Gönül weiß auch nicht alles
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Putenwiener, Schwimmunterricht und Eheprobleme – Besuch bei einer islamischen Religionspädagogin. Text: Claudia Mende. Fotos: Angelika Bardehle Durch die bunten Glasfenster schimmert die morgendliche Sonne. Gönül Yerli führt durch den Gebetsraum der Penzberger Moschee mit der Routine einer Fremdenführerin. Fenster aus Recyclingglas nach Osten, Richtung Mekka, eine gläserne Fensterfront auch zur Straße hin. »Wir sind offen«, signalisiert diese moderne Moschee, »wir wollen uns nicht abschotten. Schaut doch selbst, wie wir leben.« Penzberg, ein kleines Städtchen zwischen München und Salzburg, hat eine neues Wahrzeichen. Die Moschee ist ein architektonisches Juwel, eine gelungene Mischung aus alter arabischer Baukunst und moderner europäischer Architektur. Oben auf der Galerie beten die Frauen mit ihren Kindern. »Manchmal beten wir hier oben auch gemeinsam mit den Männern«, erzählt Yerli. Aber hat sie nicht auch mal das Bedürfnis, unten bei den Männern zu beten? »Überhaupt nicht«, lacht Yerli. Und mit der für sie so typischen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor antwortet sie: »Wenn ich oben bei den Frauen meine rituellen Verbeugungen mache, habe ich keine Angst, dass mir die Unterhose aus dem Rock hervorguckt. Es ist einfach praktischer.«  MUTTER UND LEHRERIN. Neben dem Gebetsraum gibt es genügend Räume, um sich in Ruhe zu treffen. Frau Yerli bietet Gebäck und Tee an, isst aber selber nichts: Es ist Fastenzeit. Vor zwei Tagen hat der Ramadan begonnen. Gönül Yerli ist Religionspädagogin. Geboren 1976, kam sie als Kleinkind mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland und wuchs in dem katholischen Dorf Waakirchen im Landkreis Miesbach auf. Sie heiratete jung, direkt nach der Hauptschule, und bekam drei Kinder. So weit hat sie eine klassische Gastarbeiterbiografie. Aber dann holte sie am Tele-Kolleg das Fachabitur nach und machte eine zweijährige Ausbildung zur islamischen Religionspädagogin beim Kölner Institut für Islamische Pädagogik und Didaktik (IPD), dem deutschen Pendant zur Islamischen Religionspädagogischen Akademie (IRPA) in Wien. Beide Institute bilden Religionspädagoginnen in deutscher Sprache aus. »Leider wurden in Deutschland bis jetzt die wenigsten Absolventinnen von Moscheen eingestellt«, bedauert Frau Yerli. »Die meisten können lediglich die eigenen Kinder unterweisen.« Gönül Yerli ist eine Pionierin, denn in Deutschland ausgebildete Seelsorgerinnen an den Moscheen sind noch ungewöhnlich. Die meisten von ihnen werden aus der Türkei entsandt. »Bei ihnen frage ich mich manchmal schon, was sie eigentlich gelernt haben«, kritisiert sie. Für die Politik stehen mehr die Imame im Vordergrund, ihre Ausbildung in Deutschland wird seit Langem gefordert.
