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17. Jänner: ...der Tropfen auf dem heißen Stein...

Ich liebe Redewendungen und Sinnsprüche. Sie sind kraftvoll. Und bringen oft eine Lebensweisheit in äußerst komprimierter Form ans Licht. In der heutigen Redeschwall-, Infoschwall-, und Medienschwallzeit mitunter eine Wohltat. „Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht“, zum Beispiel. Das hat was. Oder „wenn Trübsal blaset, nicht verzage, es kommen wieder bess’re Tage“. Dieser von Lebensweisheit strotzender Sinnspruch hing als Stickbanner über dem alten Sofa meiner Uroma. Als ich das Lesen lernte, quälte ich mich mit dem Spruch ganz schon ab, weil ich „Trübsal“ nicht in meine Sprache übersetzen konnte, eben so wenig wie „verzage“. Das selbe Problem hatte ich in der Schule beim Rosenkranzlernen im Religionsunterricht mit dem Wort „gebenedeiht“ und auch noch „Leib“ hintendran. Diese Wörter gab es in meinem Wortschatz als Mundart sprechendes Landkind nicht. Wahrscheinlich habe ich sie mir deshalb so gut eingeprägt, ich wollte das Geheimnis dieser in meiner Muttersprache verkapselten Fremdsprache ergründen und verstehen.

Aber zurück zu den Sinnsprüchen. Es gibt da wirklich wahre Schmankerl, die mir auch immer wieder eine Lebensstütze sind und mich motivieren. Einer meiner Favoriten ist zweifellos „Gibt dir das Leben Zitronen, mach‘ Limonade daraus“. Ich liebe diesen Satz. Er ist motivierend. Ich bin so eine Zitronenausquetscherin, oh ja. Nicht, dass Sie jetzt glauben, ich reiße mich um Zitronen, nur um dann anstatt süßer Cocktails hantige Zitronenlimonade schlürfen zu können. Nein. Nicht einmal im Ansatz neige ich zum Masochismus, auch nicht in der Ernährung. Aber der Kern des Sinnspruches ist mir lieb. Immer aus jeder Situation das Beste zu machen. Es zu versuchen. Das finde ich gut, das lebe ich.

Ganz und gar nicht einverstanden allerdings bin ich mit dem „Tropfen auf dem heißen Stein“. Dieses schöne Sprachbild wird meistens zum Schwarzmalen verwendet! „Zwei Euro für Afrika sind doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein!“ “ Einem Kind die Polio-Impfung auf fernen Kontinenten zu zahlen, ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Gegen diese Behauptung stelle ich mich mit aller Kraft. Gewiss werden zwei Euro Afrikas Trockenheit nicht beheben, und auch ein Brunnen kostet mehr als diese zwei Euro. Und es mag an der Vielzahl erkrankter Kinder nicht viel ändern, wenn eines durch die Polio-Impfungspende überlebt. Aber für die Eltern bedeutet es die ganze Welt, dass ihr Kind überleben wird, und viele einzelne zwei-Euro-Spenden füllen ganz schön den Sack und bald ist ein Brunnen finanzierbar. Der Tropfen auf dem heißen Stein ist ein Hammer, jawohl! Sich auf ihn auszureden, um nicht aktiv werden zu müssen, ist grauslich, dumm, unmenschlich, herablassend und borniert. Es lebe der Tropfen auf dem heißen Stein, denn wenn jeder einen Tropfen auf den heißen Stein gießt, wird dieser schnell kalt und aus der anfänglichen unsichtbaren Dunsthaube wird ein rauschendes Meer an Menschlichkeit.

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