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Wir sind rund um die Uhr erreichbar und online, ständig bemüht, die steigenden Anforderungen privat wie beruflich zu erfüllen. Wir erledigen immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit, selektieren stündlich Fluten an Informationen und schaffen uns Dinge an, die wir gar nicht brauchen. Ein Lagebericht über die Sehnsucht nach dem Funkloch, das Trauma der Entscheidungen und die Kunst des Abschaltens.

WDF November 2011Handygedudel überall, SMS-Fluten, verstopfte E-Mail-Boxen und ein Dauerbeschuss mit Informationen aus Radio, Fernsehen und Zeitung. Stündliche Werbebotschaften, die sich via Magazine, Newsletter oder Postkasten hartnäckig in unser Unterbewusstsein schleichen. Hunderte Joghurtvarianten im Supermarktregal, täglich neue Diäten und ungefragte Meinungen auf Facebook. Waschmaschinen mit 20 Programmwahl-Möglichkeiten, die niemand braucht, daumendicke Bedienungsanleitungen von Elektronikgeräten, seitenweise Kleingedrucktes in Kaufverträgen. Der Alltag lässt grüßen ? und liefert noch mehr: eine schier unüberblickbare Zahl an Freizeitbeschäftigungen für den Nachwuchs und druckfrische Ratgeber zur Steigerung der individuellen Lebensqualität. Ganz zu schweigen von den zunehmenden persönlichen Ansprüchen an PartnerIn, Familie, FreundInnen und sich selbst sowie den steigenden Herausforderungen am Arbeitsplatz.

Wer kann da schon mit? Ist mit dem richtigen Zeitmanagement, dem bewussten Setzen von Prioritäten, einer ausgeklügelten Infrastruktur (von BabysitterIn bis Putzhilfe) und ein paar Nahrungsergänzungsmittel in petto unser Alltag durchaus zu schaffen? Vielleicht sogar, ohne krank zu werden?

 

Kirsten Commenda, 38 Jahre

Alleinerziehende Mutter, lebt in Linz. Studierte Mathematik und Physik, danach Qualitätsjournalismus in Krems. Arbeitete in den Bereichen Bildung und Kommunikation, heute ist sie als Journalistin, Trainerin und Yoga-Lehrerin tätig.
»Es gelingt mir zunehmend besser, mir in Stresssituationen die Qualität meines Atems bewusst zu machen, eine andere Körperhaltung einzunehmen und mich innerlich zu entspannen. Dann sitze ich auf einer Frühlingsblumenwiese, ganz egal, wie chaotisch es im Außen gerade zugeht.«

PHÄNOMEN »TECHNO-STRESS«.

Neben der viel zitierten Reizüberflutung und den Informationslawinen interessiert der Begriff »Techno-Stress« zunehmend die Wissenschaft. Im Verlauf eines einzigen Tages wird man in unserer Kulturgesellschaft 70- bis 100-mal mit irgendeinem Prozessor oder Mikrochip konfrontiert. Am Morgen holt uns ein digitaler Wecker aus dem Schlaf, danach verlassen wir uns auf die Helfer im Haushalt (Kaffeemaschine, Kühlgeräte, Mikrowelle etc.). Mit dem Auto, in dem durchschnittlich 200 Mikrochips im Verborgenen wirken, geht es zum Arbeitsplatz, der mit Telefon und Fax, Computer, Scanner und Internet ausgestattet ist. Wir vertrauen der >> kybernetischen Steuerung von Heizung, Klimaanlagen, Transportsystemen, der digitalisierten Verwaltung und der Medizintechnik. Und wir verschenken zeitgemäßes Spielzeug ? vom Nintendo bis zum elektronisch gesteuerten Schmusehund.
Die Technik ist Teil unseres Lebens geworden. Doch die »Interfaces«, also die »Schnittstellen« zwischen Mensch und Maschine, funktionieren selten reibungslos. Das im Alltag erlebte Defizit zwischen den technischen Möglichkeiten und der eigenen Nutzungskompetenz kann aus einem »User« schnell einen »Loser« machen. Die Folge ist eine ganze Ansammlung verschiedener körperlicher, geistiger und seelischer Symptome, die ÄrztInnen und PsychologInnen unter dem Überbegriff »Techno-Stress« zusammenfassen. Typische Auswirkungen sind Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, Erschöpfung und Gleichgültigkeit, innere Anspannung, Aggressivität und Hyperaktivität, Depressionen und Burn-out.
Betroffen sind keinesfalls Technik-VerweigerInnen, sondern durchaus begeisterte Technik-AnwenderInnen. »Gerade jene, die sich besonders für Hightech interessieren oder beruflich darauf angewiesen sind, tappen schnell in die größte Falle des Infozeitalters«, meint die Psychologin Michelle Weil, Koautorin des Buchs »Technostress: Coping with Technology«. »Frei nach dem Motto ,Because we can, we do? (Weil es möglich ist, tun wir es auch) versuchen sie, immer mehr in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Und vergessen dabei, dass Menschen eben keine Maschinen sind, die auf multifunktionelles Arbeiten programmiert wurden.« Hinzu kommen gesellschaftspolitische Entwicklungen und neue wirtschaftliche Bedingungen. So steht u. a. fest, dass Zeitdruck und Arbeitsintensität in den vergangenen Jahren EU-weit in allen Branchen zugenommen haben (»European Survey on Working Conditions«).

