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Auf den Spuren der Anna Plochl

Die Gemahlin von Erzherzog Johann setzte einst mit ihrem Gewand neue Akzente. Ulli, Anna und Helga Brandauer aus Aussee verkaufen die Tracht im Originalschnitt.

Im ehemaligen Ausseer k. u. k. Kassagebäude der Saline, dort, wo früher die Maut für die Salzwägen eingetrieben wurde und seit 40 Jahren die Dirndlwerkstatt und Maßschneiderei Rastl ihren Stammsitz hat, herrscht geschäftiges Treiben. Laufend spazieren Damen ein und aus. Junge und alte, heimische und von weit her Gereiste. Vergnügt probieren sie sich durch die vielen farbenprächtigen Dirndln, studieren Schnittmuster und inspizieren die unzähligen handbedruckten Stoffballen in den Regalen. Schließlich stehen bald wieder traditionelle Frühlingsfeste und Kirtage bevor. Und dort will eine jede glänzen.

Für Ladeninhaberin Ulli Brandauer (44) und ihre gleichnamige Mutter Helga, geborene Rastl (74), heißt das Arbeit rund um die Uhr. In den wärmeren Monaten erwirtschaftet das heitere Gespann den gesamten Jahresumsatz. Weil die eine eigentlich Hafnerin und die andere Drogistin ist, beschäftigen sie sechs Schneiderinnen, die die hohe Kunst des Nähens perfekt beherrschen. Binnen zwei Tagen können sie, wenn’s flott gehen muss, ein Dirndl zaubern. 6.900 Quadratzentimeter Stoff und 5.600 Stiche – schon ist eines fertig.

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Auch das Schneidern der ehrwürdigen Original-Anna-Plochl-Tracht haben die Textilmeisterinnen im kleinen Finger. Denn bis heute verehren Kundinnen aus aller Welt die Postmeisterstochter aus Bad Aussee und ihre Mode. Schließlich war es Plochl einst gelungen, das rastlose Herz von Erzherzog Johann zu erobern – allen Standesdünkeln und kaiserlichen Widerständen zum Trotz.

In jenem Sommer 1819, als der Erzherzog beim Urlauben im Salzkammergut „Nannerls“ Liebreiz verfiel, soll diese eine besonders edle Kreation getragen haben: eine weiße, dreifach gepuffte Langarmbluse mit bodenlangem schwarzem Rock. Dazu eine büttenweiße Seidenschürze mit grüner Seidenkorsage im Empireschnitt. Dieses kurze Brustteil war seinerzeit absolut en vogue, versprühte Anmut und Eleganz. 

ROMANTIK VERSUS KRISE
„Trachtengewand erlebt eine neue Blüte, auch bei den Jungen! Je schlechter die Zeiten, umso mehr wächst die Sehnsucht nach Tradition und Wertbeständigkeit“, weiß Anna Brandauer (18). Mama Ulli, die den Betrieb seit zwölf Jahren in dritter Generation führt, nickt. „Seit Beginn der Wirtschaftskrise verbuchen wir ansehnliche Zuwächse. Allein 95 Prozent des Plochl-Modells verkaufen wir an Bräute. Kein Hochzeitsdirndl ist beliebter!“

Speziell die schwangeren Bräute seien vom Schnitt begeistert. Die Fasson schmeichle der weiblichen Silhouette und verstecke Babybäuchlein optimal. Statt der dunklen Originalfarben werden einfach helle Stoffe in Weiß- und Cremetönen gewählt. Zeitgemäße Anpassungen sind schließlich normal. Deshalb gibt es auch ein abgewandeltes Plochl-Dirndl im Sortiment, bei dem der Leib bis zur Taille reicht und anlassbezogen mit bunten Schürzen kombiniert werden kann. So erfülle das Dirndl seinen Zweck als nachhaltige Langzeitbekleidung. 

