Gesellschaft & Politik
Starke Mädchen! Schwache Buben?

Seinen Sieg in einem Tennismatch gegen die derzeit beste heimische Spielerin Sybille Bammer widmete Thomas Muster jüngst ganz generell »den Männern«. Er wolle, so die ehemalige Nummer eins der Tennisweltrangliste, diesen Triumph mit allen Männern teilen: »WIR haben heute gewonnen!« Wird Mann sich in Hinkunft alle diese Erfolge rot im Kalender eintragen müssen, weil sie zunehmend seltener werden? Weil die Mädchen immer stärker, die Buben immer schwächer werden? Weil Mädchen vor allem schulisch immer öfter die Nase vorn und Buben das Nachsehen haben? Text: Caroline Kleibel, Illustrationen: Alice Wellinger
 

Ich betone seit Mitte der 90er-Jahre, dass die wirklich Benachteiligten in unserer Gesellschaft nicht mehr die Frauen sind«, postuliert die deutsche Managementtrainerin und Bestsellerautorin Vera F. Birkenbihl und sie macht dafür vor allem ein Schulsystem verantwortlich, das »unbewusst weitgehend von Frauen für Mädchen« geformt ist. Eine Studie des Sozialministeriums sieht das ähnlich und macht die Probleme der Identitätsentwicklung von Buben an folgenden Faktoren fest: an der Abwesenheit der Väter und dem Fehlen männlicher Bezugspersonen im Alltag. An der Unmöglichkeit, ihren Bewegungsdrang auszuleben und sich austoben zu können. An einem Unterricht, der wettbewerbsorientierte Lernelemente zunehmend verbannt. An der weiblichen Dominanz in den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen. Sowie schließlich an unklaren gesellschaftlichen Rollenbildern. Was die Studie darüber hinaus zutage bringt: Buben und Mädchen haben unterschiedliche Bedürfnisse und diese sollten im Sinne einer Geschlechtergerechtigkeit akzeptiert und nicht ignoriert oder gering geschätzt werden.
 
KNACKPUNKT SCHULE. »Wenn Sportler gegeneinander antreten«, kritisiert Sandra Gerö, Klinische und Gesundheitspsychologin, Traumatherapeutin und Medienpädagogin mit Schwerpunkt Gender, das eingangs gebrachte Muster-Beispiel, »so kann ich das nicht als Metapher für Probleme sehen, die es zwischen den Geschlechtern gibt. Sportliche Leistungen sind hauptsächlich von Muskelkraft abhängig, der Erfolg im Leben hängt von vielem ab, nicht zuletzt von der gesellschaftlichen Förderung und Akzeptanz bestimmter Rollenbilder.« Bei deren Vermittlung die Schule eine zentrale Stellung einnimmt. Ist sie es also, die die Buben schwächt und benachteiligt? Oder haben Mädchen zwar vielleicht weniger Muskeln, aber dafür mehr Grips? Weder seien Mädchen cleverer noch Buben »Opfer«, meint Sandra Gerö: »Frauen und Männer denken einfach anders, die Gehirne sind unterschiedlich strukturiert. Außerdem läuft die körperliche und geistige Entwicklung unterschiedlich ab. Buben sind öfter von Krankheiten betroffen, gelten schneller als verhaltensauffällig und rivalisieren stärker untereinander. Dass Kinder des gleichen Jahrgangs den gleichen Lehrplan bekommen, ist an sich nicht logisch, wenn man diese Unterschiede bedenkt.«
 
BUBEN BRAUCHEN PAUSEN. ExpertInnen sind sich einig: Buben brauchen mehr Pausen und wesentlich mehr Bewegung, mehr Aufmerksamkeit, mehr Kontrolle und klare Instruktionen. Mädchen können sich besser organisieren und definieren ihr Selbstwertgefühl über Beziehungen, während für Buben disziplinäre Maßnahmen keine Schande sind und sie einen Gutteil ihres Selbstwertgefühls aus dem Kräftemessen ziehen. »Dennoch«, stellt Sandra Gerö fest, »gelingt es Buben selbst im herkömmlichen Schulsystem hervorragend, Kooperationen gegen Mädchen und später Frauen aufzubauen, was Frauen in dieser Form nicht tun. Das zieht sich bis in die höchsten Kreise, wo es dann für Frauen immer schwieriger wird, in bestimmten Männerdomänen Fuß zu fassen.«
 