DAS SIEBEN-HÜTE-PRINZIP.

In der Psychologie gibt es eine sehr anschauliche Methode, um herauszufinden, ob man sich tatsächlich zu viel zumutet und sich deshalb überfordert fühlt. Das Prinzip setzt jede Anforderung bzw. jede Rolle, die wir im Leben übernehmen, mit einem (Lebens-)Hut gleich. Mit jedem neuen Lebenshut, den wir uns auf den Kopf setzen (lassen), kommen wir stetig einer Situation näher, in der wir nur noch reagieren statt agieren. Da es viele verschiedene Lebensrollen bzw. Lebenshüte gibt, müssen wir immer wieder von Neuem eine Auswahl treffen. Denn das Ziel heißt: »maximal sieben Hüte tragen«. Ist eine Frau also beispielsweise Mutter, Ehefrau, Arbeitskollegin bzw. Unternehmerin, Freundin und Tochter (weil sie sich um ihre alten Eltern kümmert), trägt sie bereits fünf Hüte. Ist sie auch noch Vereinsvorsitzende und begeisterte Tennisspielerin, hat sie mit sieben Hüten die maximale Belastbarkeit erreicht. Es wäre daher nicht ratsam, auch noch die Elternsprecherin in der Klasse ihres Sprösslings zu werden oder eine offizielle Funktion in der Gemeinde zu übernehmen. Möchte sie es dennoch, sollte sie dafür einen anderen »Hut« ? zumindest vorübergehend ? ablegen.
Die »Fülle an Möglichkeiten« ist auch für Kirsten Commenda, Journalistin und Yogalehrerin, immer wieder eine Herausforderung. »So absurd es klingt und so dankbar ich dafür bin, so viele Potenziale und Optionen zu haben, vor allem im Vergleich zu den Frauengenerationen vor mir: Ein derart hohes Maß an Freiheit verlangt ein ebenso hohes Maß an Disziplin, immer wieder neu für mich selbst herauszufinden: Was ist es, was ich wirklich will? Wie will ich arbeiten, wie will ich leben? Ich fühle mich gefordert ? und manchmal eben überfordert ob der zahlreichen Entscheidungen.« Ihr Nervenkostüm sei oft schon durch das »ganz normale« Alltagsleben ziemlich beansprucht. »Wenn ich mir dann wieder einmal zu viel vorgenommen habe, die Wochenenden heillos verplant sind, dann auch noch mein Kind krank wird oder die Waschmaschine kaputt, wird es eng.« Die wichtigsten Gegenmaßnahmen der 38-jährigen Linzerin: »Immer wieder das Tempo herauszunehmen und ,kleine Inseln? in den Tag einzubauen. Yoga und Meditation haben mir sehr geholfen, mein Leben wieder in Balance zu bringen.« Mindestens ebenso wichtig sei Humor und der regelmäßige Austausch im Freundeskreis.

