| Vom Himalaja bis ins Majevica-Gebirge – die Wienerin Annemarie Kury hat in ihrem Leben rund 300000 Kilometer zurückgelegt, so viel wie sieben Erdumrundungen. Viele Kilometer gehen dabei auf das Konto von 160 Hilfstransporten, die sie in 18 Jahren nach Bosnien organisiert hat. Die 77-Jährige ist in vielfacher Hinsicht eine bemerkenswerte Frau. Text: Caroline Kleibel, Fotos: Christina Häusler
Was macht eine Frau, die fünf Kinder großgezogen hat und nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes das Leben alleine meistern musste, in ihrer Pension? Sich die verdiente Ruhe gönnen und ihre acht Enkelsöhne verwöhnen?  Am Weltgeschehen in sicherer Distanz vor dem Fernsehgerät teilhaben? Nicht so Annemarie Kury. Immer schon unfreiwillig wie freiwillig Reisende, brach sie mit sechzig Jahren noch einmal auf, um zu helfen. Um, wie es die jüngst verstorbene Journalistin und Balkanexpertin Christine von Kohl in einem Vorwort zu Annemarie Kurys Lebenserinnerungen ausdrückt, »einer großen Zahl von Menschen aller Generationen zu helfen weiterzuleben, indem sie den Jungen Perspektiven gab und es den Alten ermöglichte, die Einsamkeit zu ertragen«.
VERTRIEBEN UND VERWITWET. Aber der Reihe nach. Geboren im Mai 1932 im Böhmerwald, musste Annemarie Kury schon im Alter von vierzehn Jahren mit ihrer Familie zwangsweise die Heimat verlassen. Erinnerungen, die bis heute prägend sind, die ihr tiefes Verständnis für unverschuldet in Not Geratene begründen. Existenzbedrohend auch der Unfalltod ihres Mannes, der 1977 als Expeditionsarzt der  österreichischen Erstbesteigung des Mt. Ghent II im Karakorum verunglückte. Drei Jahre danach machte sie sich mit ihren fünf Kindern im Alter zwischen elf und dreiundzwanzig Jahren selbst zu einer gewagten Expedition nach Pakistan auf, um seinen letzten Weg »nachzugehen, nachzuspüren und ihm noch einmal nahe zu sein«. Noch zwei weitere ungewöhnliche Reisen führten Annemarie Kury in den Himalaja, denn: »Wenn der Schmerz ganz tief ist, dann ist das Gehen in der Natur mein Weg, ihn zu überwinden.«
Erinnerung an ihren 1977 im Himalaja verunglückten Mann Dr. Willhelm Kury
SPONTANE HILFE. Der Kontakt der ausgebildeten Krankenschwester zu Jelena Brajsa, Leiterin der Caritas in Zagreb, gab schließlich den Ausschlag zu einer anderen Art von Reisen, die ihrem Leben nochmals eine Wendung geben sollten. Als Annemarie Kury im November 1991 nach ersten Medienberichten über die Kämpfe in Kroatien mit Frau Brajsa telefonierte, war sie erschüttert von deren eindringlichem Hilferuf nach »Essen, Essen, Essen«. Spontan belud sie ihr Auto mit Lebensmitteln. Alles in allem mehr als 600  Kilogramm. Sogar den Beifahrersitz entfernte sie, um mehr Proviant laden zu können. Sie zog ihre alte Krankenschwesterntracht der Rudolfinerinnen an, stellte sich selbst ein Empfehlungsschreiben aus und fuhr los. Ihre Vertraute Christine von Kohl erinnert sich: »Man muss sich vorstellen, dass diese kleine, zierliche Frau in der Schwesterntracht mit einem von ihr selbst verfassten Auftragsschreiben, versehen mit einem Stempel, der auch nicht stimmte, sich aufmachte in ihrem privaten VW in das Kriegsgebiet, an den schwer bewaffneten Grenz- und Wegkontrollen auftauchte.
Die alte Krankenschwesterntracht der Rudolfinerinnen trug Annemarie Kury auf ihren Hilfsfahrten ins Kriegsgebiet.