DIE EXTREMEN BURSCHEN. Auch der bekannte Theologe, Psychotherapeut und Genderforscher Erich Lehner meint, von einer Benachteiligung der Buben in der Schule zu sprechen sei aus mehreren Gründen nicht gerechtfertigt: »Es ist zu einem Leistungsanstieg bei den Mädchen gekommen, während die Leistungen der Buben gleich geblieben sind. Die PISA-Daten zeigen, dass der Vorsprung von Burschen in Bezug auf Mathematik auf der Spitzenleistung einer Gruppe von Burschen beruht. In den mittleren Leistungsstufen sind Burschen und Mädchen gleichauf, im ganz untersten Leistungsspektrum dominiert wieder deutlich das männliche Geschlecht. Demnach erbringen Burschen durchaus hohe schulische Leistungen, die Leistungen streuen aber innerhalb ihrer Gruppe von ganz gut bis ganz schlecht weit mehr als innerhalb der Mädchengruppe. Schließlich kann man von einer Benachteiligung der Burschen durch die Schule auch deshalb nicht sprechen, da Mädchen trotz ihrer besseren Leistungen noch immer keine adäquaten Positionen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft erlangen. Vielmehr wird in solchen Analysen deutlich, dass Schule offensichtlich beiden Geschlechtern die für die Entfaltung ihrer Potenziale förderlichen Entwicklungsräume nicht bieten kann.«
 
SCHULERFOLG UND BERUF. Sandra Gerö ergänzt: »Geht man von der Schule weg und schaut gesamtgesellschaftlich in Richtung des weiteren Lebensverlaufs, wird deutlich, dass die ach so gut ausgebildeten Mädchen sich in typische Frauenberufe im Bereich Gesundheits- und Sozialwesen stürzen, während die erfolglosen Burschen gut bezahlte technische Berufe haben, Männer immer noch mehr verdienen und noch immer die meisten Toppositionen einnehmen. Frauen hingegen bekommen die gläserne Decke zu spüren. Beruflicher Erfolg hängt eben nicht zwangsläufig mit guten Schulnoten zusammen.«
 
FLEISSIGE LIESCHEN. Ab der Volksschule geht es darum, »Sternderl« im Heft zu sammeln, und die bekommt man nur für schöne, ordentliche, Tintenkiller-saubere Heftseiten. Mädchen sind inzwischen zwar nicht mehr ganz so konfliktscheu wie früher und trauen sich für eigene Standpunkte einzutreten. Aber ihr sozial gewünschtes Verhalten ist noch immer das »friedliche, fleißige« Lieschen, das alle gern haben. »Und was«, fragt sich Sandra Gerö, Mutter zweier Söhne, »bleibt für die Burschen, wenn diese Nische schon besetzt ist? Meiner Meinung nach können Buben und Männer andere Rollen und Lebensbereiche nur entwickeln und ausfüllen, wenn diese nicht allein von den Frauen besetzt werden. Dafür müssen Männer aber zuerst Frauen in andere Bereiche vorlassen. Es ist ein Wechselspiel. Der Lehrberuf wurde erst zu einer Frauendomäne, seitdem das Berufsbild an Ansehen und vor allem Einnahmen verloren hat. Wenn die Bezahlung besser wäre, würden wir staunen, wie viele Lehrer es plötzlich gäbe!«
 
MÄNNER FEHLEN IN DER SCHULE. Nach Ansicht von Erich Lehner sind mehr männliche Lehrpersonen allein auch nicht das Gelbe vom Ei, komme es doch darauf an, welche Mannes-Bilder durch sie vermittelt werden: »Stehen dominante Eigenschaften wie Mut, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit im Mittelpunkt, so würden ja erst wieder mehrheitlich stereotype Erwartungshaltungen gefördert.« Sandra Gerö holt in ihren Einschätzungen zu den Auswirkungen des Fehlens männlicher Identifikationsfiguren weiter aus: »Dass Männer in der Erziehung fehlen, ist ja nichts Neues. In jeder Kriegsgeneration fehlten Väter, und traditionell wird ein Sohn für einen Mann erst interessant, wenn man philosophische Gespräche mit ihm führen kann. Buben lernen früh, dass sie anders sind als die, die sich um sie kümmern. Anders als die Mama, die Kindergartentante, die Lehrerin, die Oma. Insofern könnten mehr männliche Pädagogen im Sinne von Vorbildern für soziale Verhaltensweisen sehr wohl zur Entwicklung von Buben beitragen.«
 