Es ist gut, wenn Frauen selbst den Koran lesen. Sie legen schon manches anders aus. FÜR FRAUEN DA. Was macht eine islamische Religionspädagogin? Frau Yerli hat alle Hände voll zu tun, sie betreut die Mutter-Kind-Gruppen mit jeweils fünf Frauen aus der Gemeinde und fünf Christinnen aus Penzberg. Sie organisiert Nachhilfe, das interkulturelle Frauenfrühstück und Religionsunterricht für Erwachsene und Kinder. Daneben ist sie auch einfach für Fragen und Sorgen ansprechbar. Heute ist Nermina Idriz, die Ehefrau des Imam, zum Gespräch dazugekommen. Frau Idriz hat ihr jüngstes Kind, den zweijährigen Emir, mitgebracht. Beherzt greift sie zu einem der süßen Blätterteigkekse. Nanu? Hat nicht gerade der Ramadan begonnen? Nermina fastet nicht. »Nein«, sagt sie und knabbert genüsslich an dem Keks herum. »Ich habe meine Periode, dann sind Frauen vom Fasten befreit.« Gönül Yerli ist das eher peinlich. Sie macht eine abwehrende Handbewegung, aber da ist es schon zu spät. »Doch, doch, Frauen sind in dieser Zeit vom Gebet befreit«, beharrt Nermina Idriz und fügt noch hinzu: »Übrigens auch vom Geschlechtsverkehr.« Dann lacht sie dieses befreiende Lachen, bei dem die Augen blitzen. Nermina Idriz kann einfach nicht anders als spontan zu sagen, was sie denkt. WAS FRAUEN FRAGEN. Gönül Yerli verdreht die Augen. »Solche Fragen beschäftigen muslimische Frauen einfach sehr.« Frau Yerli nennt weitere Beispiele. »Muss man nach dem Standesamt auch noch vor dem Imam heiraten? Wie kann ich mit meiner Tochter zum Frauenarzt gehen, ohne dass ihre Jungfräulichkeit gefährdet ist? Darf ich mich meinem Mann verweigern? Oder ist das eine Sünde?« »Ja, es ist eine Sünde«, wirft Nermina Idriz ein. »Nein, ist es nicht«, entgegnet Gönül Yerli, »ich finde heraus, warum sie nicht will, welche Gründe dahinterstecken und was dem Paar helfen kann.« Na gut, Nermina scheint überzeugt. Jedenfalls hat sie keine Einwände mehr. Andere Frauen wollen wissen, ob sie ein ungewolltes Kind austragen sollen (kommt auf die Umstände an) oder ob Verhütung erlaubt ist – sie ist es. »Ich erkläre dann den theologischen Hintergrund, sage meine Meinung dazu, schreibe aber nicht vor, was eine Frau tun muss«, so versteht die Religionspädagogin ihre Rolle. »Oder wir schicken sie zur Beratung«, ergänzt Nermina Idriz, diesmal sind sich die beiden einig. Auf jeden Fall wollen Frauen mit derart intimen Fragen nicht zum Imam gehen. SCHWIMMEN ODER NICHT? Immer wieder für Zündstoff bei den Müttern sorgt auch der Schwimmunterricht der Schulkinder. »Für mich persönlich war das nie ein Thema«, erzählt Yerli, »mein Vater hat es mir erlaubt. Aber bei uns waren Schwimmlehrer und Bademeister weiblich. Es ist Vorschrift im Islam, dass man nicht so viel Haut in der Öffentlichkeit zeigen soll – das gilt übrigens auch für Männer.« Diese Vorschrift hält sie für religiös, nicht kulturell begründet. »Für mich ist es keine Lösung, muslimische Eltern zu zwingen, ihre Töchter an gemischtem Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen. Die Frage ist doch eher, wie man beide Seiten zufriedenstellen kann.« Ach ja, und natürlich die Frage nach dem Kopftuch. Beide Frauen tragen es, reden aber offen darüber. »Jedenfalls brauche ich vor dem Foto nicht mehr zum Friseur«, witzelt Gönül Yerli. Sie trägt ihr Kopftuch seit dem elften Lebensjahr. »Ich bin so erzogen, das ist für mich kein Schutz vor Männerblicken oder so etwas, sondern eine Art Gottesdienst, eine Lebenshaltung.« Aber das müsse jede Muslimin mit sich selber ausmachen.
Lies doch erst mal den Koran auf Türkisch, dann verstehst du wenigstens etwas!
FRAUEN LESEN DEN KORAN ANDERS. Vielleicht kommen Frauen ja zu einer anderen Auslegung einer religiösen Vorschrift als Männer? »Es ist immer gut, wenn Frauen selbst den Koran lesen. Sie legen schon manches anders aus, zum Beispiel das Verbot, während der Menstruation eine Moschee zu besuchen. Früher war das vielleicht aus hygienischen Gründen angemessen, aber heute gibt es ja Tampons.