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Alltag<br>ab 2 bzw. 5 Jahren

Kürzlich ist eine liebe Stammkundin mit dringlichem Wunsch im Buchladen aufgetaucht: Sie erzählte von einem 2-jährigen Mädchen, das beim Anblick eines Buben mit dunkler Hautfarbe beinah panisch reagiert hätte. Mit einem Bilderbuch würde sie gern darüber hinweghelfen. Ich bin keine pädagogische Expertin für Diversität, außerdem lösen Anfragen wie diese schnell Befangenheit aus – wenn einem Buch „Problemlösung“ abverlangt wird, sind die Erwartungen hoch. Auch hat mich der Bub beschäftigt, der die Tränen durchs bloße Dasein ausgelöst hat. Für ihn war die Situation garantiert ebenso verwirrend. Trotzdem, die Zahnräder haben in beiden Hirnkästen – in dem meiner jungen Kollegin Alex und in meinem – verlässlich zu rotieren begonnen …

Gemeinsam haben wir überlegt, was im Pappbilderbuchbereich infrage kommt. Das Resultat ist am Bild ganz unten zu sehen, „Alle da!“ hat zwar Papierseiten und ist für Kinder ab 5, doch unverzichtbar in diesem Zusammenhang. Deshalb musste es einfach aufs Foto.

Ein Buch, das ganz beiläufig sämtliche Haut- und Haarfarben vereint und ein fröhliches Miteinander als Idealzustand zeigt, ist mir am sinnvollsten vorgekommen. „Einer mehr“ gibt es seit 2011, heuer erschien die 4. Auflage, für ein Bilderbuch ein schöner Erfolg. Umgekehrt als beim uralten makabren Rückwärts-Zählreim „10 kleine Negerlein“, geht es hier eindeutig vorwärts. Beginnend mit „Huch, da ist ja alles leer. Ah! Na also – einer mehr!“ bildet sich nach und nach eine quirlige 10er-Versammlung, die nach dem Plantschen, Streiten, Toben und Futtern schließlich ganz brav nebeneinander aufgereiht einschläft. Die Ruhe währt nicht lange – mit dem letzten Umblättern geht’s wieder los!

Die Verse werden nicht geleiert. Im Gegenteil, sie wollen pointiert gesprochen und exakt betont werden. Durch Wörter wie tränenschwer und schlendern und meinen Lieblingsreim „… Camembert – … einer mehr“ bekommen die knappen Zeilen Charakter. Der stehende Endreim einer mehr wird durch das gleich klingende Meer wohltuend gebrochen. Der ideale Zeitpunkt, sich zwischendurch über die Bilder auszutauschen:

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Die spritzigen Illustrationen in den knalligen Farben und die ausdrucksstarke Mimik der Buben machen Spaß. Das Pappbuch ist für jede Kleinkindgruppe ein heißer Tipp. Ob es dem ängstlichen Mädchen hilfreich ist? Schwer zu sagen, immerhin hat der Humor rettende Kraft. Einziger berechtigter Einwand: Das sind ja nur Buben. Gut, stimmt. Und? Der Tipp meiner Kollegin Alex zeigt Kleinkinder, die nicht immer eindeutig Bub oder Mädchen sind.

„10 kleine Finger und zehn kleine Zehen“, das bereits seit 2007 bewährt ist und 2014 in Neuauflage erschien, überzeugt in seiner feinen Art und mit zarten liedhaften Reimen und sanften sowie witzig-verschmitzten Bildern von Helen Oxenbury. Wunderschön ins Deutsche übersetzt wurden die getragenen lyrischen Verse von Ebi Naumann, der auch Autor und Liedtexter ist. Die Vielfalt der Menschenkinder in allen Farbabstufungen wird feierlich vorgeführt. Der kleinste gemeinsame Nenner und Refrain ist jeweils „10 kleine Finger und 10 kleine Zehen“, die Schlussszene voll inniger Zärtlichkeit. Vielleicht sogar noch tröstlicher für unsere kleine Tränenkanditatin und Anregung, die dunklen Zehen und Finger des anderen staunend zu erforschen? Unsere Kundin wird sich entscheiden! Noch stehen die Bücher reserviert im Abholfach …

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Ich freu mich drauf, wenn wir alle endlich bunt und gut durchgemischt miteinander leben, in allen Schattierungen an Haut- und Haarfarbe. Mit Kopftuch, Turban, Steirerhut, Blumenkranz oder Krone, jede wie sie will und jeder wie er will, denn das geht schließlich niemanden etwas an. Zuordnungen wie Migrant*in, Asylwerber*in … sind dann hinfällig und es kann nicht mehr unterschieden werden, wer hier geboren, aufgewachsen, eben erst gestern angereist und welcher Zugehörigkeit oder Herkunft auch immer ist. Gerade im ländlichen Raum wird das noch dauern. Diese Vorfreude ist naiv? Dann bin ich es gern. Mit freudiger Gewissheit, dass alles gut wird! Und kein Kind muss sich schrecken oder fürchten, wenn eins ein wenig dunkler aussieht als die meisten anderen.

 

Danke, liebe Alex, mit dir gemeinsam kollegial zu grübeln hat mir Freude gemacht!

 

 

Yvonne Heragane (Text) und Christiane Pieper (Bild)
Einer mehr
Ab 2 Jahren
Peter Hammer Verlag 2011

 

Men Fox (Text) und Helen Oxenbury (Bild)
Zehn kleine Finger und zehn kleine Zeh´n
Von 2 bis 4 Jahren
Aladin Verlag 2007

 

Daniela Kulot
Zusammen
Ab 2 Jahren
Gerstenberg Verlag 2016

 

Anja Tuckermann (Text) Tine Schulz (Bild)
Alle da! Unser kunterbuntes Leben
Ab 5 Jahren
Klett Kinderbuch 2014

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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