Unter allen Küchenstars, die den Medienzirkus bespielen, ist sie die gefragteste Frau: Sarah Wiener. Die geborene Österreicherin hat nie eine Kochlehre gemacht und wird trotzdem von ihren Fans geliebt. Eine Begegnung in Linz. Text: Christine Haiden, Fotos: Andreas Röbl
Der erste Versuch, Sarah Wiener für ein Gespräch zu gewinnen, ging schief. »Zu viel Medienrummel«, beschied sie, lieber später. Zwölf Monate danach ist der Sarah-Wiener-Hype noch längst nicht abgeklungen. Im Gegenteil. Die letzten Wellen einer internationalen Medienempörung sind noch bis nach Linz zu spüren, als Sarah Wiener im April 2009 bei einem riesigen Koch-Event auftritt. »Was wirft man mir vor?«, meint die 47-Jährige etwas echauffiert. »Ich habe doch nur gezeigt, dass man Tiere, die man isst, zuvor auch großziehen muss.« Sarah Wiener kocht im TV-Sender ARTE in einer eigenen Show mit Kindern, und die hatte sie den Hasen, der danach im Kochtopf landete, noch streicheln lassen. Offenbar rührte die Köchin damit an ein Tabu. »Jeder hat zwar gern ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller, aber dass man ein Tier dafür auch schlachten muss, will keiner wissen.« Sarah Wiener hat – das erleichtert, sie zu verstehen – eine Botschaft: Sie kocht, um die Welt zu verbessern! »Wie wollen wir uns selbst verstehen und die komplizierten Zusammenhänge unserer Welt, wenn wir nicht einmal kapieren, was wir essen?« Kochen sei Lebenskunst, und Sarah Wiener ist eine Lehrerin, die mit Temperament und einem lauten Lachen diese Lektion den Fast-Food-Geschädigten aller Länder nahebringen will. Denn immerhin, meint sie lachend, möchte sie nicht nur die Welt retten, sondern auch die berühmteste und beliebteste Köchin werden.
»Kochen ist«, sagt Sarah Wiener, »Selbstvertrauen, Liebe, Aufmerksamkeit, jemand umsorgen, mit anderen etwas teilen.«
Sarah Wiener ist, wie sie ist: »Ich geh doch nicht in meinem Alter in irgendeinen Kurs, um gefälliger oder glatter oder liebenswürdiger rüberzukommen.«
DIE MUTTER-KÜCHE RETTEN. Zumindest medial ist keine so präsent wie sie. Ob es daran liegt, dass sie so gut aussieht, dass sie neuerdings sogar für Unterwäsche modelt? Oder daran, dass ihre Rezepte wie jene aus dem Kochbuch »Frau am Herd« sehr einfach nachzukochen sind und den molligen Touch einer echten »Mamaküche« haben? Gulasch und Schnitzel, Kaiserschmarren und Semmelknödel, k. u. k. trifft italienische Pasta und spanische Tortilla. Da wird nicht mit Fett gespart und Kalorien spielen keine Rolle. Halt, stimmt nicht, Gemüse gibt es reichlich, Salat auch, Obst sowieso. »Ich möchte, dass Familienrezepte nicht verloren gehen. Die regionale Küche wird leider immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Jede Hausfrau ist bei irgendeiner Speise Spezialistin, weil sie zum Beispiel die Semmelknödel schon tausend Mal gemacht hat. Das will ich lernen, das will ich mir einverleiben, manuell, haptisch.« Sich nur auf den Semmelknödel zu konzentrieren, wäre ihre Sache wohl nicht. »Ich bringe nicht die Geduld und die Disziplin auf für das permanente Kochen in immer gleicher Qualität.« Deswegen steht sie in ihren drei Restaurants, die sie in Berlin betreibt, nicht mehr selbst täglich am Herd, und auch bei der Linzer Kochshow werkt die Küchenbrigade längst selbstständig. Die Chefin gibt bei einem späten Frühstück noch Interviews.
OHNE PLAN INS LEBEN. Kein Wunder, dass Sarah Wiener in einer Fernsehsendung Hasen schlachtet, meinte jüngst ein beflissener Kommentator eines Boulevardblattes, ihr Vater sei ja immerhin in den 1960er-Jahren einer der Wiener Aktionisten gewesen, der öffentlich zur Onanie angestiftet habe. Sarah Wiener ärgert das. Ihr Vater war der Künstler und Gastronom Oswald Wiener, ihre Mutter ist die Malerin Lore Heuermann. Sarah und ihre beiden Schwestern wuchsen in einem Künstlerhaushalt auf. Französische Schule, Waldorfschule, Internat – und dann »kein Bock auf nichts«. »Ich war eine typische Vertreterin der Abhängergeneration«, erzählt sie heute. »Gelangweilt vom Leben, glauben, dass man so clever ist, wenn man lange schläft, sich den gesellschaftlichen und den eigenen Pflichten entzieht, und denkt, das Glück oder andere werden es schon richten.« Sarah jobbte, kam irgendwie durch und doch auch nicht, lebte in Berlin von der Sozialhilfe und heuerte eines Tages als Küchenhilfe an. Den Gästen schmeckte, was sie vor allem nach Gefühl und Fantasie kochte. Das positive Echo animierte sie und eines Tages baute sie einen alten Bus zu einer fahrbaren Kantine um und machte sich als Köchin für Filmcrews selbstständig. Man kann sich die lebhafte Frau gut in einer Künstlertruppe vorstellen, wie sie ambitioniert kocht und dazu ein bisschen herumtheatert. Künstlerkinder wachsen vielleicht damit auf, dass Inszenierung der halbe Erfolg ist.
