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Bei der Suche nach Quartieren für Asylwerber öffnen auch Privatpersonen ihre Türen. Wie beispielsweise Familie Kaineder aus Oberösterreich.

Der Hauptbahnhof von Familie Kaineder ist zwei Zimmer groß. Wunderbar viel Platz für Sedire, Hadi und ihre kleine Tochter Mersana. Das kleine Mädchen ist im Erstaufnahmelager Traiskirchen zur Welt gekommen, einige Wochen zu früh. Sechs Monate waren Sedire und ihr Verlobter auf der Flucht aus Afghanistan. Die beiden verbindet eine Romeo-und-Julia-Liebe mit vorläufigem Happy End. Sedire ist sunnitische Muslima, Hadi schiitischer Muslim, die Religionsgruppen sind verfeindet. Die Verbindung der beiden wurde von Sedires Familie unterbunden, Hadi bedroht. Sedire hätte das Kind abtreiben können. Sie entschied sich für ihre Liebe, das Kind und die anstrengende Flucht. Auf das Lager Traiskirchen folgte ein Zimmer in einem Asylwerberquartier mit knappen fünf Quadratmetern. Im heißen Sommer 2015 war es dort unerträglich eng für zwei Erwachsene mit einem Baby. Dann kam eine Art Engel vorbei. Julia Kaineder machte zuerst das Angebot, die junge Familie aufzunehmen. Noch vorsichtig – würde ihr Angebot auf Vertrauen stoßen? Hadi sagte sofort Ja. Da war kein Probewohnen nötig, wie es die Flüchtlingsbetreuerin vorschlug. Zwei Wochen später übersiedelte die junge afghanische Familie zur ebenfalls jungen österreichischen Familie Kaineder nach Dietach bei Steyr. „Wir haben selbst drei kleine Kinder, und Dietach ist weit von jedem Bahnhof weg, wo viele andere sich engagieren. Auf diese Art können wir unseren Beitrag zur Hilfe für Flüchtlinge leisten“, meint Stefan Kaineder.

Der jüngste Kaineder-Spross Florian und Gäste-Baby Mersana verstehen sich prächtig und lernen voneinander.

Der jüngste Kaineder-Spross Florian und Gäste-Baby Mersana verstehen sich prächtig und lernen voneinander.

ZWEI ZIMMER IM HAUS
Seine Frau und er sind unkompliziert und praktisch veranlagt. „Wir haben zwei Kinderzimmer, die wir noch nicht brauchen, weil unsere drei Kinder noch in einem Zimmer schlafen. Diese beiden Zimmer haben wir angeboten.“ Zuerst schien es, dass über die offiziellen Wege keine Nachfrage kommen würde. Erst als Stefan einer Flüchtlingsbetreuerin die beiden Zimmer direkt anbot, waren innerhalb weniger Tage die Bewerber gefunden. Damit Hadi und Sedire wirklich einen eigenen Bereich haben, bauten die Kaineders in eines der Zimmer noch rasch eine Küche ein. Seither leben sie mit dem Duft afghanischer Speisen, die Sedire nahezu täglich kocht. Spätabends wird gegessen, und oft klopfen die Gäste bei ihren Gastgebern an und laden sie zum Mitessen ein. „Hadi bedankt sich so oft bei mir, und ich bin immer ganz beschämt, denn zu danken haben ja wir, weil wir im Überfluss leben und es uns an nichts fehlt!“, sagt Julia Kaineder. Julia und Stefan Kaineder möchten sich mit ihrer Hilfe nicht in den Vordergrund spielen. Für Christen sei Helfen das Selbstverständlichste überhaupt. Eher schon wollen sie andere animieren, es ihnen gleichzutun. „Wir hatten immer schon ein intensives Leben, und mit unseren drei Gästen ist es noch einmal intensiver geworden“, meinen sie übereinstimmend.

