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21. Jänner: ...wie ein Reh...

Heute morgen schoß mir die Hex‘ ein. Ich wachte müde auf, setzte mich, wobei mir mein breites Becken half die Balance zu halten, an die Schlaftstattkante, und tappte mit nackten Füßen unter dem Bett nach meinen Hausschuhen. Erst trat ich auf ein benutztes Taschentuch, dann auf die Spielmaus meines Katers, und als Krönung auf Lurch. Den Hausschuh fand ich nicht, also stand ich barfuß auf. Ich nahm Schwung, um in die Höhe zu kommen, da fuhr mir unerwartet und heftig die Hex‘ ins Kreuz.

Der Stich im Rücken machte mich munter. Mit der linken Hand rieb ich die Problemstelle, so weit ich sie eben erreichte, mit der rechten öffnete ich wackelig die Schlafzimmertür. Meine Bewegungen waren verhalten und morgensteif. Ich schlurfte aufs Klo und blickte auf meine Beine hinunter. Sie waren dick. Habe ich Wasser? Im Badezimmer fielen mir die Augenringe sehr deutlich auf. Ich ertappte mich dabei, nachzudenken, wann ich das letzte Mal richtig drahtig aus dem Bett gesprungen war. Der späte Winter macht mich immer steif. Jahr für Jahr mehr. Mein Körper verlangt in seiner jetztigen Abnützungsphase zwischen 50 und 60 eindeutig mehr Pflege und Zuspruch als noch vor wenigen Jahren. Vor zehn Uhr vormittags komme ich auch nicht in die Gänge, und wer mich kennt, weiß das. Nur Telefonverkäufer oder flüchtige Bekannte rufen vor zehn Uhr an, alle andere wissen, dass mir zu keiner Zeit leichter ein spitzes, übellauniges Wort über die Lippen kommt als da. Und niemals gibt es ein freudiges „Ja“, egal, worum gefragt wird.

Vielleicht sollte ich mein müdes Gebein mehr fordern? Vielleicht sollte ich Gymnastik oder ähnlich Verrücktes machen? Wer rastet, der rostet, heißt es. Ich spüre den Rostbefall deutlich. Ich dreh‘ mir den CD-Player auf und lege Lieblingsmusik auf. Ich schließe meine Augen und nehme den Rhythmus auf. „Perhaps love…“. Ja, I love meinen weich gewordenen, mir schon so lange treu dienenden Körper! Und es fühlt sich gut an, sich zur Musik zu wiegen. Holla, was war denn das? Ich kann den kleinen, runden Sidestep noch, der die Jungs in der Disco immer ganz verrückt machte, weil er viel Hüfte hatte! Die Hex‘ ist weg. Auf ihrem Besen zur nächsten geflogen, nehme ich an. Und ich bewege mich, tanze, fühle, spüre meinen lieben, schönen, 52 Jahre alten Leib, der’s schon noch kann, wenn er will….

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