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Unter dem Titel „Fleur du soir“ zeigten die AbsolventInnen der Akademie für Naturgestaltung im Zisterzienserstift Zwettl ihre Meisterarbeiten: Abendkleider bekannter DesignerInnen aus Blättern, Blüten und Gräsern.
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Modell von Christian Lacroix. Für dieses opulente Kleid mit Ballonrock rollte Kerstin Gartler unzählige Skelettblätter mit goldenen Schlagmetallblättchen.

In der Orangerie des Stiftes Zwettl (NÖ) war der große Tisch festlich gedeckt. Das Buffet bereits aufgebaut. Auf 23 Tellern lag je ein Umschlag. Darin versteckten sich die Namen von wichtigen DesignerInnen des 20. Jahrhunderts. Franz Josef Wein, Leiter der Meisterklasse in der Akademie für Naturgestaltung, bat die 23 TeilnehmerInnen des Lehrgangs, Platz zu nehmen. „Nicht ihr zieht das Thema, sondern das Thema zieht euch“, betonte er dabei.

Bernhard Pesendorfer zog ein Kärtchen aus dem Umschlag und las „Giorgio Armani“, den Namen des italienischen Designers. Nach der ersten Unsicherheit und Enttäuschung – „Ich finde Armani zwar schön, aber ein wenig zu klassisch in der Schnittführung“ – begab sich Bernhard Pesendorfer auf die Suche nach einem passenden Kleid in der aktuellen Armani-Winterkollektion. Der Besuch des Armani-Shops in der Wiener Innenstadt überzeugte ihn von der Zeitlosigkeit der Schnitte und der perfekten Verarbeitung der kostbaren Stoffe. Der angehende Floristenmeister blätterte in unzähligen Bildbänden, sah immer wieder die Filme von Modeschauen des italienischen Modelabels und entschied sich dann für ein hautenges, schillerndes Haute-Couture-Abendkleid mit gewagtem Rückendekolleté und Schleppe.

 

UNZÄHLIGE PAILLETTEN
Bis zu 600 Stunden investierten die LehrgangsteilnehmerInnen in die Herstellung „ihres“ Abendkleides, das als ein Werkstück der sechsteiligen Abschlussarbeit zählt. Um Floristenmeister oder -meisterin zu werden, sind neben den theoretischen Prüfungen das Blumenstraußbinden, das Bepflanzen von Gefäßen, die Herstellung von Trauerschmuck oder -kranz und das Fertigen von Blumenschmuck für eine Hochzeit erforderlich.
„Die größte Herausforderung ist das Kleid – und da vor allem die Wahl des richtigen Materials für die florale Umsetzung von Schnitt und Stoff.“ Von einer befreundeten Schneiderin ließ sich Bernhard Pesendorfer das Armani-Modell aus einem schwarzen, schwer fallenden Stoff als Unterkleid nachschneidern. Doch wie die Pailletten fertigen? Er erinnerte sich an die faszinierenden Farbnuancen von dunklen Algenblättern, die er schon einmal zu einem Gefäß verarbeitet hatte. „Je nach Lagerung schillern sie rötlich, zart grün und in verschieden dunklen Farbtönen.“

Seine Mutter, die Schwägerin und der Vater halfen beim Lochen der unzähligen Algenblätter. Einzeln wurde jedes Blättchen mit einem Reisstäbchen auf das Kleid aufgeklebt. Dafür war der richtige Druck ausschlaggebend. War dieser zu stark oder zu gering, löste sich die Paillette wieder. Geduldige Freundinnen unterstützten Pesendorfer bei dieser aufwendigen Handarbeit.

 

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Für Bernhard Pesendorfer bedeutet der Titel „Meister“ Wissen, das er täglich weiterentwickeln will.

CATWALK IM KREUZGEWÖLBE

23 schwarze Schaufensterpuppen in Kleidern von Christian Dior, Dolce & Gabbana, Giorgio Armani, Prada, Valentino, Vivienne Westwood und anderen standen wie auf einem Laufsteg im Kellergewölbe des Stiftes Zwettl. In schwingenden Röcken aus Salbeiblättern und Flechten, mit unzähligen Raffungen aus Ritterspornblüten, engen Korsagen aus Algen und schulterfreien Oberteilen aus Ahornflügeln. Der steife Eindruck so mancher Kleider täuschte. Beim vorsichtigen Berühren fühlten sie sich wie Stoff an. Weich fallend und fließend leicht.  Alle Meisterarbeiten – von höchster Qualität – brillierten im Scheinwerferlicht.

 

 

 

Florale Meisterprüfung

Jedes Jahr im Jänner beginnt eine neue Meisterklasse mit ihrer Ausbildung. Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum reisen SchülerInnen in das Zisterzienserstift Zwettl in Niederösterreich. Die Ausbildung verläuft in vier Blöcken zu je zwei Wochen. Informationen zum Meisterkurs in der Akademie für Naturgestaltung sind unter www.naturgestaltung.com zu finden.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/14 – von Michaela Herzog