11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Alles mit einer Prise Zurückhaltung

Gertrud, Kilian, Linus, Jasmin und Nicole begleiten uns durch diesen Roman, die einzelnen Skizzen: Zuerst gibt sich Gertrud die Ehre und die ist da gar nicht ziperlich. Wohl verletzt, wohl ein wenig skurril, abgewiesen und abweisend, Opfer und Täterin in einem, alles sehr dezent. Jetzt hat sie ihre Stelle verloren, dabei hat sie nie in der Arbeit – Gertrud ist Buchhalterin – gefehlt, sogar auf Krücken hat sie sich hingeschleppt. Und jetzt die totale Zurückweisung bei der Arbeitssuche: Sie solle sich doch anschauen, so wie sie auftrete und sich kleide, das gehe doch gar nicht! So klettert Gertrud in den Müllcontainer, schließlich gehört dort ja auch hin, was entsorgt werden muss. Gertrud hat schon immer darauf gehört, was andere ihr so (an)sagten. Nach dem Besuch eines Stadtfuches in ihrer nächtlichen Abgeschiedenheit im Müllcontainer wird der Deckel erneut geöffnet und ihr, der Ausgesonderten, fällt ein Neugeborenes in die Arme. Schnitt. Es ist ausgerechnet Linus Kaufmann, ihr netter Nachbar, dem sie zurufen kann: „Kümmern Sie sich um das Baby!“, bevor sie und das ausgesetzte Baby von der Rettung abgeholt werden. Ganz anders ergeht es diesem Kilian, der gerade in einer Klinik ankommt: Auszeit, keine Emails, Entspannung, Runterkommen – er wirkt erfolgreich, er ist anscheinend ein gefragter Mitarbeiter seiner Bank mit dem sprechenden Namen „Alta prima“. Wäre da nur nicht dieses Geräusch im Kopf, das ständige Zählen von Münzen, wäre da nicht die Angst vor Existenzverlust: Was, wenn alle Kunden ihre Gelder abziehen? Wie kann er dann seine eigenen Kredite bedienen, Wohlstand für seine Frau und ihr Kind garantieren? Auf Gertrud und Kilian folgt die Kurzgeschichte von Linus in Großaufnahme: Dieser trifft seine ehemalige Geliebte Jasmin bei dieser Diskussionsrunde zum Thema „Organtransplantation/Organspende“ wieder. Jasmin entsetzt viele, als sie dabei direkt in die Kamera erzählt, welch Ekel ihr Vater doch war und wie verschwendet ein Spenderherz an diesen herzlosen Mann doch gewesen sei. Nein, dieser Mann habe kein Herz, überhaupt kein Organ verdient, er, der Familientyrann hätte einfach sterben, verrecken sollen, ja, doch, am Ende geriet er unter einen Schnellzug. Ob das wirklich ein Unfall und kein Suizid war? Schade um das neue Herz!

Die Schicksale sind enger verwoben, als es im ersten Kapitel den Anschein hat. Da wird aus der einsamen Gertrud auf einmal die Tante von Nicole und aus Linus ein guter Nachbar, ein noch besserer Sohn und ein phantastischer Geliebter von Jasmin. Alle ProtagonistInnen tun ihr Bestes, passen sich an, versuchen einfach, gut zu leben, gute Menschen zu sein und ein bisschen reich und erfolgreich zu werden. Die Abgründe zeigen das von der Philosphin Hanna Arendt beschriebene Banale des Bösen: Kilians Karriere ist zu Ende, noch einmal fährt er im Lift hoch in sein Büro.

Kilian ist der Mörder! Er ist der Amokläufer, der heute drei Leute in seiner Bank erschossen hat!“ Nun weinte Nicole los, direkt in den Hörer. „Um Gottes willen, Kind!“ Gertrud schluckte trocken. „Womit hast du so etwas verdient? Gott sei Dank ist dein Mann nicht zu Hause Amok gelaufen!“ Nicole schluchzte immer lauter und konnte nicht antworten. „Ja, wenn das so ist, dann … dann … Hoffentlich kann er sterben … Hoffentlich stirbt er! (S. 244)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Verwobenheit, das Ineinandergreifen von Lebensentwürfen, Erkennen von Ausbeutungsstrukturen, Verständnis, warum der Neoliberalismus Menschen verachtet, fünf Minuten Nachdenken über Organspenden, eine gesunde Wut, gelegentliche Heiterkeit, die Suche nach Integrität, jede Menge verletzte Seele, die man ja nicht durch Organspenden heilen kann, großes Können, Absage an Selbstoptimierung, Lust darauf, jemandem jetzt sofort etwas Gutes zu tun.

Große Literatur in kleinen Episoden, komplexe Charaktere – das müsste jetzt aber reichen!

 

Die Autorin: 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren; sie lebt seit 1996 in der Schweiz, wo sie u. a. als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin arbeitet. Bereits im Roman „Vaters Land“, 2014 bei Braumüller erschienen, verband sie Analyse mit Poesie, Verstand mit Herz.

 


Evelina Jecker Lambreva:

Nicht mehr.

Roman.

Wien: Braumüller 2016.

277 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.