DIE SELBSTVERORDNETE KAROTTE. Tatsächlich hat Sarah Wiener Kochen nie im handwerklichen Sinn gelernt. »Meine Freundinnen erzählen mir, dass wir im Internat einen Kochkurs gehabt hätten. Ich kann mich daran nicht erinnern. Aber sie sagen, ich hätte sie alle überredet, ihn mit mir zu machen.« Wieder lacht sie laut. »Ich hatte offenbar schon immer ein Talent, andere für etwas zu begeistern.« Ihre beste Freundin überredete sie, mit ihr Cello zu lernen. Sarahs Cello stand längst in einer Ecke, als die Freundin noch immer brav übte. Seit sie im Kochbusiness erfolgreich ist, weiß auch sie den Wert von Disziplin mehr zu schätzen. »Wenn man sich selbst diszipliniert hat, erringt man einen Sieg über sich selbst, und das macht Spaß. Man quält sich durch Durststrecken, weil man weiß, am Ende steht eine Belohnung, ein Triumph.« Die Belohnung, die Karotte, müsse sie sich allerdings selbst hängen. Geld, Anerkennung, ein gutes Gefühl, befriedigte Eitelkeit – Sarah Wiener geht entwaffnend offen mit ihren Motiven um. »Ich hinterfrage ziemlich bald alles, was ich mache, ob ich das auch wirklich will. Letztlich, sage ich mir, muss ich gar nichts.« Sie schiebt sich ein Häppchen Brot mit Marmelade in den Mund.
KOCHEN OHNE SCHNICKSCHNACK. »Cremiges Kartoffelsüppchen. Auf Rosmarin und Thymian gegartes Lammrückenfilet. Süße Kartoffelknödel, in gerösteten Nüssen und Rohrzucker gewälzt.« Das Menü, das Sarah Wiener für das Linzer Galadiner zusammengestellt hat, lässt Köstliches erwarten. Gleichzeitig wirkt es wenig überraschend. »Ich habe keinen Ehrgeiz, mit gedrechselter Petersilie und Gefrorenem im schiefen Glas zu glänzen. Mir geht es darum, dem normalen Bürger überhaupt die Kochkunst nahezubringen. Die Leute sollen wirklich Freude am Kochen haben, sich selbst ernähren können und selbst beurteilen, was sie ihrem Körper zuführen. Das ist eine ehrenvolle, stark subversive Angelegenheit.« Jetzt ist sie bei ihrem Thema. Da kann sie sich richtig in Rage reden. Über die Manipulation unserer Geschmackssinne, die durch überall gleiche Gewürzmischungen und Geschmacksverstärker bald nicht mehr wüssten, wie eine richtige Hühnersuppe schmeckt. Über die Agroindustrie, die Individualität zerstöre, bei Pflanzen, Tieren und letztlich auch bei den Menschen. »Sie machen das, um Knete zu machen und um dann für sich selbst eine Qualität einzufordern, die es aber leider nicht mehr geben wird, weil sie selbst das kaputt gemacht haben. Da stemme ich mich als kleines, widerborstiges, ungelerntes Mädchen mit meinen Möglichkeiten dagegen und mache, was ich für richtig und sinnvoll halte.« Deswegen ist Sarah Wiener auch mehrfache Schirmherrin: für bedrohte Haus- und Nutztierrassen, gegen Genfood, für eine Naturallianz, gegen genmanipulierte Mikroorganismen, und sie steht der Sarah Wiener Stiftung »Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen« vor. Die macht dann Exkursionen zu Biobauernhöfen und lehrt den Nachwuchs, Tomatensorten zu unterscheiden.