Was mögen die uniformierten Krieger wohl empfunden haben bei diesem harmlosen Anblick? Fast immer ließen sie die Frau ohne Schwierigkeiten weiterfahren.« Schließlich war Annemarie Kury von ihrer Mission so erfüllt, dass sie ohnehin nichts und niemand hätte aufhalten können.
VIELE TROPFEN MACHEN DAS MEER. In Zagreb verteilte sie zusammen mit der Caritasleiterin persönlich die  Lebensmittel und fuhr – ganz unter dem Eindruck der Not, aber auch der überwältigenden Dankbarkeit der Beschenkten – noch am selben Tag wieder die rund 400 Kilometer zurück nach Wien: »Es war nur ein Tropfen, aber viele Tropfen machen das Meer.« Das wurde ihr Leitsatz. Und weil »die Menschen doch endlich erfahren mussten, was nahe bei uns, mitten in Europa, vor sich ging«, schrieb sie einen berührenden Bericht, der eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöste. So wurde an der Universität für Bodenkultur ein großes Buffet anlässlich einer Wissenschaftspreisverleihung abgesagt und das gesparte Geld den Vertriebenen in den kroatischen Lagern gespendet.
Dienstfahrt mit Oberin Alba Alberti, Rudolfinerhaus Wien 1954
Aus anfänglicher Unsicherheit dem ihr unbekannten Wohltäter gegenüber – »Noch auf der Treppe hinauf ins Rektorat überlegte ich fieberhaft nach der richtigen Ansprache. Eminenz? Exzellenz? Magnifizenz?« – wurde eine tiefe Freundschaft zu Rektor Werner Biffl. Gleich einem Schneeballsystem setzte sich dessen beispielhafte Initiative fort. Nicht nur in dieser Vorweihnachtszeit 1991, sondern bis heute wird immer  wieder bei Festen auf Geschenke verzichtet – zu Gunsten von Spenden. Dass alles seinen Ausgang an der Bodenkultur nahm, der Alma Mater von Annemarie Kurys Vater, jener Universität, die schon ihrem Großvater einst ein Ehrendoktorat verliehen hatte, ist für sie eine Art praktischer Gottesbeweis.
Neues Leben »blüht« in den Ruinen
als Zeichen des Wiederaufbaus.
KEIN AUFWAND FÜR WERBUNG. Bald schlossen sich ihrem privaten Netzwerk weitere freiwillige Helferinnen und Helfer an – im Alter zwischen 19 und 75 Jahren. GeldspenderInnen, SachspenderInnen, ZeitspenderInnen und KraftspenderInnen. Jeder Groschen, jeder Cent floss stets ohne Verwaltungsaufwand direkt an die Notleidenden. »Keine Prospekte, ja nicht einmal Erlagscheine habe ich je drucken lassen«, so Annemarie Kury, die in ihren Berichten immer wieder bewegende Einzelschicksale wie in einem Fortsetzungsroman ins Zentrum stellte, sich aber mit den Schilderungen von Gewalt und Gräueltaten sehr zurückhielt. Selbst auf die Gefahr hin, dadurch vielleicht weniger Spenden zu bekommen. »Solche Berichte stoßen ab«, ist sie nach wie vor überzeugt. »Sie drehen die Spirale des Hasses weiter, tragen aber nicht zum Frieden bei.« Allein zwischen 1991 und 1994 sammelte Annemarie Kury Spenden und Hilfsgüter im Wert von mehr als 440.000 Euro oder damals rund sechs Millionen Schilling.
NOCH ETWAS SINNVOLLES TUN. Ab 1994 widmete Annemarie Kury ihre Hilfsfahrten dem Krisengebiet Bosnien, denn man hatte ihr gesagt, dass dort die Menschen nicht nur hungerten, sondern buchstäblich verhungerten. Unter  großen Gefahren und Mühsalen brachte sie wiederum persönlich ihre Hilfe nach Tuzla und in entlegene Regionen des Majevica-Gebirges. Betroffen von der Not in dem zerstörten Land, organisierte sie Patenschaften für Kinder, Behinderte und alte Menschen, wodurch diese monatlich mit einem Geldbetrag und einem individuellen Paket bedacht wurden. Die Zahl derer, die sie betreut, geht in die Tausende. Es gab Tränen der Trauer und Tränen der Freude. Sie erlebte viel Menschlichkeit und unmenschliche Gräuel. Sie erkrankte, wurde verhaftet und verlor doch nie den Mut weiterzumachen.
