Gesellschaft & Politik
Mit Mama und Papa in die Firma

Kinderbetreuung am Arbeitsplatz der Eltern erleichtert nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern bringt auch den UnternehmerInnen Gewinne. Text: Eleonore Bayer, Fotos: Jacqueline Godany
 
Michaela Moosbrugger nimmt ihre fünfjährige Tochter Zoe einfach mit in die Arbeit. Denn bei T-Mobile und T-Systems Austria GmbH im 3. Wiener Gemeindebezirk gibt es seit 2005 einen Betriebskindergarten, der ganzjährig geöffnet ist. Die Gleitzeitregelung in den Firmen ermöglicht es ihr, Zoe bis 9 Uhr oder auch erst ab Mittag zur Betreuung zu bringen.
Während Michaela Moosbrugger arbeitet, spielt die Tochter im Erdgeschoß des Hauses mit den anderen Kindern, tollt mit ihnen durch den Garten, klettert munter auf den zahlreichen Spielgeräten herum oder beobachtet die Schildkröte Markus in ihrem Gehege. »Ich weiß, dass mein Kind hier gut versorgt ist. Es gibt keinen Stress mit der Kinderbetreuung während meiner Arbeitszeit«, betont Michaela Moosbrugger. »Und falls etwas passiert, bin ich gleich zur Stelle.« Diese Vorteile schätzen auch die Väter, sodass der Anteil der Männer, die ihr Kind in diesen Betriebskindergarten bringen, etwa gleich groß ist wie jener der Frauen.
 


Zoe weiß, wo ihre Mutter Michaela Moosbrugger arbeitet und was sie macht. Denn im Betriebskindergarten im Wiener T-Center wird Wert darauf gelegt, dass die Kinder die Arbeitsplätze der Eltern kennen und deren Tätigkeit verstehen lernen.



MÜTTER BLEIBEN DEM UNTERNEHMEN TREU. Im Betriebskindergarten im Wiener T-Center können 80 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren einen Platz finden. Sie werden in altersgerechten Gruppen von PädagogInnen betreut. Wenn Plätze frei sind, können auch die Angestellten von benachbarten Firmen ihre Kleinen bringen. Da die Nachfrage aber so groß ist, wurde im nahe gelegenen Bio-Forschungs-Center vor Kurzem ein weiterer Betriebskindergarten eröffnet.
Bei der Errichtung des T-Centers wurde bewusst ein großer Kindergarten eingeplant, da das Personal sehr jung ist. Hoch qualifizierte und vor allem auch weibliche Mitarbeiter sollen durch das Angebot eine festere Bindung an das Unternehmen aufbauen und, wenn sie wollen, früher an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Früh übt sich, wer einmal in der Kommunikations- und Internetbranche tätig sein soll. Ein speziell für die Vorschulkinder entwickelter Computer, der auf Berührungen der Bildfläche reagiert, wird für Konzentrationsspiele und zum Zeichnen eingesetzt. In einem eigenen Schwerpunktprogramm »Technik und Sprache« wurden den Kindern im T-Center spielerisch Telefon, Computer, Laptop, Digitalkamera usw. nähergebracht. Sie durften Geräte zerlegen, mithilfe von Erwachsenen Fotos am PC bearbeiten, besuchten dasTechnische Museum und produzierten in der Kinderstadt »Minopolis« eine Fernsehsendung.

 



WIEDEREINSTIEG VON FRAUEN IN DEN BERUF FÖRDERN. Karin Kukla besucht heute mit ihrer einjährigen Tochter Ina den Betriebskindergarten im T-Center. Sie ist derzeit in Karenz. Im Februar 2010 will sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und dann Ina den Kindergartenpädagoginnen im Haus anvertrauen. »Wenn ein Kindergarten in einer Firma ist, ergibt es sich fast von selbst, dass die Frauen in den Beruf rascher wieder einsteigen. Druck gibt es selbstverständlich keinen«, betont Eva Singer-Melczes, Vertreterin von T-Systems. Aber es gibt Angebote. So können im Bio-Forschungs-Center Babys bereits vier Monate nach der Geburt untergebracht werden. Die Mütter können ihre Arbeit zum Stillen unterbrechen. Das soll Frauen ermöglichen, trotz der Geburt eines Kindes an aktuellen Forschungsprojekten weiterzuarbeiten. Auch im Forschungszentrum im niederösterreichischen Seibersdorf wurde heuer ein eigener Betriebskindergarten geschaffen, um den Frauenanteil im Forschungsbereich zu steigern.