EINE FRAU IN DER MÄNNERWELT. Eigentlich eine sehr weibliche Form, die Welt zu retten. Finden Sie nicht, Sarah Wiener? »Das Urweibliche, das ist doch unsere Stärke«, sagt sie da, als ob es keine feministische Diskussion gegeben hätte, die jede Zuschreibung von »weiblich« ins Reich der Fantasien verwiesen hat. »Das ist eine Kraft, die nichts mit einem eingeschüchterten, halb verhungerten, deformierten Weibchen zu tun hat, wie es von manchen Medien und Marketinglügen propagiert wird«, setzt die Köchin nach. Möglicherweise wird Sarah Wiener auch dafür geliebt, dass sie sich in der von Männern bevölkerten Welt der Hauben- und Sterneköche als Frau durchgesetzt hat, gerne im Kleid und hübsch zurechtgemacht auftritt und trotzdem keinen Zweifel daran lässt, dass sie selbst die Sache in der Hand hat. »Ich stehe einfach für die vielen Frauen, die täglich für ihre Familie kochen. Dafür gibt es keine Orden, keine Sterne, keine Aufmerksamkeit, kein Geld. Ich bin sozusagen der Apostroph der Kulinarik, der sagt: ‚Moment einmal. Hier stehen 90 Prozent aller Frauen weltweit, die meine Arbeit machen und nicht respektiert werden, und ich habe es jetzt geschafft, mich trotzdem durchzusetzen, genau mit dem.‘ Das ist eigentlich ein solidarischer Schulterschluss für alles, was wir schon ewig machen und machen müssen.« Einer Sarah Wiener ist nicht mit einfachen Erklärungen beizukommen. Sie setze sich, sagt sie, in einer Männerwelt durch, auch wenn manche meinen, ihr die Wange tätscheln zu müssen, mit einem wohlwollenden »Na, sieht sie nicht hübsch aus, die Kleine?«. Die erfolgreiche Gastronomin und Fernsehköchin versteht es durchaus, die Herren zu irritieren, wenn »ich charmant mit ihnen poussiere und sie auf der anderen Seite scharf kritisiere und mir das Recht nehme, auf gleicher Stufe zu stehen«. Respekt darf sich ein männliches Gegenüber von Sarah Wiener dann erwarten, wenn der Mann »eine eigenständige Persönlichkeit hat, wenn er ein Kämpfer ist und wenn ich merke, dass er anderen Menschen Raum gibt«. Nachsatz: »Ich bin ja auch jemand, der viel Platz einnimmt.«
WEBFEHLER UND WERTE. Mit Sarah Wiener kann man über alles reden. Sie sitzt auf ihrer roten Couch, nimmt die Bälle auf, spielt sie zurück und fragt sich unvermittelt, was einen Menschen überhaupt dazu treibt, den Applaus der anderen immer wieder anzustreben. »Wenn ich so normal wäre und eine glückliche Seele hätte, würde ich das nicht brauchen, muss man auch sagen.« Wahrscheinlich, sinniert sie, habe sie einen »Webfehler« in ihrer Seele, der sie die Anerkennung suchen lasse. »Wenn man sie dann bekommt, fragt man sich: Wofür willst du die denn haben? Dann kommt man schnell in die Situation, wo man sich fragt: Was sind deine Werte, was macht für dich Sinn, was ist dir wichtig?« Diese Köchin hat tatsächlich eine Botschaft und die ist einfach: »Kinder, esst was Vernünftiges!«
Wurde schon erwähnt, dass Sarah Wiener von sich sagt, sie sei auch eine Diva? »Das ist ein Charakterzug!«, erläutert sie und lehnt sich in ihrem Sofa zurück. »Diva ist eine Haltung, was mir zusteht und wie ich behandelt werden möchte.« Sie lacht. »Und auf der anderen Seite war ich immer ein bescheidenes, diszipliniertes, schüchternes, hungerndes Kind.« Noch ein schneller Bissen vom Frühstücksbrot und dann muss sie doch in die Küche. Mit wiegendem Schritt und einem äußerst gewinnenden Lächeln Richtung Patron des Hauses zieht sie ab. »Wir hatten noch keine Spitzenköchin im Haus, die derart unkompliziert ist«, meint der anerkennend. Echte Divas sind wohl so. \\\
Zur Person: SARAH WIENER
Sarah Wiener wurde 1962 in Wien geboren. Ihre Eltern sind die Künstler Oswald Wiener und Lore Heuermann. Nach verschiedenen Jobs und einer Übersiedelung nach Berlin fasste Sarah Wiener als Cateringköchin für Filmcrews beruflich Fuß. Sie wurde vom Fernsehen entdeckt und für verschiedene Kochshows engagiert. Mehrere Kochbücher folgten. Mit drei Restaurants in Berlin, einem Cateringunternehmen und ungefähr 100 MitarbeiterInnen ist sie heute auch erfolgreiche Geschäftsfrau. Sarah Wiener ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.
Bildtexte Printausgabe:
Sarah Wiener über ihre Form, Dinge anzupacken: »Ich habe eine Begeisterung für das Können, weniger für das Lernen.«
»Ich werde wahrscheinlich nie Spezialistin für eine Sache sein, sondern immer eine hochgelobte Dilettantin bleiben.« Sarah Wiener
geschrieben von Christine Haiden |