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Am Anfang steht ein mulmiges Gefühl

Endstation Frauenhaus? „Muss nicht sein“, sagen Frauen, die wegen Gewalt durch den Partner bereits einmal dort Zuflucht fanden. Viel Leid, meinen sie, hätten sie sich ersparen können, wenn sie auf die Warnsignale ihres Körpers geachtet hätten. Elf Erkenntnisse für eine Lektion in Selbstvertrauen.

Acht Frauen und zwölf Kinder leben zurzeit im Frauenhaus in Amstetten, Niederösterreich. Die ältesten der Mädchen sind 18, die ältesten Burschen 14. Ab 15 sind Jungs nicht mehr zugelassen, denn viele sind in diesem Alter schon „zu sehr Mann“. Sie kommen dann bei Großeltern oder in betreuten Jugend-WGs unter. In der Gemeinschaftsküche sitzt Sabrina Huber* (43) mit ihrer Tochter Sarah (5) beim Frühstück. Für ihr Mutter-Kind-Zimmer, das sie seit zwei Monaten bewohnen, ist Huber unendlich dankbar. Darin könnten sie „viel freier atmen“ als in der Villa ihres Expartners. „Gott sei Dank habe ich ihn nicht geheiratet! Es ist traurig genug, dass Sarah immer noch Windeln braucht. Die psychisch-körperliche Gewalt daheim hat Spuren hinterlassen“, sagt die Arbeit suchende Chefassistentin.

Erkenntnis 1: dem eigenen Körper vertrauen
Jedes Gespräch helfe ihr dabei, sich aus dem „unsichtbaren Gefängnis zu befreien“, in das sie ihr Exgefährte durch geschickte Vereinnahmung, Macht- und Kontrollspiele gesperrt hatte – alles Merkmale seiner „diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die erst nach und nach zum Vorschein kam“, sagt Huber. „Als er mich über Facebook anschrieb, hing der Himmel noch voller Geigen. Sofort gewann er mein Vertrauen, weil wir uns von der Schule her kannten. Jeden Tag überschüttete er mich via SMS mit Komplimenten, bis ich an Silvester ein erstes seltsames Bauchgefühl verspürte“, erzählt sie. Gerne hätte sie diesen Tag in den Bergen verbracht, doch er habe eine spontane Party feiern wollen. Als keiner seiner Freunde vorbeikam, sei er ausgerastet. „Und dann war er plötzlich wie ausgewechselt und flehte wie ein gekränkter Bub: ‚Verlass mich nicht!‘ Sein Gesichtsausdruck war irritierend, machte mir Angst. Am liebsten wäre ich gegangen, aber aus Mitgefühl bin ich geblieben. Das war ein Fehler.“

Erkenntnis 2: nichts schönreden
Als Huber schwanger wird, bittet sie ihr Partner, ihre Wohnung aufzugeben und in sein Haus zu ziehen. Ihr Kind solle nicht als „Wohnungsgesindel“ aufwachsen. Außerdem habe er sich nicht umsonst vom Arbeitersohn zum Manager emporgearbeitet. Der Ausdruck „Wohnungsgesindel“ befremdet Huber. Zur Sprache bringt sie dieses Unbehagen nicht. „Ich dachte: Sicher hat er sich nur im Ton vergriffen und meint es gut. Den Platz im Haus zu nutzen, ist logisch. Ich sah einen liebenden Vater vor mir, der sein Kind mit Spielzeug überhäufen würde. Und einen beschützenden Mann, der mich mit niemanden teilen wollte.“

Erkenntnis 3: Grenzen setzen
Auch andere „desillusionierende Situationen“ interpretiert Huber romantisch statt nüchtern-pragmatisch. Als ihr Partner ihr vorschlägt, zu kündigen und sich den „Stress ihrer vielen Geschäftsreisen zu ersparen“, weil die Erziehung „seiner kleinen Prinzessin“ ohnedies Arbeit genug sein würde, nimmt sie wieder ein Ziehen in ihrer Nabelgegend wahr. Der Gedanke, finanziell abhängig zu sein, verursacht Beklemmungen. Aber anstatt sich zu fragen, was ihr diese Enge sagen wollte, ignoriert sie sie: „Ich wollte mich weiterhin umsorgt fühlen, achtete meine eigenen Grenzen zu wenig. So konnte er sie leicht überschreiten und hatte mich in der Hand. Mit Sarahs Geburt wurde aber offensichtlich, dass sich alles um ihn drehen sollte.“

Erkenntnis 4: schädliche Muster aufdecken
Sein Wettstreit mit der Tochter um Aufmerksamkeit und seine Tobsuchtsanfälle steigern sich. Im Restaurant brüllt Hubers Partner das Personal zusammen, nur weil der Tisch wackelt. Im Zug ritzt er trotzig die Polster auf, nur weil das Erste-Klasse-Abteil besetzt ist. „Als ihn der Schaffner zur Rede stellte, brachte er ihn manipulativ dazu, über den Vorfall hinwegzusehen. So tat er es auch bei mir, seinen Zweckfreunden und Geschäftspartnern“, sagt Sabrina Huber. Fünf Jahre lang studiert sie das widersprüchliche Verhalten ihres Partners. Dann zieht sie ins Frauenhaus. Heute, nach ihrer Traumatherapie, weiß sie wieder um ihren Selbstwert und auch um die Wurzel dieser Erfahrung. „So wie mein Ex wollte auch meine Mutter immer im Mittelpunkt stehen. Auch bei ihr unterdrückte ich stets meine Bedürfnisse zugunsten ihrer. Nun ist Schluss damit!“

Mehr Erkenntnisse finden Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/17

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