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Aktion Familienfasttag: Im Dorf der starken Frauen

Wenn es um die weitverbreitete häusliche Gewalt geht, brauchen Nicaraguas Frauen Mut und solidarische Unterstützung, um ihrem Leben eine Wende geben zu können.

Der Staub von trockener Erde haftet hartnäckig an Schuhen und Gewand. Das Flussbett ist schon Monate vor Beginn der nächsten Regenzeit ausgetrocknet. Magere Rinder kauen das braune Gras auf den Weiden. Frisches Wasser aus dem Dorfbrunnen ist in diesen Tagen für die BewohnerInnen von Laurel Galan ein kostbares Gut. Es habe im Vorjahr viel zu wenig geregnet, klagen sie. Mais und Hirse wären knapp. Auch in guten Zeiten gibt die Landwirtschaft des 1.000-Seelen-Ortes kaum genug für alle her. Wer in Managua, der knapp 80 Kilometer entfernten Hauptstadt, durch einen Fabrikjob zu etwas Geld kommt, investiert es in ein gemauertes Haus. Nur ein Drittel der Bevölkerung Nicaraguas hat einen regulären Arbeitsplatz, 70 Prozent leben in Armut. Da und dort haben Männer aus dem Dorf hohe Scheiterhaufen aufgetürmt. Das Brennholz aus den umliegenden Wäldern wird täglich tonnenweise von Lastwagen abtransportiert. Der Boden erodiert. Kinder radeln über den steinig-holprigen Weg. Ein Dreijähriger schwingt übermütig sein Lasso. Das Ziel, ein rotbraunes, pelziges Schwein, ist weit größer und lässt sich nicht fangen.

Maria Felix Arauz Reyes lächelt milde. Die 41-jährige Großmutter ist sichtlich stolz auf den Enkel und auch auf dessen Mutter. Ihre 27-jährige Tochter verdient als Grundschullehrerin ihr eigenes Geld. Sie fühlt sich deshalb von ihrem Mann weniger abhängig und würde sich niemals gefallen lassen, was Maria Felix über Jahre hinweg ertragen hat: Schläge ins Gesicht, Tritte auf Körper und Seele, permanente verbale Erniedrigungen durch ihren Mann. Er wollte ihr einbläuen, dass sie als Mensch wertlos ist und keine Stimme hat. 

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Entwicklungsexpertin Doris Kroll lebt seit 27 Jahren im Land.

EIN PROBLEM ALLER
Schwerer noch als das karge Leben wiegt für viele Frauen in Nicaragua bis heute die Geringschätzung ihrer Partner, Väter, Brüder, mitunter auch der Mütter, Tanten und Schwestern, die meinen, so sei es im Leben eben. Weil sie es selber nicht besser wissen. Weil auch ihnen Wertschätzung und Gleichberechtigung vorenthalten wurden und werden. Ihre Erfahrungen sind keine Einzelschicksale, sondern ein massives soziales Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft.

Schon die Jüngsten wachsen mit der verachtenden Haltung eines unhinterfragten Machismos auf: Mädchen dürfen nicht wie ihre Brüder einfach nur spielen, sondern müssen von klein auf hart im Haushalt mit anpacken. Sie verinnerlichen die vermeintliche männliche Überlegenheit, sehen, dass ihre Mütter den Vätern nicht in die Augen schauen, sondern unterwürfig tun, was man seit Generationen von ihnen verlangt – zu Hause bleiben, die Arbeit verrichten, Kinder gebären, still sein. „Mein Mann hätte am liebsten, dass ich ständig schwanger bin“, erzählt eine achtfache Mutter. So habe er sie gut unter Kontrolle. 

ALLTAG MIT GEWALT
Vor allem auf dem Land erleben viele Frauen regelmäßig physische, psychische und sexuelle Übergriffe im eigenen Haus. Nur wer in der Lage sei, diese Taten überhaupt einmal als Unrecht zu erkennen und zu benennen, könne Nein sagen lernen und anfangen, sich zu wehren, betont Maria Felix. Auch für sie, ein Mädchen aus armem Haus und heute die angesehene Psychologin des Ortes, sei es ein langer Weg zu dieser Erkenntnis gewesen.