Im Betriebskindergarten des Forschungszentrums Seibersdorf soll vor allem bei Mädchen das Interesse für Naturwissenschaften geweckt werden. Jede Woche kommt eine speziell geschulte Biologin zu den Kindern und macht bereits mit den unter Dreijährigen einfache Experimente, zum Be
ispiel mit Wasser.
 


STAATLICH GEFÖRDERT UND GUT GEFÜHRT. Die Gründung von betrieblichen Kinderbetreuungseinrichtungen, wie Kinderstube, Kindergarten, Hort, wird vom Staat unterstützt. Man sieht darin ein wesentliches Instrument zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Förderung von Frauenkarrieren. Die Investitionen sind für die Unternehmen steuerlich absetzbar. In der Regel stellen sie die Räumlichkeiten zur Verfügung und übergeben einem professionellen Betreiber von Kinderbetreuungseinrichtungen, wie zum Beispiel Kinderfreunde, Hilfswerk, Volkshilfe, Kinder in Wien, Caritas, die Organisation und Verwaltung. Es gibt aber ebenfalls die Möglichkeit, den Ausbau von bestehenden Einrichtungen in Betriebsnähe zu fördern und dort Betreuungsplätze für Betriebsangehörige zu mieten. In jüngster Zeit schließen sich auch benachbarte Firmen zusammen und errichten gemeinsam einen Kindergarten. Für Klein- und Mittelbetriebe ist auch das Engagement einer Tagesmutter möglich.
Betriebe, denen das alles zu aufwendig ist, können die private Kinderbetreuung einfach mit einem freiwilligen Arbeitgeberzuschuss finanziell unterstützen. In einer Höhe von bis zu 500 Euro pro Kind und Jahr sind diese Zuschüsse steuer- und sozialabgabenfrei.
 
UNTERSCHIEDLICHE KOSTEN. In den Betriebskindergärten müssen die Eltern den Betreibervereinen die ortsüblichen Preise bezahlen. Es gibt jedoch Unternehmen, die einen Teil dieser Kosten übernehmen bzw. sogar ihren MitarbeiterInnen eine Gratisbetreuung ermöglichen. So unterstützt etwa die Trofana Erlebnisdorf & Gastronomie GmbH in Mils bei Imst in Tirol durch diese Maßnahme, wie Mag.a Cornelia Stöllinger berichtet, vor allem Alleinerzieherinnen. Sie bleiben so als eingearbeitete Fachkräfte mehr an den Betrieb gebunden. Auch die Great Lengths Haarvertriebs GmbH in St. Stefan im Rosental, Steiermark, bietet den 40 weiblichen Fachkräften eine kostenlose ganztägige Kinderbetreuung im Betrieb an.
VIELFACH AUSGEZEICHNETES MODELL. Der erste Betriebskindergarten mit Krabbelstube für die Ein- bis Dreijährigen wurde 1974 von der Wiener Städtischen Versicherung und den »Kinderfreunden« in Wien gegründet. An die hundert Kinder besuchen derzeit den Betriebskindergarten, die Krabbelstube oder den Hort, der auch an schulautonomen freien Tagen zur Verfügung steht.
90 Prozent der Mütter sind seither nach ihrer Karenzzeit wieder an ihren Arbeitsplatz in der Versicherung zurückgekehrt. Eine eigene Anlaufstelle kümmert sich um die Planung des Wiedereinstiegs. Viele der Frauen machen Karriere im Unternehmen, sodass 35 Prozent der Führungspositionen im Innendienst von Frauen besetzt sind.
 
KINDERHAUS IM ORF. Die Wiener Städtische Versicherung wurde für ihre familienfreundlichen Maßnahmen mehrfach ausgezeichnet. Beispielgebend war sie leider dennoch viele Jahre nicht. Die Errichtung von weiteren Betriebskindergärten verlief äußerst schleppend und konzentrierte sich vor allem auf Großbetriebe und Krankenhäuser.
Der ORF schuf 1999 in seiner Zentrale auf dem Wiener Küniglberg ein eigenes Kinderhaus, das 2003 erweitert wurde und sich »zu einer unverzichtbaren Einrichtung für die DienstnehmerInnen entwickelt hat«. In der Zeit von 6:30 bis 19:30 Uhr können Kinder zwischen eineinhalb und sechs Jahren zu flexiblen, vom Dienst der Eltern abhängigen Zeiten zur Betreuung gebracht werden.
 
