Oberösterreichs Privatradiosender die Hörer das Sagen. Sie können die große Liebe suchen, sich bei Beziehungsproblemen ausweinen oder sich für ihr Schatzi einen Lovesong wünschen – alles ist erlaubt. Mit dem simplen Konzept »Redet einfach! Ich höre euch zu« ist die 30-Jährige seit sechs Jahren on Air und bringt die Radiohörer ins Bett.
Ihre Stimme war immer Constanzes Stärke.Sie klingt lebenserfahren, verständnisvoll, ehrlich – und ein bisschen nach der Gelassenheit von Mama. Bereits als Kind hat Constanze die Helden ihrer Hörspielkassetten imitiert. Nach der Matura jobbte sie beim Ö3-Hörerservice, absolvierte einen Radiolehrgang und war bei BBC in London und danach ein halbes Jahr bei Magic FM in Hamburg. Anfang 1998, rechtzeitig zum Start der Privatradios, war die geborene Wienerin wieder in Österreich – und fand keinen Job. Trotz bester Referenzen schreckte die Radiochefs ein Punkt im Bewerbungsschreiben ab: Constanze ist blind. Durch einen Arztfehler bei der Geburt. Tüt-tüt-tüt – den nächsten Anrufer hat wohl der Mut verlassen. Macht nichts. In Leitung zwei wartet Margit. Die 62-jährige Witwe ist einsam und sucht nette Menschen für die Freizeitgestaltung. Alleine fühlte sich auch Constanze bei ihrer Odyssee von Radiostation zu Radiostation: Von der einen wurde sie mit »Höchsten Respekt, aber mit Ihrer Krankheit keine Chance« abgelehnt, eine zweite lud sie zwar zum Vorstellungsgespräch und stellte doch eine andere Bewerberin ein. Viele Radiosender antworteten überhaupt nicht: »Diese Zeit war tiefster Frust, völlig ohne Existenz und völlig ohne Hoffnungsschimmer.« Zwischenresümee anno 1998: »Okay, dann werde ich doch Telefonistin – wie viele der 4.600 Blinden in Österreich …« Doch dann machte Constanze in Berlin einen blinden Radiomoderator ausfindig. Dieser kannte Stephan Schwenk, der auch zu ihrem Mentor werden sollte. »O-h, it’s just a perfect da-y! I’m glad I spend it with yo-u. Oh just a perfect da-y …«, schmachtet Lou Reed. Ein Anruf bei Constanze bescherte auch Irene einige perfekte Tage. Rekordverdächtige 278 Männer haben sich bei ihr gemeldet. »Sogar der Buschauffeur, mit dem ich jeden Tag zur Arbeit fahre, war dabei«, berichtet die 24-Jährige überdreht.
Constanze lächelt zufrieden. In den nächsten zehn Minuten sorgen Robbie Williams, Celine Dion und die Söhne Mannheims für die richtige Stimmung bei allem, was zu zweit mehr Spaß macht, von A wie Anbandeln bis Z wie Zungenkuss. Auch Constanzes Daumen und Zeigefinger küssen sich. Im Takt. Immer wieder. Vor ihr auf dem Tisch steht ein halb voller Kaffeebecher aus dem Automaten. Prickelnde Stimmung? Fehlanzeige. Keine Kerzen, keine Rosen, von den weißen Studiowänden lachen die No Angels und Janet Jackson. Zwei Halogenspots tauchen den Raum in helles Licht. 57, 58, 59 – der Kreis der roten Leuchtpunkte, die rastlos die Sekunden auf der Studiouhr zählen, ist komplett. Auf geht’s in die nächste Stunde: Constanze setzt sich den Kopfhörer auf, tastet mit beiden Händen geschickt nach dem Mikrofon, richtet sich auf: »Linz 78 30 00. Die Nummer für alle, die heute noch jemanden kennen lernen wollen.« Dass Constanze jetzt vorm Mikro sitzt, verdankt sie Stephan Schwenk. Der deutsche Radiomanager erkannte ihr Talent und holte sie 1998 zum Linzer »Cityradio«. Gemeinsam entwickelten sie die Sendung »Heiße Nacht mit Constanze«, die bis zu fünf Stunden dauerte und zum Kult wurde. Das Sendungskonzept hat sich beim Wechsel zu »Life Radio« nicht geändert: Die 180 Sendeminuten sind vor allem zwischenmenschliche Sprechstunde.
