MODE Das Dirndl ist wieder en vogue. 500 Trachten wurden allein in Oberösterreich erneuert. Sechs Damen zeigen ihre Lokaltracht und dass Tradition und Moderne kein Widerspruch sind. Text: Julia Langeneder, Fotos: Robert Gortana  Mit Dirndl und Lederjacke kommt Elisabeth Hammer zum Fotoshooting. »Ich kombiniere gerne«, erzählt die 45-Jährige. »Das Dirndloberteil ziehe ich zum Beispiel zu Jeans an.« Auch Theresia Wicke (26) schlüpft gerne ins Trachtenkleid. »Es hat eine Zeit gegeben, da hab ich’s kaum getragen, jetzt gefällt’s mir wieder.« Den Großmuttercharme hat das Schürzenkleid längst abgelegt. Insbesondere bei der jungen Generation erfreut es sich steigender Beliebtheit. »Bei Hochzeiten ist das Dirndl stark nachgefragt, aber auch für die Maturafeier, für Bälle oder die Firmung«, bestätigt Anna Tostmann, Chefin des gleichnamigen Trachtenunternehmens. Sogar auf Clubbings ist das Dirndl, etwa als keckes Minidirndl, Blickfang. In manchen Branchen und Regionen sind weiße Bluse und Blaudruck durchaus businesstauglich. »Einer Rechtsanwältin in Wien würde ich nicht dazu raten, aber bei einem festlichen Anlass im Salzkammergut – warum nicht?«  KRÄFTIGES LEBENSZEICHEN. Einen Innovationsschub und neuen Impuls hat die Dirndlkultur durch die Trachtenerneuerung erfahren. Mit rund 500 neu designten Alltags-, Männer- und Festtrachten präsentiert sich Oberösterreich als Musterschüler. Martina Pühringer, seit zehn Jahren an der Spitze der Goldhauben-, Hut- und Kopftuchgruppen in Oberösterreich, hat sich besonders in der Erneuerung engagiert und wurde dafür vom Traditionsunternehmen Tostmann gemeinsam mit dem Designer-Ehepaar Vivienne Westwood und Andreas Kronthaler als Botschafterin der Tracht 2010 ausgezeichnet. »Dass die Tracht jetzt so boomt, ist auch das Verdienst unserer Bewegung«, freut sich Pühringer.
Die oö. Goldhaubenobfrau Martina
Pühringer (rechts) sowie das Designer-Paar Andreas Kronthaler (links)
und Vivienne Westwood wurden vom Trachtenunternehmen Tostmann als
Botschafter der Tracht 2010 ausgezeichnet. Foto: Tostmann Trachten
1998 wurde unter ihrer Vorgängerin Anneliese Ratzenböck gemeinsam mit dem Oö. Heimatwerk mit einer zeitgemäßen Trachteninterpretation begonnen. Anhand der Figurinen und Überlieferungen des Volkskundlers Franz C. Lipp haben sich viele Ortsgruppen Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre eigene Lokaltracht kreieren oder ihre regionaltypische Kleidung verändern können – »durch edlere, bessere Stoffe wie Seide oder neue Schnittführung«, so Pühringer. Ein prominentes Beispiel ist das Linz09-Dirndl. Anlässlich des Kulturhauptstadtjahres hat Gertrude Stingeder, Schneidermeisterin im Oö. Heimatwerk, die Linzer Tracht anhand eines Gemäldes von Peter Fendi aus dem Jahr 1827 originalgetreu nachgeschneidert. Auch nach Linz09 besticht das Dirndl durch seine zeitlose Eleganz. TRACHTIGE TRENDS. Trends gibt es zwar auch beim Trachtenkleid – Marineblau und Beerentöne sind heuer besonders angesagt –, im Allgemeinen sind Farbe und Design jedoch relativ zeitlos. Und noch einen Vorteil hat das Schürzenkleid: Es schmeichelt jeder Figur. »Ein Dirndl passt sehr weiblichen Frauen oft besser als ein Hosenanzug. Stärkere Oberschenkel sind da kein Problem«, weiß Tostmann. Modische Fauxpas, wie einen hervorstehenden Unterrock, gilt es allerdings zu vermeiden. Für Anna Tostmann ist das Trachtenkleid quasi Berufskleidung, dennoch ist sie auch privat ein Dirndlfan. Mehr als 30 Stück hat die 33-Jährige in ihrem Schrank hängen, die oberösterreichische Goldhaubenchefin Martina Pü hringer hat mit 19 Dirndln die Qual der Wahl und Friederike Knechtl, Goldhaubenobfrau des Bezirks Braunau, bringt es auf stolze 17 Trachtenkleider. So kleidsam sie das Dirndl findet, »ich bin froh, wenn ich nach den Veranstaltungen wieder meine Jeans anziehen kann«, verrät sie schmunzelnd. \\\ KULTURHAUPTSTADT TRIFFT DIRNDL Für das Kulturhauptstadtjahr wurde das Linz09-Dirndl nach einem Porträt der »Linzerin« von Künstler Peter Fendi aus dem 19. Jahrhundert originalgetreu nachgeschneidert. Durch seine zeitlose Eleganz steht es nicht nur der Biedermeierdame, sondern auch der Frau von heute.
»Ein Dirndl passt auch zu einer modernen Frau.« Elisabeth Hammer (45), Hausfrau
THERME TRIFFT TANNENGRÜN Seine Augen kann man in Bad Hall schon seit vielen Jahren kurieren – eine Festtracht gibt es erst seit Kurzem. Die neue Tracht aus tannen-grünem, dunkelrotem oder braunem Seidenbrokat ist eine wahre Augenweide.

»Es gibt eine Vielfalt an Trachten, sodass sich jede Frau die suchen kann, die zu ihrem Typ passt.« Martina Stehrer (45), diplomierte MTA
HUT TRIFFT HAUSRUCK Gut behütet ist man mit der neuen Hausruckviertler Hut- und Festtagstracht aus schwarzer, dunkelroter oder grüner Seide – eine von nur wenigen Huttrachten in Österreich. 
»Weil uns die Bad Ischler Hüte so gut gefallen haben, wollten wir auch so gerne eine Huttracht haben.« Brigitte Weinzettel (33), in Karenz
KANTIGER AUSSCHNITT TRIFFT KIMONOHEMDERL Ganz schön ins Schwitzen kamen die Braunauerinnen im Sommer oft in ihrer Wolltracht. Das neue Sommerdirndl aus Baumwolle trägt sich nun luftig-leicht. Hübsch dazu ist eine einfache Puffärmelbluse oder ein Kimonohemderl.  »Auch wenn man modern eingestellt ist, hat man Wurzeln. Das ist mir wichtig.« Roswitha Reitshammer (50), Büroangestellte
MITTELALTER TRIFFT KARO-ROCK Auf seine mittelalterliche Stadtbefestigung ist Freistadt stolz – auch auf das neue Sommerdirndl mit herzförmigem Ausschnitt, geblümtem oder kariertem Rock und grünem, blauem oder schwarzem Leibchen darf man stolz sein! 
»Im Dirndl ist man immer gut angezogen. Es passt bei jeder Gelegenheit. Mit einer flotten Farbe lassen sich Tradition und Moderne gut verbinden.« Christine Katzensteiner (50), Werklehrerin
GRÜNER BAUMWOLLDRUCK TRIFFT SEE Am Traunsee entlang lässt es sich in Gmunden herrlich flanieren – die neue Alltagstracht im grünen Baumwolldruck passt nicht nur für den Sonntagsspaziergang. 
»Das Dirndl hat mir meine Mutter genäht. Ich habe mehrere Dirndln, die ich gerne zu Festlichkeiten anziehe, aber auch wenn ich auf den Wochenmarkt gehe.« Theresia Wicke (26), Studentin
geschrieben von Julia Langeneder |