KINDERLACHEN IM ERZBISCHÖFLICHEN PALAIS. In Kardinal Dr. Christoph Schönborn findet Familienstaatssekretärin Christine Marek einen prominenten Unterstützer für die Förderung von betrieblicher Kinderbetreuung. Der Wiener Erzbischof möchte in seinem Palais neben dem Stephansdom bald Kinderlachen hören. Im nächsten Jahr soll ein Betriebskindergarten für die Kinder kirchlicher Angestellter errichtet werden. »Ich finde es ganz gut, wenn die Büros – auch das bischöfliche Büro – den Kinderlärm im Hof als Begleitmusik haben. Das kann uns allen nur guttun«, meint der Kardinal. Der Zentralbetriebsrat der kirchlichen Angestellten in der Erzdiözese Wien, Werner Sturm, steht dem Projekt skeptisch gegenüber. Er befürchtet, dass es zu wenige Kinder für einen eigenen Kindergarten im Palais geben wird. Außerdem sieht er prinzipiell in einem Betriebskindergarten die Gefahr, dass die Arbeitszeit der Eltern dadurch zu sehr ausgedehnt werden könnte.
 
TAGESMUTTER KOMMT IN DIE KANZLEI. Die gleichzeitige Schwangerschaft von zwei erfahrenen, langjährigen Mitarbeiterinnen einer Steuerkanzlei in Graz gab 2007 den Anstoß für das bis jetzt in Österreich noch wenig genützte Modell der betrieblichen Kinderbetreuung durch eine Tagesmutter. Die Geschäftsleitung wollte auf die beiden eingearbeiteten Kräfte nicht lange verzichten, und die werdenden Mütter wollten Beruf und Familie vereinen. »Lasst’s euch doch etwas einfallen«, bat der Chef.
Mag.a Karin Brunner-Eckhart und ihre KollegInnen informierten sich und fanden die Idee, eine Tagesmutter für ihre Babys zu engagieren, super.
Die Firma stellte ehemalige Büros zur Verfügung, die mit staatlicher Förderung in einen Spielraum, ein Schlaf- und ein Bewegungszimmer verwandelt wurden. Dort steht eine Tagesmutter von 8 bis 16 Uhr zur Verfügung. Sieben Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu drei Jahren werden ihr derzeit anvertraut. Die Eltern finanzieren sich die Tagesmutter selbst. Jede Woche organisiert eine Mutter die Jause für alle Kinder. Das Mittagessen bringen die Eltern für ihr eigenes Kind mit. Mit drei Jahren wechseln die Kinder dann in einen Kindergarten außerhalb der Kanzlei.
 
FRAUEN HALTEN IM KLEINBETRIEB ZUSAMMEN. Gabi Micheluzzi-Jamer ist stolz auf ihre fünf Mitarbeiterinnen, die in dem Bregenzer Kleinbetrieb »Cocolori« Farben und Bastelmaterial verkaufen, Hochzeiten planen, organisieren und Dekorationen gestalten. Sie sind »sensationell gute Arbeitskräfte«, weil sie »glückliche, zufriedene Mütter« sind. Jede Woche findet eine Besprechung statt, um die Arbeitszeiten auf die Bedürfnisse der Frauen familiengerecht abzustimmen. Dabei spielt die Kollegialität eine große Rolle, wenn Dienste getauscht werden müssen. Die Firma hält Kontakt zu einem Kindergarten und vermittelt ihren Mitarbeiterinnen dort Plätze. Wer unvorhergesehen keine Kinderbetreuung hat, kann sein Kind in das Geschäft mitbringen, wo es im Bastelraum Aufgaben machen oder sich unterhalten kann. Bei Bedarf können die Frauen auch daheim arbeiten.
Genaue Zahlen über betriebliche Kinderbetreuungsangebote gibt es derzeit nicht, da die meisten Betriebskindergärten den Betreibervereinen und nicht den Firmen zugeordnet werden, sodass sie von der Statistik Austria nicht richtig erfasst werden. Der Anteil dürfte bei zwei Prozent der Kindertagesheime liegen.
 