Constanze nimmt sich Zeit für ihre Hörer: »Wie geht’s dir?« Eine Frage, für die in unserer Zeit kaum mehr Zeit bleibt. Ihr Einfühlungsvermögen schafft Vertrauen. Auch bei Themen wie Kindesmissbrauch, ungewollte Schwangerschaft oder Gewalt in der Familie verschlägt es Constanze nicht die Sprache. Im Gegenteil: Die diplomierte Sexualpädagogin weiß Rat. »Die Ausbildung gibt mir die Sicherheit, die Anrufer richtig zu unterstützen, und außerdem die Sensibilität dafür, wie ich mit Sprache, mit Humor und mit Menschen umgehe.« Dazu kommt noch eine große Portion Spontaneität: Denn die Anrufer gehen live auf Sendung. Als Nächstes ist Andrea dran. Sie sucht einen Lebenspartner. »Welcher Mann darf dich überhaupt anrufen?« – »Er muss ehrlich sein, intelligent und sollte Humor haben«, sagt die Mutter einer 17-jährigen Tochter. »Sag mir Bescheid, was sich getan hat.« Constanze trägt keine Sonnenbrille und auch keine gelbe Armbinde. Auch einen Stock sucht man vergebens. Dafür weicht Königspudel Filou nicht von ihrer Seite. Ihre Blindheit hängt sie nicht an die große Glocke: »Ich bin, wer ich bin, und das passt auch so.«
Anrufer Nummer zwölf heißt Joe: »Servus, ich suche ein paar fesche Hasen zum Fortgehen.« Seine Kumpels im Hintergrund finden das wahnsinnig lustig. Constanze nimmt ihre Anrufer ernst. Das Gleiche erwartet sie aber auch von den Hörern. Sie beendet Joes Auftritt frech: »Pass gut auf deine Karotte auf!« Für Constanze ist eines tabu: Hörer treffen. Einmal hat sie diesen Vorsatz gebrochen – und sich verliebt. Im Februar 2002 hat sie Gerald geheiratet. Auf Jamaika am Strand. Söhnchen Tristan ist zwei Jahre alt. Der dritte wichtige Mann in ihrem Leben heißt Dominik. Er unterstützt Constanze als Assistent im Studio. Er überblickt die Computerbildschirme und bedient das Mischpult mit seinen Reglern und bunten Knöpfen. Und er betreut die Telefonanlage, notiert Name und Nummer der Anrufer und schaltet das Mikro für Constanze ein. Wenn das Rotlicht leuchtet, ist Dominik genauso stumm wie der Fernseher, der an der Studiodecke lautlos vor sich hin flimmert.
Jetzt ist Mario an der Reihe: Vor drei Wochen hatte er noch ein »übel gebrochenes Herz«. Heute ist er wieder gut drauf. »Ich bin froh, dass es dir besser geht.« Es ist 23.26 Uhr: Zeit für die Stauschau. Die Verkehrsmeldungen lernt Constanze kurz vorher auswendig. Heute hat sie es leicht: »Keine Probleme auf Oberösterreichs Straßen, kommen Sie gut nach Hause!« »Ich hab dich li-eb, so li-eb, lieber als du denkst« – Harry will wie Herbert Grönemeyer auch jemanden zum Liebhaben. Er ist der letzte Anrufer. Der 30-Jährige hat acht Jahre lang nur für seinen Job gelebt: »Liebe, Beziehung, Familie und so was hat nicht stattgefunden.« Über seinen Beruf will er nicht sprechen: »Gut, dann reden wir über Sex. Wann hattest du dein letztes Gschichtl?« »Ups«, ist Harry überrumpelt, »das ist gar nicht mehr wahr, das war vor einem halben Jahr.« Jetzt will er jedenfalls Familie gründen, mit einer Frau ohne Neurosen.
Sieben Minuten fehlen noch auf Mitternacht. Constanze Hill spricht zum letzten Mal in dieser Nacht ins Mikrofon: »Träumen Sie vom Liebsten, das Sie haben oder haben möchten.« Im Studio hat jetzt der Musikcomputer das Sagen. Er startet mit »I can’t stop loving you« von Michael Jackson. <
Bildtexte: Constanze Hill hat als blinde Radiomoderatorin mit »Rendezvous mit Constanze« eine große Chance bekommen.
Das Leuchten der Knöpfe am Moderationspult sieht Constanze Hill nicht. Dafür kann sie sich in ihre Anrufer besonders gut einfühlen.
Lange suchte Constanze Hill nach einem für sie passenden Job im Journalismus. Eine Zusatzausbildung als Sexualpädagogin verschafft ihr heute das Know-how für beziehungssuchende AnruferInnen.
Fotos: Herzenberger
geschrieben von Martin Langeder |