Schafe schaffen Hoffnung und vermehren sich.
Die kleine behinderte Samra mit Großmutter und Mutter, bevor sie in Österreich erfolgreich operiert werden konnte.
Was sie nach 160 Fahrten mit mittlerweile 77 Jahren immer noch die Kraft dafür finden lässt? »Ich möchte noch etwas Sinnvolles in meinem Leben machen und nicht unverbraucht sterben«, sagt sie. Und wie bewältigt sie die Strapazen, wie überwand sie vor allem während der Zeit des Krieges die Angst? Annemarie Kury resümiert: »Meine Sommer verbringe ich auf der Alm. Als Bergwanderin bringe ich gute Kondition mit und kann mit bescheidenster Unterkunft und Kost auskommen. Und als gläubiger Mensch hatte ich eigentlich nie Angst. Mein Mann, meine Eltern und meine Brüder sind ja schon drüben – wäre mir etwas zugestoßen, wäre ich nur früher wieder mit ihnen vereint gewesen.«
EIN NEUES PROJEKT. Wie schätzt Annemarie Kury aktuell die Lage in Bosnien ein? »Der Bedarf an Unterstützung besteht nach wie vor. Statt Sachspenden ist aber Geld notwendig, um die Wirtschaft anzukurbeln und um den Menschen Einkäufe nach eigenen Wertigkeiten zu ermöglichen.« Noch heuer im Frühjahr soll in Tuzla der Spatenstich erfolgen für ein durch Annemarie Kury finanziertes Tagestherapiezentrum für behinderte Menschen: »Koraci Nade«, »Schritte der Hoffnung«. Ein guter Anlass, um innezuhalten. »Ich habe in meinem Leben immer zugehört, der Familie, den Einsamen, den Kranken, den  Verwundeten und Vertriebenen.« Nun erzählt Annemarie Kury zum Glück einmal selbst: über die ungewöhnlichen Fahrten, die Teil ihres Lebens geworden sind. Darüber, was sie empfunden, erlebt und erlitten hat. Und über das, woran sie als Augenzeugin der Zeitgeschichte so unmittelbar Anteil genommen hat. \\\
Im Dezember 2006 wurde Annemarie Kury von der damaligen Außenministerin Ursula Plassnik »Humanitäre Botschafterin Österreichs« mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik ausgezeichnet.
Leseprobe
Einblick in eine ungewöhnliche Reise
Annemarie Kury - Eine bemerkenswerte Frau, die ihr Leben lang immer nur zuhörte, hat nun ihre Geschichte aufgeschrieben.
 Am 24. April 1995, auf ihrer 87. Fahrt ins Krisengebiet, wurde Annemarie Kury in der Nähe von Vareš an einer Straßensperre von bosnischen Milizen wegen Spionageverdacht festgenommen. Dem diplomatischen Verhandlungsgeschick eines hohen pakistanischen UNO-Offiziers war es nach vielen dramatischen Stunden zu danken, dass sie unter Auflagen freikam. Ein Auszug aus ihrem Buch: »… Die Vereinbarung gilt. Erst im Weggehen zusammen mit dem UNO-Offizier spüre ich meine eigene Anspannung und denke darüber nach, wie es den Verhafteten in aller Welt, ob in Krieg oder Frieden, gehen mag. Dieses Gefühl, rechtlos zu sein, die Sehnsucht nach Hilfe und Befreiung sind für mich eine neue Erfahrung, für die ich dankbar bin. Wir fahren zurück zum UNO-Camp. Es ist mittlerweile 18 Uhr. Zu spät, um weiterzufahren. Es besteht Nachtfahrverbot. In der Kaserne besteht Frauenverbot. So werde ich in Schutzhaft genommen. Für mich mehr Schutz als Haft. Ich bekomme ein ausgeräumtes Mannschaftszimmer, ein Feldtelefon wird zum Lagerkommandanten gelegt, ich bekomme Wasser zum Waschen und eine Wache vor die Tür! In einer halben Stunde sei Nachtmahl, man erwarte