IM AUSLAND UNTERWEGS Jungen Frauen steht die Welt offen. Viele bereisen ferne Länder, erproben sich in Jobs und sozialem Engagement in anderen Teilen der Erde. Was lernen sie daraus und was verändert die große Welt im eigenen Leben? Vier junge Frauen erzählen. Text: Julia Broucek
Lucia Metzbauer Globetrotterin mit spanischem Herzschlag Die heute 26-Jährige machte mit 16 Jahren ein Austauschschuljahr in Ecuador. Während ihres Studiums – Spanisch und Kommunikationswissenschaften – absolvierte sie ein Auslandssemester in Andalusien (Spanien) und ein Praktikum in Brüssel. Dann war sie fünf Monate an einer Hotelrezeption in Jerusalem tätig. Sie schrieb ein Jahr für eine chilenische Zeitung und wohnte in Santiago de Chile in einer Wohngemeinschaft mit 14 Männern. Bis dato bereiste sie 42 Länder. Heute arbeitet sie als Redakteurin in Wien. Begonnen hat meine Liebe zur Ferne mit einem Austauschjahr im Gymnasium. Als ich damals nach Ecuador flog, war ich knapp 16 Jahre alt und sprach kein Wort Spanisch. Doch mein Wille und mein Interesse waren stark und ich lernte die Sprache schnell. Es war eine Herausforderung, in einem fremden Land alleine zu sein und nicht zu wissen, wie ich das Leben bewerkstelligen soll. In jedem Land beginnt man im Grunde sein Leben neu aufzubauen. Je öfter ich verreiste, desto besser lernte ich mich selber kennen und wusste, wie ich den Alltag meistern konnte. Ich suchte mir Aktivitäten, die die Landsleute machen. Sei es Sport betreiben oder einem Chor beitreten. Man soll sich an das Leben der Menschen anpassen. Das Jahr in der südamerikanischen Schule hat mich selbstständiger und weltoffener gemacht. Ich hörte auf, Vergleiche zu meiner Heimat zu ziehen. Es gibt immer etwas, das zu Hause besser ist. Meine Auslandsaufenthalte erweiterten meinen Horizont enorm. Die Eindrücke, die ich dort aufsog, haben mein Weltbild verändert – und mich. Wichtige Eigenschaften sind Offenheit gegenüber Fremdem, Toleranz, Anpassungsfähigkeit, Optimismus und vor allem Neugierde. Ich bin eine Kämpfernatur, liebe die Freiheit und das Risiko. Man lernt, dass es nichts macht, sich die Blöße zu geben, weil man etwas nicht weiß. Man lernt, eine gewisse »Erste-Welt-Arroganz« abzulegen, wenn man den gewohnten Lebensstandard nicht leben kann. Mein Lebensstil hat sich in den vergangenen Jahren verändert. In meiner Wohnung hängen Mitbringsel von überall. Ich besuche ausländische Supermärkte, um internationales Essen zu kaufen. Mit meinem Freund Markus unterhalte ich mich dreisprachig. So kompensieren wir unser Fernweh. Die ersten Male, als ich aus dem Ausland nach Österreich zurückkam, erlebte ich einen Kulturschock. Mit den Jahren dauerte die Eingewöhnungsphase zu Hause immer kürzer. Daheim fühle ich mich verantwortlich, Wissen aus anderen Ländern weiterzugeben. Ich bin außerdem patriotischer geworden: Wenn ich woanders bin, erzähle ich gerne von Österreich und bin stolz, Österreicherin zu sein. \\\ »Südamerika hat mich selbstständiger und weltoffener gemacht.« Lucia Metzbauer (26) bereiste bereits 42 Länder. Für ein Jahr machte sie Station in Chile.
Fotos: Thomas Topf/Corbis
Johanna Schmidmayr Lehrerin mit sozialer Ader Die 27-Jährige abs olvierte während ihres Studiums in Wien ein Auslandssemester in Frankreich, arbeitete in Mexiko in Tijuana, an der Grenze zu den USA, in einem Slumkinderprojekt und in einem Waisenhaus in Ghana. Zusammen mit ihrem Ehemann Johannes unternahm sie zwei Weltreisen. Sie ist Mittelschulprofessorin für die Fächer Deutsch, Französisch und Spanisch.