QUOTEN FÜR LEHRER? Und was empfiehlt die Studie des Sozialministeriums? Ihr zufolge ist sowohl eine Quotenregelung unter angehenden Lehrerinnen und Lehrern vorstellbar als auch ein Abgehen von der Koedukation – zumindest in manchen Gegenständen. Sandra Gerö stimmt dem zu: »Vermutlich würden auch Buben in bestimmten Fächern mehr profitieren, wenn sie unter sich wären, zum Beispiel in sprachlich ausgerichteten Fächern, in denen sich Mädchen entwicklungsbedingt leichter tun. Allerdings ist das jetzige Modell für Buben deshalb günstiger, weil sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, von Mädchen unterstützt werden und in gemischten Klassen das Klima sozialer und kooperativer ist.«
 
ZAUBERWORT GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT. Starke Mädchen, schwache Buben? Vera F. Birkenbihl zeigt nicht nur das Problem auf, sondern weiß auch eine Lösung, wenn sie meint: »In dem Maß, in dem wir die Unterschiede zwischen Buben und Mädchen und deren unterschiedliche Bedürfnisse nicht länger leugnen, können wir damit beginnen, uns gegenseitig zu ergänzen, zum Wohle beider Geschlechter.« Und Erich Lehner fordert, »dass es in der Schule in erster Linie fachkompetente Lehrpersonen mit guten kommunikativen Fähigkeiten und einer fundierten Genderkompetenz braucht«. Somit treffen sich alle ExpertInnen in ihrem Wunsch nach einer geschlechtergerechten Schule, auch wenn sie einräumen, dass deren Realisierung wie alles gut Ding wohl vermutlich noch Weile brauchen wird. \\\
 
»Frauen und Männer denken einfach anders, ihre Gehirne sind unterschiedliche strukturiert.
Ihre körperliche und geistige Entwicklung verläuft unterschiedlich«,
so Sandra Gerö, Klinische und Gesundheitspsychologin
Foto: privat

 

Erich Lehner, Theologe, Psychotherapeut und Genderforscher
ist überzeugt, dass die Schule heute beiden Geschlechtern
die für die Entfaltung ihrer Potenziale förderlichen Entwicklungsräume
nicht bieten kann.

Foto: Pilo Pichler
 
 

Buben stören, Mädchen schweigen
Elisabeth Haag, Volksschulpädagogin und Beratungslehrerin, Mutter von zwei Söhnen
 
»Unser Schulsystem kommt den Bedürfnissen der Mädchen mehr entgegen. Man muss nur beobachten, wie unterschiedlich die Pause verbracht wird. Buben sind immer
in Bewegung, Kontakt wird über den Körper gesucht, manchmal von außen gesehen ziemlich derb. Allein das
Sitzen und Stillsein im Unterricht ist für sie eine echte Herausforderung. Trotzdem betrifft vieles, womit ich als Beratungslehrerin tagtäglich konfrontiert bin, beide gleichermaßen, ist einfach ›Kinderleid‹: wenn in der Familie Grundbedürfnisse nach angemessenem, liebevollem (Körper-)Kontakt nicht erfüllt werden, wenn Zeit und Ruhe fehlen, wenn aus engen Wohnverhältnissen Aggression resultiert, wenn die Würde des Kindes nicht gewahrt wird. Doch scheinen Buben mit belastenden Situationen noch schlechter zurechtzukommen als Mädchen. Ich betreue dreimal mehr Buben als Mädchen. Die Ursachen dafür sind, dass Buben, wenn sie sich nicht wohlfühlen, eher laut werden und stören, während sich Mädchen still zurückziehen. Die Kehrseite ist, dass ›Störenfriede‹ in die Beratung geschickt und die ruhigen Mädchen übersehen werden. Buben schlüpfen in die Täter-, Mädchen in die Opferrolle. In der Beratung erlebe ich immer wieder, wie erleichtert Buben sind, wenn sie einmal reden können, wenn man ihnen zuhört und mit ihnen Lösungen und Alternativen zu unerwünschtem, aggressivem Verhalten erarbeitet, wenn sie endlich aufhören können mit bereits automatisiertem Fehlverhalten. Oft hilft es schon, ihre ›Sprache‹ für LehrerInnen oder MitschülerInnen zu ›übersetzen‹, denn vieles, was diese als aggressiv beklagen, ist für die darauf angesprochenen Buben ganz normal. Es ist einfach ihre Art zu kommunizieren, und sie verstehen gar nicht, dass andere das als Bedrohung erleben.«

 
Mehr männliche Pädagogen könnten im Sinne von Vorbildern für sozialeVerhaltensweisen sehr wohl zur Entwicklung von Buben beitragen. Foto: Bruckner
 
 
Mädchen nehmen anders wahr als Buben
Mag.a Daniela Arnold, Lerntrainerin, Vortragende für Eltern und PädagogInnen, Buchautorin und Mutter von drei Kindern
 
