Leben in Beziehung
Ursula
Nuber
Warum aus Mücken Elefanten werden

Sie hatten abgemacht, sich den Wochenendeinkauf zu teilen. Er sollte in den Supermarkt fahren und Grundnahrungsmittel einkaufen, sie wollte beim Gemüsehändler frisches Obst und Salat holen.
Als sie beide vollbepackt nach Hause kommen und ihre Schätze auspacken, entdeckt sie in seinem Einkaufskorb einen Salatkopf und ein Bund Radieschen. Ärger steigt in ihr hoch, und sie fährt ihn an: »Was soll das? Warum bringst du Salat? Das stand nicht auf der Liste! Das war mein Part!« Erschrocken will er sich erklären, doch sie schneidet ihm das Wort ab, redet sich in Rage. »Nie kann ich mich auf dich verlassen! Du hörst einfach nicht zu! Dann kann ich es ja gleich bleiben lassen!« Er reagiert zerknirscht und schüchtern wie ein kleiner Junge, der es seiner Mutter nicht recht machen kann: »Ich hab mir doch gleich gedacht, dass du mich wieder schimpfst.« Der sich nun entwickelnde Streit wird heftig, erst nach Stunden können sie sich wieder annähern. Wegen einer Lappalie haben sie sich das Wochenende vermiest.
Eine Szene wie diese kennen sicher viele Paare und wundern sich später, warum sie sich wegen Kleinigkeiten so in die Haare geraten sind. Aber ist der doppelt eingekaufte Salat in unserem Beispiel wirklich eine Lappalie? Wenn dem so wäre, dann hätte eine Bemerkung ausgereicht und die Angelegenheit wäre nicht in Streit ausgeartet. Was also passiert, wenn in Beziehungen aus Mücken Elefanten werden?  
Häufig ist in diesen Fällen ein Phänomen im Spiel, das den Paaren nicht bewusst ist: Sie geraten in einen Zustand, der eine erwachsene, angemessene Kommunikation unmöglich macht. Nach Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, hat jeder Mensch drei sogenannte »Ich-Zustände«, die je nach Situation aktiviert werden: Im Eltern-Ich sind die Regeln, Ge- und Verbote archiviert, die ein Mensch in seinen frühen Jahren von seinen Bezugspersonen gelernt hat. Im Kind-Ich versammeln sich die Gefühle und Erfahrungen des kleinen Kindes, das wir mal waren. Das Erwachsenen-Ich ist in der Realität verankert. Es ist in der Lage, die Signale, die aus den beiden anderen Ich-Zuständen kommen, zu überprüfen und zu entscheiden, wie eine angemessene Reaktion aussehen kann. 
In Stresssituationen ist die Gefahr groß, dass wir in unangemessene Ich-Zustände geraten. In unserem Beispiel rutscht die schimpfende Frau in den Zustand des »Eltern-Ichs«, das darauf aus ist, dass Absprachen eingehalten werden. Sie spricht aus der Position der verärgerten, strafenden Mutter, die ihr Kind maßregeln will. Und der so getadelte Mann reagiert entsprechend aus seinem »Kind-Ich«. Er rechtfertigt sich und fühlt sich beschimpft.
Unangemessene Ich-Zustände werden immer dann aktiviert, wenn wir unter großem Druck stehen oder uns bestimmte Situationen an früher erinnern. Nur wenn wir um diesen Mechanismus wissen, können wir ihm gegensteuern. Wie? Indem wir uns darauf besinnen, wie Erwachsene miteinander kommunizieren.       \\\
 
Ursula Nuber ist Diplompsychologin, langjährige Redakteurin der Zeitschrift »Psychologie Heute« und Autorin vieler Bücher.
 
Illustration: Stefanie Harjes
Foto: Blume

 
 
geschrieben von Ursula Nuber

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