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  Das Sterben ist rot

Filiz erzählt von ihrer Kindheit in einem kleinen kurdischen Dorf in der Türkei, sie ist das siebte von zehn Kindern. Die Mutter gebärt ein Kind nach dem anderen zwischen ihrer harten Feld- und Stallarbeit, so sieht Filiz sich und ihre Geschwister als Herde. Doch sie seien Herde und Hirten zugleich, müssten aufeinander achten, denn der Wolf, der ist gefährlich, der reißt die Lämmer. Der Vater schlägt die Kinder und seine Frau: Früh schon versteht Filiz den Blauschmuck in den Frauengesichtern, an den Händen und Armen in unterschiedlichen Blautönen schimmern. Ihre Brüder schämen sich, wenn ihr Blauschmuck entdeckt wird, sie wollen sich von den Frauen und Mädchen unterscheiden. Wenn der Vater das Haus betritt, so erinnert sich die Ich-Erzählerin, kommt mit ihm die Stille; dieser Vater stellt die Ehre über alles, sogar über die Sonne. Er schlägt zu, wie auch der Lehrer in der Schule zuschlägt: Gehorsam ist oberstes Gebot, Filiz seine beste Schülerin, der doch der Weg in die Stadt zum Weiterlernen von ihrem Vater verwehrt wird. Kein Gedanke, dass sich die Mutter für sie einsetzt, auch der Schläger Lehrer hat gegen Schläger Vater keine Chance.

Als sich Filiz in den feschen Yunus, den mit den grünen Augen, verliebt, ist sie zwölf; zwei Jahre später flieht sie mit ihm zu seiner Mutter: Doch nicht die Freiheit wartet dort auf sie, sondern neuerliche Versklavung. Liebe? Yunus vergewaltigt seine Frau, schlägt sie, sobald sie widerspricht und sei das auch nur durch Schweigen. Defloration und ausreichend Blut auf dem weißen Laken: Yunus folgt der Tradition und hat seiner alleinstehenden Mutter eine Sklavin heimgebracht. Drei Kinder überleben im Mutterleib die Schläge und Tritte, Filiz funktioniert nur noch im Kopf, verrichtet mechanisch ihre Arbeiten, dazu gehört auch, täglich frisches Brot für den Ehemann zu backen und ihm abends die Füße zu waschen.

Filiz‘ Traum hat mit dem Sinnbild „Jeans für mich und Yunus in Deutschland“ begonnen, Freiheit, keine Verschleierung mehr und natürlich auch keine Schläge. Doch auch mit der Migration nach Österreich ändert sich für Filiz und ihre Kinder nur wenig.

Die Sonne geht im Westen auf. Österreich ist ein Land der aufgehenden Sonne. Das Land der Jeans und Turnschuhe. … Österreich ist wie Deutschland. Österreich ist zwar kleiner, aber es hat die gleichen Jeans mit den gleichen aufgenähten Taschen und den gleichen Knöpfen, es hat die gleichen Turnschuhe … Österreich und Deutschland sind Länder wie das Leben im Fernsehen, ohne Armut und Krankheit, und die Supermärkte sind bis oben hin vollgestopft mit bunt verpackten Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Österreich ist wie Deutschland, und Deutschland ist wie Amerika. Und dort geht die Sonne auf. (S. 117)

Es sind zwei Nachbarinnen, die sie in Österreich, am Land, unterstützen, die ihr heimlich Tickets für den Rückflug in die Türkei beschaffen, Yunus entdeckt sie und schlägt Filiz beinahe zu Tode. Der Text, abwechselnd in Ich- und Personal-Form erzählt, endet mit diesem Gewaltakt und zwei Gedanken der am Boden liegenden Filiz: „Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe. Das Grün deiner Augen kam niemals vom Bach.“ Dann eine leere Seite im Buch und dann für uns LeserInnen die Bestätigung, dass Hoffen manchmal hilft: „Am 1. August 1998 verständigen die Nachbarn der Familie Sahin Notarzt und Polizei. Der Notarzt brachte Filiz in die Klinik, Halil, Selin und Seda wurden vom Jugendamt in Obhut genommen. … Filiz arbeitet heute als akademische Fachkraft für Sozialpsychiatrie in einer Sozialeinrichtung in Oberösterreich.“

 

Was Sie versäumen, wenn das Buch nicht lesen: Realitätsbezug zu ehelicher Gewalt in Österreich. Frauenhäuser, häusliche Gewalt, Vergewaltigung in der Ehe: Erst seit 1989 ist Vergewaltigung/geschlechtliche Nötigung in Österreich überhaupt strafbar. Die Opfer mussten noch bis Ende April 2004 den Antrag auf Bestrafung stellen, viele nahmen unter Druck diese Anträge zurück. Sie versäumen es auch, empathisch für viele Menschen zu werden, die wie Filiz aus diesem patriarchalen System nach Österreich kommen und ihr Bestes geben, ein besseres Leben für ihre Kinder zu erreichen, auch um den Preis der eigenen Vernichtung. Verdichtung der Ereignisse, klare Sprache, einen Schreibstil, dem Pathos fremd ist, der sich der Geschwindigkeit der Schläge anpasst und Raum für Filiz‘ Träume öffnet.

 

Die Autorin Katharina Winkler, 1979 in Wien geboren, studierte Germanistik und Theaterwissen, lebt heute in Wien.

 

 

Katharina Winkler:

Blauschmuck.

Roman.

Berlin: Suhrkamp 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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