 

 
Dr.in Judit Havasi,
eine der VorstandsdirektorInnen der Wiener Städtischen Versicherung,
schätzt für sich selbst und ihren Sohn Marcell, für die MitarbeiterInnen und für das Unternehmen die Vorteile von Kinderbetreuung im Betrieb.

 





Im »Geriatriezentrum Wienerwald« in Wien wird seit 13 Jahren das integrative Projekt »Granny-Kids« sehr erfolgreich durchgeführt. Die SeniorInnen kommen regelmäßig in den Kindergarten, der in einem eigenen Pavillon im Geriatriezentrum untergebracht ist, oder die Kinder besuchen die PatientInnen im Pflegeheim. Dann wird gemeinsam gespielt, gebastelt und gesungen. Es werden Feste gefeiert, gemeinsame Ausflüge, etwa zum Christkindlmarkt, gemacht und einige Male gab es auch schon gemeinsame Ferientage. Die Teilnahme an den Treffen ist von beiden Seiten freiwillig.

 

VORTEILE BETRIEBLICHER KINDERBETREUUNG
  • Flexible, den Arbeitszeiten angepasste Öffnungszeiten und keine Sommerpause.
  • Wegzeiten zum Kindergarten reduzieren sich und vermindern deshalb Stress.
  • Die Kinder sind in der Nähe untergebracht.
  • Bei Problemen sind Mutter oder Vater rasch beim Kind.
  • Familienfragen werden mehr im Betrieb thematisiert. Kindergarten, Familie und ArbeitgeberInnen bringen mehr Verständnis füreinander bei Problemen auf.
  • Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen, denen sich mitunter auch bessere Aufstiegsmöglichkeiten erschließen.
  • Die Kinder lernen die Arbeitswelt ihrer Eltern kennen.
  • Im Betriebskindergarten des Forschungszentrums Seibersdorf soll vor allem bei Mädchen, das Interesse für Naturwissenschaften geweckt werden. Jede Woche kommt eine speziell geschulte Biologin zu den Kindern und macht bereits mit den unter Dreijährigen einfache Experimente, zum Beispiel mit Wasser.

 
FAMILIENFREUNDLICHKEIT ZAHLT SICH AUS
 
Gleit- und Teilzeitangebote sowie Kinderbetreuung zählen zu den wichtigsten Faktoren für ein familienfreundliches Unternehmen. Eine von Staatssekretärin Christine Marek initiierte Befragung verdeutlicht die betriebwirtschaftlichen Gewinne durch diese Maßnahmen.
  • 73 % der befragten familienfreundlichen Unternehmen beurteilen die Motivation ihrer MitarbeiterInnen mit »sehr hoch« bzw. »hoch«. Laut »Gallup Engagement Index« haben in Österreich durchschnittlich 19 % eine »hohe emotionale Bindung« an ihr Unternehmen.
  • 77 % beurteilen die Leistungen ihrer MitarbeiterInnen mit »sehr gut« bzw. »hoch«.
  • 4,9 Krankenstandstage werden pro MitarbeiterIn durchschnittlich im Jahr in den befragten Betrieben verzeichnet. Laut einer WIFO-Studie lag die durchschnittliche Anzahl von Krankenstandstagen pro MitarbeiterIn 2007 bei zwölf Tagen.
  • 6,7 % beträgt die durchschnittliche Fluktuation in familienfreundlichen Unternehmen gegenüber 15 % in anderen Betrieben.
  • 91 % kehren nach der Karenz in den Betrieb zurück gegenüber durchschnittlich 70 % in anderen Firmen.
  • 70 % der familienfreundlichen Unternehmen beurteilen ihre Ertragslage mit »sehr zufriedenstellend« bzw. »zufriedenstellend«.

Weitere Infos: Wirtschaftsministerium und Wirtschaftskammer wollen mit einem »Handbuch zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Kleine und Mittlere Unternehmen« zum weiteren Ausbau motivieren: www.wko.at/familieundberuf.
Die »Kinderfreunde Wien«, mit derzeit 24 Betriebskindergärten in der Bundeshauptstadt der größte Betreiber mit jahrzehntelanger Erfahrung, bieten einen »Leitfaden zur Errichtung eines Betriebskindergartens« an: www.wien.kinderfreunde.at.
 
Foto: ATI
 
geschrieben von Eleonore Bayer
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