« Heute gibt es auch zahlreiche Ansätze in der islamischen Welt, überlieferte Regeln neu auszulegen. So hat zum Beispiel in Marokko der König Juristinnen in eine Kommission berufen, damit sie die Rechtsauffassungen des Korans durchgehen und, falls nötig, zeitgemäß auslegen sollen. »Unser Problem ist, dass viele Muslime ihren eigenen Glauben kaum kennen«, sagt Frau Yerli. Das sei auch das Problem mit den Hasspredigern. Deshalb ist für sie die religiöse Unterweisung zentral. Traditionell kennen Muslime eigentlich nur den Koranunterricht. Sie lernen, den Koran auf Arabisch zu lesen und in einem meditativen Singsang zu rezitieren, »sie verstehen aber als Bosnier oder Türken nichts, null. Das ist ein Defizit in der arabischen Welt heute. Gestern kam eine Türkin zu mir, sie wollte Einzelunterricht im Koran. Ich habe ihr gesagt: Lies doch erst mal den Koran auf Türkisch, dann verstehst du wenigstens etwas.« DEN GLAUBEN VERSTEHEN. Glaubenswissen vermittelt sie auch im Religionsunterricht für Kinder an Grund- und Hauptschulen, aber auch einmal in der Woche für Erwachsene, übrigens Männer und Frauen. »Ich mache etwas anderes. Ich lese mit ihnen den Koran auf Deutsch oder Türkisch und lege den Vers aus. Meine Fragestellung ist: Wie habe ich diesen Vers heute zu verstehen?« Außerdem gehe sie auf die Fragen und Lebenssituation der Kinder ein. »Kinder kommen mit ganz konkreten Fragen. Warum dürfen wir beim Sommerfest in der Schule nur Putenwiener essen? Ist Jesus auch ein Prophet? Wie kann ich reagieren, wenn sich jemand über Mohammed lustig macht?« Besser über den eigenen Glauben Bescheid zu wissen, mache sie dann in ihrem Alltag selbstbewusster. EUROPÄISCHER IMAM. Aus dem Nebenzimmer schallt der Aufruf zum Gebet: »Allahu Akbar« – wunderschön gesungen. Nein, der Gebetsruf komme nicht vom Band, versichern die beiden Frauen, es sei der Imam selbst, der diese wunderschöne Stimme habe. In seine Stimme hat sich Nermina Idriz als junges Mädchen als Erstes verliebt. In einer Münchner Moschee lernten die beiden sich kennen, da war Nermina gerade mit ihren Eltern vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland geflohen. Der Aufruf verstummt, einige Zeit später kommt der Imam ins Zimmer. Er will wenigstens noch vorbeischauen, bevor er zu seinem nächsten Termin weitermüsse. Idriz stammt aus einer albanisch-türkischen Familie in Mazedonien. Mit den Imamen, die durch die Talkshows geistern, alten Männern mit Rauschebart und wallendem weißem Gewand, hat er überhaupt keine Ähnlichkeit. Dezent gestreiftes Hemd, schwarze Hose, Bartansatz, Idriz könnte auch hinter einem Bankschalter Investmentfonds verkaufen. »Wenn ich diese Fernseh-Imame sehe, dann bekomme ich auch Angst«, sagt er. »Sie repräsentieren vielleicht ein Prozent der Gläubigen.« Geduldig nimmt er den inzwischen quengeligen Emir auf den Schoß und erklärt, wie er den Islam in Europa sieht. »Wir sind hier in Deutschland – unsere Hauptstadt ist Berlin, nicht Ankara und auch nicht Kairo.« Seine wichtigste Aufgabe sieht er in »der Erziehung der Muslime. Predigen, sie in die Gesellschaft integrieren. In Europa leben, ohne den Glauben zu verlieren, das ist die große Herausforderung.« VERBINDUNG SCHAFFEN. Der Imam hat nicht viel Zeit, er muss weiter, zum nächsten Termin. Seine Frau zieht ein langes Gesicht. »Imame sollten nicht heiraten«, sagt sie im Scherz. Sie hätten einfach keine Zeit für eine Familie. Die islamische Gemeinde Penzberg dagegen hat bald keine Zeit mehr für ihre eigenen Leute, wenn der Besucherstrom weiter so anhält. Viele suchen den Kontakt. »Wir haben in Penzberg eine echte Chance zu einem Dialog, der nicht in erster Linie theologisch, sondern vor allem menschlich ist«. \\\
Bildtexte: Es ist gut, wenn Frauen selbst den Koran lesen. Sie legen schon manches anders aus. Beim Religionsunterricht legt Gönül Yerli Wert darauf, dass die Jugendlichen den Koran auch tatsächlich verstehen und seine Weisungen offen besprechen. Der Imam leitet das gemeinsame Gebet. In der aufgeschlossenen Gemeinde von Penzberg beten Frauen und Männer auch gemeinsam. Imam Bejamin Idriz sieht seine wichtigste Aufgabe darin, die Muslime zu erziehen und in die europäische Gesellschaft zu integrieren. Die muslimische Gemeinde in Penzberg hat viele Angebote: Neben interkulturellen Frühstückstreffen und Religionsunterricht gibt es auch Mutter-Kind-Gruppen. Gönül Yerli und Nermina Idriz tauschen sich durchaus kontroversiell darüber aus, was muslimische Frauen müssen und dürfen. Die Moschee von Penzberg signalisiert Offenheit. Mädchen aus gläubigen Familien tragen ein Kopftuch, die Burschen haben mehr Freiheit am Kopf.
geschrieben von Claudia Mende |
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