noch hohen Besuch und ich sei ebenfalls zum Festmahl eingeladen. Und auf einmal steht da ‚mein Shujaat‘ vor mir. Jener Verbindungsoffizier, der mich und die Kinder 1980 auf unserer Expedition im pakistanischen Karakorum begleitet hatte. Uns hatte über die Jahre eine besonders herzliche Beziehung verbunden und so war die Freude beiderseits riesengroß, sich hier und in dieser Situation so unerwartet wiederzutreffen. Mir fiel es schwer, ihn nicht zu umarmen, es hätte ihn in eine unangenehme Situation gebracht. Shujaat war dieser Tage zum Brigadegeneral befördert worden und das sollte gefeiert werden. Wir schwelgen in alten Erinnerungen. Shujaat erzählt den jungen pakistanischen Offizieren von meinen Fahrten. Es ist für sie schon recht außergewöhnlich, dass eine 63-jährige Frau allein solche Reisen unternimmt. Spontan überreicht man mir zur Würdigung meines humanitären Einsatzes ein Präsent. Zögernd öffne ich das mit dunkelgrünem Samt überzogene Etui. Es enthält das Regimentszeichen des pakistanischen UNO-Corps. Ein Bild des Siachen, des Rosengletschers, auf dem mein Mann sein Leben verloren hat, prägt die glänzende Ehrenplakette. Nach all diesen Aufregungen verliere ich die Fassung und breche in Tränen aus.«
Literaturtipp:
Annemarie Kury: »Meine ungewöhnlichen Reisen«, Schritte der Hoffnung, Projekte-Verlag, 227 Seiten, € 19,10.
Präsentationen des Buches: Freitag, 15. 05., 18:00 Uhr, in der Gesundheits- und Krankenpflegeschule im Rudolfinerhaus, Billrothstraße 78, 1190 Wien; Rittersaal des Schlosses Murau, Mittwoch, 17. 06., 19:30 Uhr.
EIN BESUCHSTAG IN BOSNIEN: MALKA WIRD GEBADET
Um 6 Uhr früh ruft der Muezzin und der Hahn kräht. Gemeinsam mit Miroslav, dem in Wien ausgebildeten Mediziner, der mich bei meinen Gesprächen unterstützt, besuchen wir die alte Malka. Eine Bosnierin, die mit ihrem geistig behinderten Sohn in einem wiederaufgebauten Häuschen lebt, vegetiert. Malka ist im Bett, kann seit Monaten nicht aufstehen, ist schon lange nicht gewaschen. Es ist eine unbeschreibliche Unordnung.
Den Alten, Kranken, Mittellosen und Einsamen gilt Annemarie Kurys Hilfe.
Sie hat keine Krankenversicherung, keine Rente. Wie kann ich helfen? Ich bin ratlos. Es gibt noch kein Sozialnetz. »Die Verwandten sollen sich um Malka kümmern«, sagt man uns. Doch es gibt keine Verwandten. Ich bespreche mich mit Miroslav. Wir finden noch andere HelferInnen – alle drei in Bosnien lebenden Volksgruppen sind einen Tag lang in unser Tun eingebunden. Gemeinsam bereiten wir Waschutensilien vor. Gemeinsam heizen wir ein, wärmen Wasser, reinigen die als Mülltonne verwendete Wanne. Das Bad könnte beginnen, doch es fehlt ein Wannenstöpsel. Auch der wird gebastelt. Wir rollen Malka vorsichtig auf ein Leintuch und heben sie ins Wasser. Anfangs ist sie ängstlich, aber sie beruhigt sich und dann will unsere Malka gar nicht mehr aus der Badewanne heraus. Es ist ein Fest! Sie dachte, sie würde erst wieder gewaschen, nachdem sie gestorben sei. Beim Abtrocknen und Salben lächelt sie glücklich und als sie dann wie eine Prinzessin im Bett liegt, sieht man ihr die Zufriedenheit an.
Bildtexte Printausgabe:
Mitbringsel aus Indien, Nepal und Pakistan
Delfa freut sich über ihr neues Häuschen
geschrieben von Caroline Kleibel |