Ihr Enkel spürt, dass seine Oma etwas erzählen will, klettert auf den Baum, dessen Ast zu ihr hinüberreicht, und lässt sich nur unter Protest von seinem schattigen Lauschposten vertreiben. Die Schilderungen seiner Großmutter sind nicht für Kinderohren bestimmt. Mit 13 sei sie von einem 15-Jährigen schwanger geworden. Drei Monate nachdem sie sich kennengelernt hatten, fing es mit den Schreien und Schlägen an. Als der Mann vom Zuwachs erfuhr, suchte er sofort das Weite. Ihre Mutter kümmerte sich anfangs um das Baby. Doch hieß es, Maria Felix sei selber für ihre Lage verantwortlich. Sie musste auf den damals in der Gegend bestehenden Baumwollplantagen schuften. Später schaffte sie als Haushaltshilfe in der Hauptstadt Geld herbei. „Voller Hoffnung und mit riesigen Illusionen“ ging die junge Frau ihre zweite Beziehung ein. Die schlechten Erfahrungen aber wiederholten sich mit einem etwa gleichaltrigen, alkoholabhängigen jungen Mann. Ihr blau geschlagenes Gesicht habe sie stets verborgen. „Mädchen erleben das durch den Suff der Männer“, dachte sie sich. Todesdrohungen setzten ihr zu. Aus dem Elternhaus bekam sie zu hören, der Vater der Kinder habe ein Recht, so zu handeln. 

24_2_szene im text_DSC_0343 KLEINDER ERSTE SCHRITT HINAUS
Maria Felix hat ihre Gefühle im Griff. Sie bricht nicht in Tränen aus. Nur ihre Augen verraten, dass die Erinnerung schmerzt und sie wohl niemals verlassen wird. Der Wendepunkt kam, sie weiß es sofort, durch AusländerInnen, die Ende der 1980er-Jahre im Dorf etwas gegen die grassierende Lepra unternehmen wollten. Weil Maria Felix die Grundschule absolviert hatte, wurde sie zur Verteilung von Hygienematerial eingesetzt. Mehr noch, man lud sie zu Frauentreffen ein, bei denen sie das erste Mal erlebte, wie andere offen ihre Geschichten erzählten, und Beispiele hörte, dass es durchaus ein Entrinnen gab. Das war ein Aha-Erlebnis. „Was wird wohl passieren, wenn ich Nein sage?“, fragte sie sich. Mit drei kleinen Kindern wagte sie diesen Schritt. Ahnend, dass ihr noch Schlimmes blühen würde. Die Vergewaltigungen, die ihrem ersten Widerstand folgten, konnte und wollte sie nicht mehr hinnehmen. Sie ging zur Polizei, schaffte die Trennung.

Ihr früherer Mann arbeite jetzt in Costa Rica, man sehe sich kaum, grüße sich im Dorf nur von der Ferne. Finanziell unterstützt wurde sie nicht. Den Lebensunterhalt verdiente sie selber in Managua, später in der nächstgelegenen Stadt, San Francisco Libre. Von dort aus hilft sie seit 17 Jahren – mittlerweile bestens ausgebildet – im Rahmen der Organisation Mujer y Comunidad (Frau und Gemeinschaft) Frauen mit ähnlichem Schicksal. „Ich kann in die Schuhe der anderen schlüpfen. Ich habe kein Mitleid, sondern Mitgefühl“, nennt sie eine wesentliche Befähigung für ihre von den Dorffrauen sehnlich erwartete Begleitung. Die kfb trägt ihre Arbeit mit Spenden wesentlich mit. Hausbesuche und Gespräche mit den Betroffenen kosten Maria Felix zwar viel Energie, ihr Engagement zeige aber Früchte. Mittlerweile wurden 50 Frauen im Bezirk San Francisco Libre, zu dem das Dorf Laurel Galan gehört, juristisch und sozial geschult. 

Maria Felix Arauz Reyes, Psychologin von Mujer y Comunidad

Maria Felix Arauz Reyes, Psychologin von Mujer y Comunidad

SELBSTBEWUSST UND MUTIG
Auf den Stacheldrahtzäunen um die kleinen Gehöfte in Laurel Galan hängt nasse, saubere Wäsche im Wind. Wer es sich leisten kann, überlässt das Waschen einer ärmeren Nachbarin: 16 Stück für 32 Cordoba machen umgerechnet 50 Eurocent, für die man ein halbes Kilo Bohnen kaufen kann. Die reichen einer vierköpfigen Familie für drei Mahlzeiten, also einen Tag lang. Carla Liset Reyes nimmt diese bescheidene Möglichkeit an. Auch die 33-jährige Mutter dreier Kinder ist Ansprechperson für Frauen, denen Gewalt angetan wird. Ihr Herzensanliegen ist es, die Macht des eisernen Schweigens zu durchbrechen. „Wir haben herausgefunden, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Frauen völlig ausgeliefert sind. Die Männer bringen Reis, Bohnen und Zucker nach Hause und denken, dass man ihnen deswegen folgen muss.“

UNRECHTSBEWUSSTSEIN?
Bei Treffen wird über die heikle Thematik in geschütztem Rahmen geredet, werden Übergriffe bekannt, stehen Carla Liset und ihre Mitstreiterinnen bereit. Anwältin Minerva Salmeron begleitet die Frauen zur Polizei und vertritt sie vor Gericht, kümmert sich notfalls um die Unterbringung an einem sicheren Ort, die Betreuung der Kinder und fordert Alimente ein. Fünf bis sechs Frauen melden sich jeden Tag bei ihr. An manchen Tagen sind es zehn. Zu wenig berücksichtigt werde die psychische Gewalt, die viele Frauen in die Knie zwinge, klagt sie. Früher wurde diese Form der Misshandlung gar nicht beachtet, jetzt stehe sie zumindest im Gesetz.