»Durch meine Reisen verlor ich die Angst gegenüber Fremdem und entwickelte Verständnis fürandere Kulturen.«
Armut habe ich sowohl in Ghana als auch in Mexiko zur Genüge gesehen. Der einzige Unterschied war, dass die Ghanaer die Reichen nicht vor Augen haben. Die Armenviertel an der mexikanischen Grenze zu den USA sind nur wenige Fahrminuten neben den Villen der amerikanischen Millionäre. Wenn ich an einem der wenigen freien Tage in die USA rüberfuhr, war die »normale« Welt zwar gut für die eigene Psychohygiene, als ich jedoch zurückkam, hatte ich eine richtige Wut auf die Amerikaner. Ich sah, wie gut es ihnen ging, und dann das Elend vieler Menschen in Mexiko. Wir bekamen beispielsweise aus Amerika Lebensmittel geschickt, die ganz grün vor Schimmel waren. Da stieg Hass in mir auf. Ich lernte damit umzugehen, dass ich die Welt nicht retten kann. Was ich dort tat, war ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich konnte den Menschen ein paar schöne Stunden bereiten, indem wir bastelten und spielten. Ich bewunderte die hoffnungslosen Versuche mancher Frauen und Kinder, in den USA Fuß fassen zu wollen. Viele kamen dabei ums Leben. Diese Verabscheuung von anderen Menschen gibt es meiner Meinung nach in Österreich nicht. Bei uns sehe ich mehr Chancen für Benachteiligte. Ich habe in Ghana gelernt, mir meine Aufgaben selber zu suchen. Es gibt dir niemand das Gefühl, dass du gebraucht wirst, du musst dich selber engagieren. Sei es Medikamente verabreichen, Kranke füttern, Kinder wickeln oder ihnen einfach Nähe schenken. Wie es mir dabei ging, danach fragte keiner. Ich musste mit dem Klima, dem Essen, den Bräuchen und der Verarbeitung von Gefühlen selber zurechtkommen. Ich verlor die Angst gegenüber Fremdem und entwickelte Verständnis für andere Kulturen. Es ist schön, Menschen näher kennenzulernen und nicht nur als Reisende dort zu sein. Durch meine Auslandserfahrungen bin ich offener, toleranter und empathiefähiger geworden. Ich gehe auf ausländische Menschen anders zu und respektiere ihre Wertvorstellungen. Bei meiner beruflichen Laufbahn haben sich die Auslandspraktika auch bewährt: Ich war eine von 400 BewerberInnen an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Wien. Sie nahmen 80, mich inklusive. Jedes Mal, wenn ich nach Österreich zurückkam, war ich schockiert von unserer Überflussgesellschaft. Trotzdem ist nie jemand zufrieden. In Afrika sind die Menschen zwar materiell arm, dafür viel lebensfroher und energischer. Das zeigen sie durch Zusammenhalt, Tanzen und Singen. Bei uns muss man funktionieren. \\\ Fotos: Andreas Röbl/privat
Gabriele Hametner Fernwehgeplagte mit Raderfahrung Die 27-Jährige absolvierte in ihrer Schulzeit ein 14-wöchiges Praktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Frühstückspension in Irland, arbeitete in den Ferien als Jugendgruppenleiterin in Italien und betreute dort Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren, die an Hautkrankheiten und Atemwegsproblemen litten. Anfang 2008 ging sie für ein Auslandssemester nach Finnland und fuhr über das Baltikum (Estland, Lettland, Litauen) mit dem Fahrrad und ab Polen mit dem Bus nach Hause. Sie ist gerade dabei, ihr Studium der Kommunikationswissenschaften abzuschließen
»Die Zeit im Ausland hat meine Beobachtungsgabe und mein Wahrnehmungsempfinden geschärft.«
Ich bin eine Ausreißerin. Dass ich den landwirtschaftlichen Hof zu Hause verlassen werde, war mir bald klar. Durch meinen bäuerlichen Hintergrund fiel es mir leicht, mit den Kindern in Italien zurechtzukommen, weil sie aus der gleichen Schicht waren. Grund für mich, in dem Projekt zu arbeiten, war, dass ich Gruppenleitererfahrungen sammeln wollte. Ich hatte drei Wochen rund um die Uhr vollste Verantwortung. Am Strand spielen, Nachtdienste, Asthmaanfälle behandeln helfen, über psychische Probleme mit den Kindern reden und interessierte Italiener von den Mädchen fernhalten, all das stand täglich auf dem Programm. Die Anstrengung, die damit verbunden war, spürte ich erst, als ich zu Hause war. Das Italienprojekt war eine irre Selbsterfahrung. Ich war für meine zehnköpfige Gruppe die Bezugsperson und mir wurde klar, wie verdammt schwierig es ist, Eltern