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Als Oma nochmals Mutter werden?

Die moderne Reproduktionsmedizin macht es möglich: Eine 60-Jährige gebiert noch ein Kind, eine 65-Jährige erwartet gar Vierlinge. Eine logische Folge der Emanzipation von Frauen oder ein Zeichen, dass alles käuflich ist?

Die Fälle sind irritierend, aber auch ein großes Medienereignis: In Oberösterreich bringt eine 60-Jährige eine Tochter zur Welt. Das Kind wurde künstlich gezeugt, der Samen stammte vom Ehemann. Zwei weitere Kinder des Paares wurden auf dieselbe Weise ins Leben geholt. In Deutschland verkündet eine 65-Jährige, mit vier Kindern schwanger zu sein. Sie hat bereits 13 Kinder von fünf verschiedenen Vätern und ist mehrfache Großmutter. Ihr neuerlicher Nachwuchs ist das Resultat einer Eizellenspende und einer Samenspende. Beides hat sich die Frau im Ausland gekauft. Der enormen Aufgabe fühlt sie sich, so erzählt sie freimütig in Interviews, gewachsen.

Was soll man davon halten? Für die meisten ist es schwer vorstellbar, im Oma-Alter eine Mehrlingskinderschar, noch dazu ohne Partner, großzuziehen. Im Großelternalter schwinden die Kräfte. Und da mag man noch gar nicht daran denken, mit 75 die Pubertät seiner Kinder erleben zu müssen. Abgesehen davon, dass es für Kinder oft „urpeinlich“ ist, wenn die eigene Mama so alt ist wie die Oma der anderen. Der Hausverstand meint, dass kaum etwas für Kinderkriegen im Alter über 60 spricht. Aber die Entwicklung hin zu noch älterer Mutterschaft erscheint ganz logisch. Die Zeit der Schwangerschaft verschiebt sich grundsätzlich nach hinten. Schon heute geht man davon aus, dass weltweit ungefähr fünf Millionen Menschen leben, die mithilfe der Reproduktionsmedizin gezeugt wurden. 

Lange wurde diskutiert, ob diese Nachhilfe zulässig sei. Das ist längst allgemein akzeptiert, ja sogar von den Krankenkassen bezahlt. Sieht man die vielen glücklichen Eltern, die ihr Kind den Möglichkeiten moderner Medizintechnik verdanken, fällt es auch wirklich schwer, etwas dagegen einzuwenden. Das individuelle Glück toppt moralische Bedenken. Etwa dass es sich bei künstlicher Reproduktion um ein totales Wohlstandsphänomen handelt mit enormen Kosten. Oder dass in vielen Teilen der Welt viel zu viele Kinder auf die Welt kommen. Geht es um Eizellenspenden oder Leihmutterschaft, versucht der österreichische Gesetzgeber noch einen Riegel vorzuschieben. Aber das wirkt wie ein Holzschuber vor einem Hightech-Labor. Wer kann, holt sich sein Kind eben im Ausland. Gegen Geld ist alles möglich. Im Vorjahr wurde in Thailand ein von einer Leihmutter für ein australisches Paar ausgetragenes Kind von diesem nicht angenommen, weil es mit Downsyndrom geboren worden war. Darauf untersagte der Premierminister kurzfristig die Ausreise aller Leihmutter-Babys. Allein wegen dieses Stopps konnten 200 Kinder das Land nicht verlassen. Man ist geneigt, von einem Babyschlepperwesen zu sprechen. 

Wo eine Nachfrage, dort ein Angebot. Wo Frauen und Paare mit Kinderwunsch, da auch eine Frau, die, oft aus Not, ihren Körper vermietet als Gebärmaschine oder als Ersatzteillager, beispielsweise für Eizellen. Die Welt ist brutal. Aber, sagt man, es ist ja alles freiwillig. Wie wäre es – kleines Gedankenexperiment –, wenn weder für Leihmutterschaft noch für Samen- oder Eizellenspenden Geld fließen würde? Wenn die ÄrztInnen für ihre Dienste nur ein Dankeschön bekämen? „Bei Gott ist nichts unmöglich“, heißt es im Alten Testament, als die biblisch alte Sarah noch im hohen Alter schwanger wird. „Mit etwas Geld ist nichts unmöglich“, müsste der Satz wohl heute heißen. Soll man das einfach schulterzuckend zur Kenntnis nehmen? Manche meinen, die moderne Reproduktionsmedizin sei auch durch das Selbstbewusstsein der Frauen gewachsen. 

Die Frauenbewegung der 1970er-Jahre trat mit dem Slogan an: „Mein Bauch gehört mir“. Meinte man damals die Freiheit, ein Kind nicht bekommen zu müssen, abtreiben zu können, geht es heute um das Gegenteil. Mein persönlicher Wunsch, mein persönliches Glück, meine persönlichen Möglichkeiten zählen. Wer will mir verbieten, mir meinen Kinderwunsch zu erfüllen? Doch das funktioniert nur, wenn man einen Teil des Deals ausblendet. Beispielsweise die Folgen des Geschäftes für Frauen in anderen Ländern. Nehmen wir einen neuen Kolonialismus in Kauf? Bei unserer Kleidung schauen wir mittlerweile, ob die Frauen in Bangladesch, die sie erzeugen, einigermaßen würdig behandelt werden. Tun wir das auch bei jenen, die Eizellen spenden oder als Leihmütter angeheuert werden? Ohne internationale Standards wird da wenig auszurichten sein. Ohne eine kritische Reflexion unserer Werte allerdings auch nicht.

Späte Mutterschaft

 

  • Wer die gesetzlichen Bestimmungen in Österreich für die sogenannte Reproduktionsmedizin umgehen will, muss nicht weit fahren.
  • In einigen osteuropäischen Ländern werben Kliniken mit der Erfüllung des Kinderwunsches mittels Methoden, die bei uns verboten sind. So spielt das Alter der potenziellen Mutter kaum eine Rolle. Man bekommt gegen Geld problemlos Eizellen auch im Oma-Alter eingesetzt.
  • Bei Bedarf kann man auch eine Leihmutter anheuern. Besonders groß ist das Angebot in asiatischen Ländern, wo arme Frauen das Familieneinkommen mit einer bezahlten Schwangerschaft aufbessern. Wie viel sie dabei selbst verdienen und wie viel beim medizinischen und organisatorischen „Zwischen-handel“ bleibt, ist wenig erforscht.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at