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Alles eine Frage der Aufklärung?

Der islamistische Terror hat in Europa zu heftigen Debatten geführt. Viele sind der Meinung, der Islam sei zu wenig aufgeklärt. Andere möchten Religion überhaupt gänzlich aus dem öffentlichen Leben verbannen. Hat die Religion in modernen Gesellschaften ausgedient?

Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, die Glaubensfreiheit nur als Abwesenheit von Frömmigkeit versteht. Aufklärung bedeutet ja nicht Zwangs-Atheismus. Wie immer unvernünftig oder irrational einzelne Rituale und Überzeugungen auch wirken mögen, sie betten unzählige Gläubige in eine sinnstiftende Gewissheit ein, die ihnen niemand nehmen darf.“ Das schreibt die deutsche Journalistin Carolin Emke in einem Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“. Ich kann ihr voll zustimmen. Die Anschläge im Namen des Islam haben auch viele FundamentalkritikerInnen der Religionen auf den Plan gerufen. Sie meinen, verkürzt gesagt, dass die unheilbar Religiösen ihren Wahn, bitte schön, nur im stillen Kämmerchen ausleben, aber ansonsten die Welt mit ihren kruden Ideen verschonen mögen. Die Religionen seien unaufgeklärt, das heißt, setzten sich keinen kritischen Einwänden aus. Sie erhöben einen Wahrheitsanspruch, der grundsätzlich keine anderen Meinungen zulasse und würden am liebsten alle missionieren oder eliminieren, die sich dieser Wahrheit nicht beugen. Das sind harte Vorwürfe. Doch sollte man zurückfragen, was genau mit ihnen gemeint ist. Das beginnt mit der schwierigen Frage, was das Christentum ist oder was der Islam ist. Von innen betrachtet gibt es für keines der heiligen Bücher nur eine Auslegung, schon gar nicht im Islam. Im katholischen Christentum gibt es mit dem Papst eine lehramtliche Autorität, die einen Primat der Auslegung hat. Auf die Bibel berufen sich aber auch viele andere christliche Gruppen, die ihre je eigene Sicht auf die heiligen Schriften haben. Und die sind oft widersprüchlich genug.

Die brennende Frage, ob der Islam, den es eben in dieser geschlossenen Form nicht gibt, die Gewalt gegen andere rechtfertigt, vor allem gegen Andersgläubige, ist nicht eindeutig zu beantworten. Diese Uneindeutigkeit ist schwer zu akzeptieren, wenn im Namen dieser Religion so abscheuliche Verbrechen begangen werden. Natürlich ist zu fragen, wie frei die Theologie der jeweiligen Religion ist. Kann und darf sie offen und kritisch fragen und forschen? Da wird es schon etwas enger, auch in der katholischen Kirche. Wo Denkverbote herrschen, macht man es FundamentalkritikerInnen leicht. 

Für die meisten Gläubigen ist Religion aber nicht das vorbehaltlose Nachbeten von Dogmen und Glaubenssätzen. Vielmehr suchen sie, meist von mehr Zweifeln als Gewissheiten begleitet, Antworten auf die Grundfragen ihrer Existenz. Viele versuchen, einem Gefühl des Aufgehobenseins in einem größeren Ganzen, das sie spüren oder erhoffen, einen Namen zu geben. Manche wollen auch nur eine Gemeinschaft, die trägt und nicht von ökonomischen Absichten verdorben ist. Die Vernunft, der Zweifel, ist für jeden Glauben ein unverzichtbarer Begleiter. Man kann sich selbst nicht ganz trauen. Und man entwickelt sich weiter. Manchmal auch weg von den religiösen Gemeinschaften, in die man hineingeboren wurde und in denen man groß geworden ist.

Allerdings, und das ist für eine ausgewogene Debatte wichtig, sollten sich auch nicht religiöse Menschen fragen, was sie an sich und den eigenen Haltungen kritisch hinterfragen. Die Abwesenheit einer verfassten Religion muss noch nicht die Freiheit von Wahn bedeuten, um es pointiert zu sagen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert von Nichtgläubigen begangen wurden. Die Nationalsozialisten haben ihr krudes Weltbild sogar auf Thesen der Naturwissenschaft, also im weitesten Sinn der Aufklärung, gestützt. 

Es ist höchst notwendig, dass religiöse Gemeinschaften, auf wen auch immer sie sich berufen oder stützen, offen für Kritik sind. Es ist wichtig, dass in modernen Gemeinwesen der Staat neutral zu allen Weltanschauungen steht, dass Religionen und deren Führer keine staatliche Bevorzugung oder gar Dominanz haben. Es muss aber auch die Möglichkeit geben, eine tiefe Religiosität oder Frömmigkeit zu leben, die dort vom Staat ihre Grenzen gesetzt bekommt, wo Interessen anderer, die sich diesem Selbstverständnis nicht verpflichtet fühlen, verletzt werden. Die Religion und die Menschen, die sich ihr verbunden fühlen, bloß aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen, sie für hoffnungslos unaufgeklärt zu halten und sich nicht einmal für sie zu interessieren, ist allerdings kein kluger Weg. Er leistet erst recht der Radikalisierung Vorschub. Zumindest Respekt haben sich alle verdient, denn auch darin zeigt sich ein aufgeklärter Geist.

Was ist Aufklärung?

  • Das Zeitalter der Aufklärung beginnt rund um das Jahr 1700. Es setzt die Vernunft, das rationale Denken und Erkennen in den Mittelpunkt. Nicht der Glaube, sondern das, was ist, vor allem was sich naturwissenschaftlich über die Welt und den Menschen sagen lässt, zählt.
  • Es geht dabei auch um die Überwindung „selbst verschuldeter Unmündigkeit“. In der Folge wurde in Europa die Vorherrschaft der Kirchen, die bis dorthin die Deutungshoheit über alle Bereiche des Lebens hatte, gebrochen.
  • Der säkulare Staat entwickelte sich. Die Menschenrechte wurden proklamiert. Dieser Prozess der ständigen kritischen Reflexion ist weltweit noch nicht abgeschlossen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at