zu sein. Ich bin in diese Rolle geschlüpft und bin danach besser mit meiner Mutter ausgekommen, weil ich sie nach meinem Italienaufenthalt besser verstanden habe. In Finnland wollte ich an meinen Fremdsprachenkenntnissen arbeiten. Finnland hat mich kulturell überrascht: Ich war bei einer Skisprung-Veranstaltung und es verlief alles ruhig – in Österreich geht bei solchen Events die Post ab. Gewöhnen musste ich mich auch an die flache und weitläufige Landschaft mit Wäldern und Seen – ohne das Großstadtflair wie in Wien. Es ist schwer, in ein anderes Land zu gehen, denn du musst dir deine Existenz neu aufbauen. Es ändern sich schlagartig die Menschen, die Werte und die Verhaltensmuster. Als ich nach meinem Radtrip quer durch die baltischen Staaten, wo ich so viel erlebt habe, zurückkam, war ich dann wiederum von Österreich schockiert: Mir fehlte die Weltoffenheit und mir fiel der extreme Konservativismus auf. Die Zeit im Ausland hat mein Wahrnehmungsempfinden geschärft. Ich habe ein Gespür dafür bekommen, hinter Dinge zu schauen und mich auf eine Person zu konzentrieren. Ich testete auch meine körperlichen Grenzen aus, vor allem bei der Heimreise mit dem Rad, und war oft erschöpft. Ichreagierte, indem ich meine Pläne änderte und Ziele setzte, um Sicherheit zu spüren. Genau das brauche ich heute in meiner Arbeit auch: Visionen und eine Richtung, wohin es gehen soll. Meine Reisen haben mir eins bestätigt: Die Freiheit ist schön, weil ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss, doch ich weiß, dass ich nach Österreich gehöre. \\\
Fotos: Thomas Topf/privat
Susanne Sonnleitner Assistentin mit Business-Ambitionen Die 27-Jährige machte 2008 eine Jobpause und absolvierte in Vancouver, Kanada, das dreimonatige College für »International Business Management«. Sie unternimmt gerne Individualreisen, etwa nach Sibirien und Jordanien, und mag Gebiete, die touristisch wenig erschlossen sind. Sie arbeitet als Redaktionsassistentin.  Mir fehlte in meinem Job die Herausforderung, deshalb kündigte ich und organisierte mir die Bildungsreise nach Kanada. Den Wunsch, ins englischsprachige Ausland zu gehen, hatte ich schon in meiner Jugend, jedoch ist er im Laufe der Zeit eingeschlafen. Die Erwartungen, die ich an Kanada hatte, wurden übertroffen. Die Menschen sind offener und herzlicher als in Österreich. Ein Schlüsselerlebnis war, als ich offenbar etwas griesgrämig in den Bus einstieg und der Busfahrer mir nachrief: »You are allowed to smile on my bus!« Wo passiert dir das bei uns? Oder dass man sich als Fahrgast beim Aussteigen fürs Mitnehmen bedankt. Es kam vor, dass ich eine halbe Stunde auf den Bus wartete, doch in Vancouver wird keiner grantig. Ich habe dort gelernt, Gelassenheit an den Tag zu legen. Das in Österreich beizubehalten, ist schwierig.
»Aus Kanada habe ich das menschliche und internationale Verständnis mitgenommen.«
Schwer tat ich mich anfangs mit den Asiaten am College, die eher distanziert sind. Bei unserer Diplomfeier war dann aber alles emotional übertrieben: Lehrer umarmten die Studenten, die in Weinkrämpfe ausbrachen. Inmitten dieses Tumults durfte ich die Abschlussrede halten. Durch diese Begegnungen bin ich weltoffener geworden. Was ich aus Kanada mitgenommen habe, sind die Sprache und, was viel wichtiger ist, das menschliche und internationale Verständnis. Seither haben sich einige meiner Gewohnheiten geändert. Ich habe meine Bügelarbeiten auf ein Minimum beschränkt, denn in Kanada wird das Bügelbrett kaum verwendet. Viel unkomplizierter war auch das Waschen: Entweder wäscht die Maschine heiß oder kalt. Heute versuche ich, Dinge nicht so ernst zu nehmen, wenn sie es nicht wert sind. Wenn ich mir zum Beispiel teure Kleidung anschaffen möchte, stelle ich mir die Frage: Macht mich das wirklich glücklich? Oft lautet die Antwort: »Nein.« Lieber gebe ich mein Geld für gutes Essen oder schöne Reisen aus. Ich habe im Ausland Freunde gefunden, mit denen ich heute noch Kontakt habe. Meine Freundin aus der Schweiz kam sogar zu meiner Hochzeit. Das hat mich sehr gefreut. Und mit zwei Japanern tausche ich mich regelmäßig aus – wer hätte das gedacht? \\\ Fotos: Andreas Röbl/privat
geschrieben von Julia Broucek |