Gehen wir "wokn"
|
In schöner Regelmäßigkeit wollen meine Schwestern, dass wir Schwestern gemeinsam »wokn« gehen, und weil ich viele Schwestern habe und sie alle viel sportlicher sind als ich, ist es gar nicht so einfach, sich gegen diese sportlichen Austobungen zu wehren. Natürlich will ich »wokn« gehen, ich meine, wer will nicht »wokn« gehen? Wer will sich nicht den Glücksmomenten des Sports ergeben, diesen Höhepunkten des Schwitzens und der knallroten Birnen. Wobei man ja eigentlich gar nicht sagen kann, dass »wokn« knallrote Birnen macht, zumindest nicht bei der Mehrzahl der Spezies Mensch und zumindest nicht, wenn man’s im Flachland tut neben der guten alten Donau. Aber einige meiner Schwestern leben auf Bergen (man könnte eventuell, vielleicht, möglicherweise auch Hügel dazu sagen) und Berge haben die eigenartige Eigenschaft, ab und an über rechtwinkelartige Anstiege zu verfügen, und da wir immer abwechselnd bei einer von uns »wokn«, gehen diese rechtwinkelartigen Anstiege nicht an mir vorüber, vor allem nicht spurlos, denn irgendwann in schöner Regelmäßigkeit beginnen die Anstiege nicht mehr nur rechtwinkelartig zu sein, nein, sie werden überhängend und meine rote Birne geht über in eine violette Kletze. Und weil ich das weiß und weil ich das gar nicht mag, steck ich erst einmal vorsichtig meinen Kopf ein bisschen zwischen die Schultern und hoffe, dass sie mich nicht sehen, meine Berg- und Talschwestern, wenn die Frage auftaucht: »Wonn gemma denn wieda wokn?« Aber sie sehen mich immer, lächeln ein bisschen nachsichtig und eine der Bergschwestern sagt: »Eigentli warat jetzt i wieda amoi dran.« Ich, Talschwester, seufze ergeben, weiß, was das bedeutet, es geht um den Kaffee, den wir nachher immer gemeinsam trinken, also auf einem Berg diesmal, also auch »wokn« auf diesem Berg diesmal, seufzepeufz. Na gut! Eigentlich mag ich das »Wokn« ja, aber noch eigentlicher mag ich die Schwestern-Gespräche beim »Wokn« und am eigentlichsten mag ich meine Schwestern an sich und dass wir Spaß haben und miteinander lachen können, dass wir aber im Notfall auch füreinander da wären und am Schluss immer Kaffee trinken! Aber der Berg ist halt trotzdem ein Berg. Und drum geh ich jetzt erst mal in mich. In eine Denkpause, eine Überlegpause. Ob ich mir das antun soll, den Berg, die violette Kletze. Zeit vergeht und der Gedanke an »Wokn mit Kletze violett« setzt sich und setzt sich und setzt sich und sitzt dann irgendwann so gut, dass ich ihn fast nicht mehr hochkriege. Aber wir sind ja keine Memme. »Los«, sag ich mit einer gewissen Schärfe in meiner inneren Stimme. »Steh auf! Beweg dich!« Was er schließlich tut, der Gedanke an »Wokn mit Kletze violett«. Sich bewegen nämlich. In Richtung Berg. Samt meiner Wenigkeit. Der ganzen. Denn halbe Sachen machen wir nicht, meine Wenigkeit und ich. Und darum – violette Kletze. Aber erst mal schaue ich in die Luft. Und dann sauge ich sie ein, die Luft. Und dann marschiere ich los, meinen Schwestern hinterher. Und nachher wird’s Kaffee geben und wir werden alles besprochen haben, was uns grad wichtig erscheint. Gemeinschaft nennt man das, Familie. \\\
Foto: Martina Hartl Illustration: Franziska Becker
geschrieben von Gabi Kreslehner |
|