Mujer y Comunidad sucht die Zusammenarbeit mit Institutionen und lokalen Behörden und bemüht sich um die Einhaltung des „Gesetzes gegen Gewalt“, das 2012 vom Parlament verabschiedet wurde. Ein Bewusstsein für Frauenrechte setzt sich in der Praxis aber nur langsam durch – und birgt viele Fallen. Zwei Drittel der Opfer sexueller Gewalt sind unter 17 Jahre, 90 Prozent der Täter leben im Familienverband. Vonseiten der Regierung gibt es keine Programme, den Missbrauch öffentlich zu thematisieren und die soziale Stigmatisierung zu durchbrechen. Meist gilt: Heiratet der oft viel ältere Täter sein Opfer, ist die Schuld getilgt, auch wenn dann halbe Kinder zu Müttern werden. Bei Gewalt in der Familie wird Mediation verlangt mit der Folge, dass sich die Wut des Mannes gegen seine Frau oft noch heftiger entlädt.

DIE FRAUEN WERDEN STÄRKER
Doris Kroll, viele Jahre leitend in der Entwicklungszusammenarbeit in Nicaragua tätig, ist dennoch zuversichtlich: „Der Samen ist gelegt. Die Frauen emanzipieren sich. Das ist nicht aufzuhalten.“ Die oft isoliert in Kleinsiedlungen und Einzelhöfen lebenden Frauen auf dem Land bräuchten aber Hilfe, eine Gruppe, die beginnt, mit ihnen über ihre Probleme zu sprechen. „Darum ist die Organisation der Frauen so wichtig. Sie hat eine gewisse Macht und kann sie unterstützen. Es ist ja nicht so, dass der Mann immer begeistert ist, wenn ihm die Frau sagt, heute mache sie kein Abendessen, weil sie zu einer Sitzung gehe.“ Diese Treffen sind für Kroll aber entscheidend: „Wenn die Frauen beisammensitzen und einander ihre Geschichten erzählen, dass die anderen auch nicht fortgehen dürfen, geschlagen werden, mit fünf Cordoba die Lebensmittel einkaufen und noch vier Cordoba zurückbringen sollen. Dann ist da eine Frau dabei, die ihr Leben schon ein bisschen ändern konnte – das ist oft der Wendepunkt.“

Maria Felix schaut ihrem Enkel nach. Es ist vor allem die neue Generation, die ihr Hoffnung macht. Kinder, Frauen, die sich ihrer Rechte bewusst sind und die darum von klein auf lernen, andere Frauen zu respektieren. Dann wird es hinter den Türen der einfachen Häuser in Laurel Galan weniger Schmerz und Tränen geben. 

Teilen spendet Zukunft Danke!

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Die stellvertretenden kfbö-Vorsitzenden Veronika Pernsteiner (li.) und Anna Rosenberger (re.) beim Projektbesuch in Nicaragua.

Veronika Pernsteiner, stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreich und Verantwortliche für die „Aktion Familienfasttag“: „Ich komme aus Nicaragua mit der Überzeugung heim, dass die Spenderinnen und Spender der ,Aktion Familienfasttag‘ Großartiges bewirken: Sie geben den Frauen ein eigenständiges Leben ohne Gewalt, sie tragen bei zu einer Zukunft in eigener Hand.“ 

Dieser Ausgabe von „Welt der Frau“ liegt eine Zahlungsanweisung bei. Ihr Beitrag ermöglicht unter anderem die soziale und juristische Schulung von Multiplikatorinnen, die Frauen in Gewaltsituationen in Nicaragua beistehen. 

„Ich bin berührt von der Kraft dieser Frauen, die ihre Geschichten mit uns teilen. Damit fordern sie auch uns zum Teilen auf. So wird Zukunft möglich“, so Anna Rosenberger, stv. kfbö-Vorsitzende und Vorsitzende der kfb der Diözese St. Pölten.

Mit 20,00 Euro ermöglichen Sie zum Beispiel einer jungen Frau die Teilnahme an einem Workshop, der sie über Ausbildungschancen aufklärt und ihr Mut und Motivation gibt, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. 

Mit 50,00 Euro sichern Sie beispielsweise einer Schülerin die Unterrichtsmaterialien für ein Jahr. 

Spendenkonto „Aktion Familienfasttag“:
PSK IBAN: AT86 6000 0000 0125 0000, BIC: OPSKATWW

Kennwort: teilen spendet zukunft/Code A2

Ihre Spende ist steuerlich absetzbar. 

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 03/15 – von Romana Klär