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Alles hat seinen Preis
Andrea, 53, wollte mit ihrem Mann, dem Vater ihrer drei Kinder, alt werden. An das Scheitern ihrer Ehe hatte sie nie gedacht.

In meinen Gedanken unterteile ich mein bisheriges Leben in ein „altes“ und ein „neues.“ Mehr als 20 Jahre hatte ich in einer sehr traditionellen Ehe verbracht. Meinen Job als Lehrerin aufgegeben, um ganz bei unseren drei Wunschkindern bleiben zu können. Für den Aufbau der Firma ihm den Rücken freigehalten, neben ehrenamtlichen Tätigkeiten die Familie alleine „geschupft“. Mit einem klaren Bild vom gemeinsamen Älterwerden im Kopf. Über Pensionsversicherungsbeiträge habe ich nie nachgedacht. Ich war ja angemeldet und habe mich in meiner Ehe so sicher gefühlt. Wir und Scheidung? Nein, das trifft nur andere Paare.

Ob ich in meiner Ehe glücklich war? Nein, weiß ich heute. Es hatte Jahre gedauert, bis ich zu bemerken begann, dass unsere Beziehung mit der Zeit immer flauer geworden war. Unsere Berührungspunkte waren immer weniger geworden. Keiner hatte mehr vom anderen gewusst, wo der gerade stand, was ihn gerade beschäftigte. Wir hatten unsere Liebe als zu selbstverständlich angenommen.

Mit 53 Jahren weiß ich: Den Märchenprinzen gibt es nicht.

Meine Sorgen vertraute ich einem Freund an. Vom Ehealltag frustriert, ging ich mit ihm eine sexuelle Beziehung ein. Ich dachte, eine Affäre könnte ich nebenbei leben. Schließlich nahm ich niemandem etwas weg. Sondern bekam, was mir in meiner Ehe fehlte. Dabei hatte ich übersehen, dass eine neue, sehr junge Mitarbeiterin meines Mannes ein „Auge“ auf ihn geworfen hatte. Dass auch er sich verliebt hatte, war für mich ein großer Schock. Von meiner Außenbeziehung muss er aus meinem Tagebuch erfahren haben. Innerhalb von drei Monaten waren wir geschieden. Davon, dass mein Exmann mit meiner Hilfe sehr erfolgreich geworden ist, habe ich finanziell gar nichts. Ich kann nicht mehr genügend Beiträge für eine „gute“ Pension einzahlen. Mit der Scheidung brachen meine Sicherheit und Zukunftsbilder in sich zusammen. Doch sehr rasch konnte ich eine Anstellung als Lehrerin finden. Alleine mit den Kindern war ich all meine Ehejahre gewesen, das war keine große Umstellung.

Eines war mir aber klar, ich wollte mein Leben nicht alleine verbringen. Nach einem halben Jahr kam ich über eine Internetpartnervermittlung mit Clemens in Kontakt. Jetzt weiß ich, dass man sich über E-Mails tatsächlich verlieben kann. Nach einem Monat regen Mailverkehrs traf ich ihn zum ersten Mal. Das war aufregend, vertraut und ganz selbstverständlich zugleich. Am nächsten Tag schwänzte ich zum ersten Mal die Schule. Die 500 Kilometer Entfernung zwischen uns fuhren wir jedes zweite Wochenende abwechselnd. Nach zwei Jahren Fernbeziehung zog ich zu Clemens in mein neues Leben. Doch keines meiner drei Kinder wollte mit mir kommen. Meine jüngste Tochter war auf mich jahrelang beleidigt. Man zahlt für alles seinen Preis.

Clemens und ich haben viele Erfahrungen und einige Narben aus den ersten Ehen mit in das gemeinsame Leben gebracht. Dass wir kein Kind miteinander haben, macht den Alltag leichter. Seit drei Jahren bietet er mir sehr angenehme Lebensumstände. Ich will noch einmal heiraten. Um versorgt zu sein? Wegen der traditionellen Bilder in meinem Kopf?


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Michaela Herzog