VONEINANDER LERNEN
Julia Kaineder ist Religionspädagogin und Sängerin. In ihrem Elternhaus wurde Gastfreundschaft immer gepflegt. Ihre Eltern, die im Untergeschoß wohnen, betreuen die afghanischen Gäste mit. Sedire hat bereits Fahrradfahren gelernt – „Das ist mir ein richtiger Spaß, wenn sie so vergnügt mit wehendem Kopftuch durch den Ort radelt“, sagt Julia –, und Hadi erweist sich als geschickter Handwerker. Stefan baut mit ihm gerade an einem Regal für das Bad. Hadi davon zu überzeugen, dass Männer in Österreich auch den Abwasch machen, ist ihm allerdings noch nicht gelungen. Das wache Zugehen aufeinander und der Respekt vor der Kultur, den Prägungen und dem Glauben der anderen sind aus Sicht der Kaineders unabdingbar für ein gutes Zusammenleben. Im Alltag trifft man einander oft, kann sich aber auch zurückziehen. Offene Türen heißt: „Wir sind besuchbar“, geschlossene Türen signalisieren: „Wir bleiben jetzt lieber für uns“. „Unsere beiden größeren Kinder mögen manchmal gerne nur in der Kleinfamilie beisammen sein, wenn sie aus dem Kindergarten kommen“, weiß Julia Kaineder. Andererseits, meint sie lachend, habe sich die Frage nach einem vierten Kind erübrigt, denn das sei ja mit Mersana nun im Haus.

Die Familien sind gern gemeinsam unterwegs. Sie wissen aber auch, wann Zeit fürs Alleinsein ist.

Die Familien sind gern gemeinsam unterwegs. Sie wissen aber auch, wann Zeit fürs Alleinsein ist.

AUF LÄNGERE ZEIT ANGELEGT
„Wir rechnen damit, dass die beiden mindestens ein Jahr bleiben“, sagt Stefan Kaineder. Hadi geht zweimal die Woche in einen ehrenamtlich organisierten Deutschkurs. Er möchte so schnell wie möglich die Sprache erlernen und dann bald arbeiten. Daheim in Afghanistan war er in einem Schlachtbetrieb angestellt. Seine Mutter und seine Geschwister leben in seiner Heimatstadt. Er macht sich Sorgen um sie. Was wird passieren, wenn die Taliban die Stadt einnehmen? Sedires Familie weiß nicht, wo ihre Tochter ist. Jeder Kontakt sei gefährlich, sagt Hadi besorgt. „Sedire und Hadi pflegen ihre Liebe sehr“, beobachtet Julia Kaineder. In ihrer Heimat gibt es keine gemeinsame Zukunft für sie. Im Haus der Familie Kaineder können sie nun etwas ausruhen und planen.

 

Wie kann ich Flüchtlinge bei mir aufnehmen?

Flüchtlingen ein Zuhause schenken, da stellt sich gleich die Frage: „Wohin wende ich mich und welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ich als ,Quartiergeber‘ überhaupt infrage komme?“ Es gilt: Wohnfläche, die größer als 300 Quadratmeter ist, zählt nicht mehr als privates, sondern als Massenquartier und wird vom Innenministerium oder dem Land bearbeitet. Die Wohnstätte sollte zumindest für ein Jahr zur Verfügung stehen. Auf der Homepage des Flüchtlingsdienstes der Diakonie (www.fluechtlingsdienst.diakonie.at) sind alle wichtigen Fragen zur Wohnraumspende beantwortet.

 

Kontakte für Wohnraumspende:
 

Asylkoordinator Österreich
www.asyl.at (Liste mit Kontaktdaten zur Wohnraumspende)

Hotline Infopoint Flüchtlinge
Tel. 0732 770 993, Raum OÖ, arbeitet mit allen Organisationen zusammen

Caritas-Wohnraumspende-Hotline Wien
Tel. 01 890 48 31

Auf der Homepage www.helfenwiewir.at kann die Wohnraumspende eingetragen werden.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Christine Haiden

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