Michaela Kober, 37 Jahre

Mutter einer 17-jährigen Tochter, lebt in Wien. Arbeitete in den Bereichen Sales, Dialog- und Direktmarketing, Projektmanagement und Finanzen. Seit 2004 zusätzlich als Trainerin und Beraterin in den Bereichen Stress-, Zeit- und Konfliktmanagement tätig.
»Beziehungskrisen, Probleme mit ArbeitskollegInnen, ,Freizeitstress? ? all das kann überfordern. Die Gesellschaft gibt heute eine gewisse Geschwindigkeit vor. Ich versuche zu unterscheiden, was ich noch mitmachen möchte und wo ich meine Grenzen ziehe. Durch manche Herausforderungen wachse ich, andere, die mir ein mulmiges Gefühl in der Magengrube verursachen, lasse ich sein.«

»HOMO CONNECTUS«.

Es ist höchste Zeit, offline zu gehen, sagt Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication an der Universität St. Gallen. In ihrem jüngsten Buch »Das Glück der Unerreichbarkeit« (Goldmann Verlag) kritisiert sie den zeitgeistigen »homo connectus«, dessen Bestreben offenbar darin liegt, immer und überall informiert, erreichbar, vernetzt oder Teil irgendeiner Community zu sein. Meckel: »Die weltweite Datenmenge nimmt stetig zu. Informationen gelangen immer schneller zu uns. Der Mensch kann unmöglich auch nur einen Bruchteil dieser Datenflut bewältigen.« Wir drohen also im Treibsand der Informationen zu versinken. »Glücklicherweise kann der Mensch ausblenden. Wir können verwerfen und gewichten. (?) Nur so überleben wir in einer komplexen und widersprüchlichen Welt, ohne schlicht verrückt zu werden«, so Meckel.

Auch Susanne Strobach, Unternehmensberaterin, Mediatorin und Coach, empfiehlt, mit einfachen Maßnahmen das individuelle »Zuviel« einzudämmen: »Trennen Sie sich von Kundenkarten, stornieren Sie Werbemails und Newsletter, überprüfen Sie ? aber ehrlich! ? Ihr Konsumverhalten und schränken Sie Ihre ,elektronische Zeit? bewusst ein. Lernen Sie eine Entspannungs- oder Meditationstechnik, schaffen Sie sich ein angenehmes Umfeld, zu Hause wie am Arbeitsplatz, umgeben Sie sich mit positiven Menschen ? und üben Sie sich in humorvollen, charmanten und provokanten Reaktionen. « Denn, so die 45-Jährige: »Sie müssen nicht immer ,brav? sein.«
»Wir brauchen die Technik«, ist die Psychologin Michelle Weil überzeugt, »aber sie darf nicht Besitz von uns ergreifen. Um den meisten Nutzen aus der Technologie zu ziehen, müssen wir uns zwischen dem, was wir wollen und brauchen, dem, von dem wir nur glauben, dass wir es wollen und brauchen, und dem, von dem uns gesagt wird, dass wir es wollen sollen, entscheiden.«

Georg Kielmansegg, 59 Jahre

Waldbesitzer, Forstwirt, bezeichnet sich selbst humorvoll als »Holzwurm«. Vater von zwei erwachsenen Kindern, geschieden, lebt in einer neuen Beziehung in Lehenrotte bei Türnitz.
»Früher hat man keine Erklärungen gebraucht, wenn man nicht erreichbar war. Ich bin froh, hier noch eine Art Rückzugsgebiet zu haben, einen Raum, wohin man sich vor der Schnelllebigkeit der Stadt flüchten kann. Auf dem Hof gibt es keine Werbeflächen. Und keine Strafzettel.«

 

Herta Rössl, 43 Jahre

Zweifache Mutter, verheiratet, lebt in  Baden bei Wien. Sie arbeitete in einer Bank, als Behindertenbetreuerin und in einer Schuldnerberatungsstelle.
Heute hat die Psychotherapeutin ihre eigene Praxis und studiert weiter an der Sigmund Freud Universität.
» Ich habe immer die Wahl, bewusst Ja oder Nein zu sagen, wenn es um neue Aufgaben oder Anforderungen geht.«

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/ 2011 – von Susanna Sklenar