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„Am Heiligen Abend mag ich‘s warm.“
Seit 30 Jahren ist die „Gruft“ in Wien ein Zufluchtsort für Obdachlose. Rosi Imre (56) ist Stammgast.

Wie kam es, dass Sie auf der Straße landeten?
Rosi Imre: Mein Vater war Alkoholiker, schlug und missbrauchte mich. Meine Mutter war ihm hörig. Mit 15 kam ich in ein Heim, mit 17 durch eine frühe Ehe vom Regen in die Traufe – mein Mann war Spieler. Mit 21 war ich geschieden, sorgte allein für unsere Tochter und die beiden Söhne. Meine Mutter wollte mir helfen, aber als ich eines Tages von der Arbeit kam, waren die Kinder im Heim. Ich verlor den Kontakt zu ihnen und auch meinen Job, lebte auf der Straße und schlief zwölf Jahre lang in Parks und Abbruchhäusern. Ich trank, wurde rabiat und landete zwischendurch sogar im Frauengefängnis. Aber am Heiligen Abend, wenn ich mit meiner Ersatzfamilie in der „Gruft“ feierte, rührte ich keinen Tropfen Alkohol an. Denn da dachte ich an meine Kinder.

Waren die Heiligen Abende traurig?
Nein, sie fühlten sich warm und geborgen an. Gemeinsam schmückten wir den Christbaum, packten Schokolade oder Zigaretten als Geschenke ein. Außerdem half ich in der Küche mit, bereitete Schnitzel oder Braten vor. Danach lasen wir Weihnachtsgeschichten, sangen Lieder, spielten Karten und tauschten uns aus. So ging das bis zu Stefani. 1996 bezog ich meine erste Sozialwohnung, doch für die „Gruft“ engagierte ich mich weiterhin. Denn dort hatte ich gelernt, an mich selbst zu glauben. Als ich an Leberzirrhose erkrankte und dem Tod ins Gesicht blickte, erinnerte ich mich an die Kostbarkeit des Lebens. Es war mein großes Erwachen.

Was bewirkte es?
Seither lebe ich Wahrheit statt Lüge. Ich hörte mit dem Trinken und Rauchen auf, fand Arbeit als Reinigungskraft und einen neuen Partner. Seit heuer habe ich eine Gemeindewohnung und genieße meine Pension. Am Heiligen Abend werde ich in die „Gruft“ schauen und dann zu Hause mit meinem Lebensgefährten, meinen Kindern und drei Enkelinnen feiern. Für meine Obdachlosenfreunde wünsche ich mir, dass die Eifersüchteleien und Reibereien mit Flüchtlingen und Asylwerbern aufhören und alle ein Dach über dem Kopf haben.

Rosi Imre wurde 1960 in Wiener Neustadt geboren und absolvierte einen polytechnischen Lehrgang. Notleidenden empfiehlt sie: „Sprecht eure Wahrheit aus. Sie führt von der Dunkelheit ins Licht.“

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Petra Klikovits