»Wenn ich als Motoi®-Therapeutin meine Kartei durchgehe, fällt auf, dass der Anteil an Buben wesentlich höher ist. Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten sind Bubenprobleme. In den ersten Wochen im Mutterleib verläuft die Gehirnentwicklung bei beiden Geschlechtern völlig gleich, danach verläuft die Wanderung der Nervenzellen im kindlichen Gehirn durch den unterschiedlichen Testosteronspiegel anders. Dadurch nehmen Buben ihre Umwelt anders wahr als Mädchen. Sie lernen weniger passiv und benötigen Gelegenheiten, ihren Bewegungsdrang auszuleben. Die Versuchungen des Angebots an ›technischen Beschäftigungsmöglichkeiten‹ machen es ihnen zusätzlich schwer, das für ihre Entwicklung wichtige motorische Training in ausreichendem Maß zu bekommen. Gleichzeitig wird das visuelle und auditive Sinnessystem stark überreizt, was wiederum zu Problemen bei der Sprachverarbeitung und der Konzentrationsfähigkeit führen kann. Mädchen können Defizite aus ihrer vorschulischen Entwicklung leichter kompensieren. Sie sind aufgrund der unterschiedlichen Gehirnentwicklung flexibler, lernwilliger und disziplinierter. Die heutigen Lehrpläne gehen von einer körperlichen Reife der Schulanfänger aus, die immer seltener erfüllt wird. Um für die Anforderungen der Schule notwendige Basiskompetenzen aufzubauen,
das Selbstbild der Buben zu festigen und sie fit zu machen für kognitive Herausforderungen, ist gezieltes motorisches Training unumgänglich.«
 
Daniela Arnold ist Autorin des Buches »Herausforderung Schule«,
Was hat Bewegung mit erfolgreichem Lernen zu tun? (Books on Demand, 332 Seiten, € 25,60). Sie zeigt darin Zusammenhänge zwischen körperlicher Entwicklung und Schulerfolg auf und gibt Tipps zur Entdeckung der wahren Hintergründe von Lernschwierigkeiten. www.motoi-therapie.at

 
Foto: Godany

 
 
Es darf wieder Unterschiede geben
Dr. Erich Greger, Rechtsanwalt, Vater einer Tochter sowie (immer wieder etwas irritierter) Vater zweier Söhne
 
»Nachdem mir lange mit geradezu messianischem Sendungsbewusstsein erklärt wurde, alle Unterschiede zwischen Buben und Mädchen seien nur von uns gemacht, halte ich die Trendwende für entspannend, wonach es wieder Unterschiede geben darf. Selber habe ich immer schon mit Verblüffung festgestellt, wie sehr meine beiden Söhne bei aller Unterschiedlichkeit Parallelen aufweisen, die dem Verhalten meiner Tochter diametral entgegenstehen: Während für meinen großen Sohn von der Volksschule an die Jausenpause am wichtigsten war, was sich im Wesentlichen bis zum (erfolgreichen) Fachschulabschluss durchzog, hat meine Tochter schon im Kindergartenalter ›Schule gespielt‹. Sie ist mit Begeisterung durch die Volksschule gestürmt und geht bis heute (3. Klasse Unterstufe) einfach gerne in die Schule. Für die farbliche Ausgestaltung ihrer Hefte mit bunten Schmuckrändern und exotischen Mustern nimmt sie sich alle Zeit der Welt. Mein kleiner Sohn dagegen hat den Minimalismus zum obersten Prinzip erkoren. In seiner ersten Schulwoche löste er die gestellte Aufgabe, ein vorgedrucktes Bild anzumalen, dadurch, dass er mit einem gelben Farbstift einmal quer drüberfuhr. Auf den Vorhalt, was das solle, kam aus tiefster innerer Überzeugung: ›Es ist doch eh gelb!‹ Flächiges An- und Ausmalen erfolgt prinzipiell in großzügigen Strichen über den Rand hinaus. Die Ermahnung, doch ›sorgfältig und schön‹ zu malen, quittiert er mit Unverständnis: ›Wieso, das kann man dann ja wegradieren!‹ Es kann doch auch eine Qualität sein, komplexe Zusammenhänge auf das Wesentliche zu reduzieren! Der Minimalist geht den Weg des geringsten Widerstandes und versucht, mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Erfolg zu erzielen. Das klingt nach einem Dogma unserer Wirtschaftsordnung. Warum nur sind solche ›Dogmen‹ ausgerechnet in der Volksschule derart verpönt?«
 
Foto: Bruckner

 
geschrieben von Caroline Kleibel
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