Ulli, Anna und Helga haben jeweils 50 Stück im Schrank. Gut, in ihrem Fall ist das naheliegend. Aber auch andere Ausseerinnen stehen ihnen mit 20, 30 Trachtenkleidern hier in nichts nach. „Getragen werden sie auch im Alltag. Nicht umsonst sind wir die Trachtenhauptstadt Österreichs“, frohlockt die Seniorchefin. Sie trug noch nie etwas anderes. Sogar zu den Burgtheater­premieren ihres famosen Neffen Klaus Maria Brandauer tanzt sie im eleganten schwarzen Dirndl an und ist damit „absolut gesellschaftstauglich“. 

SOZIAL UND MULTIKULTI
Dass das typische Ausseer Dirndl aus einem rosa Rock, einem grünen Leib und einer lila Schürze besteht, ist allerdings eine Mär. Diese Farben seien nur allgemein gefällig. Jede Frau komponiere ihr Gewand selbst, sowohl farblich als auch mit den Stoffen, wissen die Expertinnen. Samt, Seide, Leinen, Baumwolle oder Satin – bei Rastls ist die Kundin immer Königin, egal wie ungewöhnlich deren Geschmack. Eine Braut aus Dubai etwa wollte das Plochl-Dirndl unbedingt in orange-brauner Ausführung. Zum Schaudern von Helga Rastl. Dennoch drückte sie ein Auge zu: „Es war ein gutes G’schäft.“

Populär sind auch afrikanische Folklorestoffe, die Ulli und sie aus Tansania beziehen. Die Ausseer Schulen unterstützen nämlich dort den Bau von Spitälern und Bildungseinrichtungen. Als Dankeschön schicken Einheimische traditionelle Stoffe. Jeder Verkauf eines solchen „Benefiz-Dirndls“ kommt dem Hilfsprojekt zugute.  Anna Plochl hätte das bestimmt goutiert. Trotz des gesellschaftlichen Aufstiegs vergaß sie nie ihre Wurzeln, machte sich für Notleidende stark und unterstützte Sozialprojekte wie etwa den Bau des Grazer Anna-Kinderspitals. „Dort im Meranhaus mit dem spätgotischen Portal wurde sie 1804 geboren“, sagt Helga Rastl und zeigt auf das historische Refugium gegenüber. Darin habe sie als Kind mit Plochls Urenkeln gespielt. Das amikale Verhältnis pflegt sie noch heute. 

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Die Jüngste in der berühmten Anna-Plochl-Tracht. Die Nachfrage ist enorm.

BINDUNGSBANAUSINNEN
Dass der Erzherzog kein Kostverächter gewesen sein soll und angeblich etliche inoffizielle Kinder hatte, kann Helga zwar nicht bestätigen, findet es aber auch nicht tragisch. „Mein Gott na! Hat er halt schon damals das gelebt, was heute gang und gäbe ist“, schmunzelt sie und schwenkt zu ihrer 40-jährigen Ehe. Auch sie sei nicht die Bindungsfreudigste gewesen. Als sie irgendwann doch Ja sagte, war sie schon „ziemlich überwuzelt, über 30 und Mutter“.

Auch Tochter Ulli, höchst romantisch veranlagt und Single wie die junge Anna, könnte noch eine reife Braut werden. Mit dem Vater ihrer beiden Kinder lebte sie nämlich nur in wilder Ehe. Einer Hochzeit funkte immer die viele Arbeit dazwischen, gesteht sie und erzählt von der zweiten Filiale, wo sie Geschenkartikel, Kunsthandwerk und Naturkosmetika vertreibt.
So wie Großvater Wilhelm vor 80 Jahren, als er die ursprüngliche Reformfirma gründete. 

Die nächste Generation ist fix. Anna wird das Zepter übernehmen. Im Sommer maturiert sie in der Modeschule Hallein. Ulli und Helga freut das doppelt, denn
die Jüngste ist die Erste, die wirklich nähen kann. „Wir beide können ja nur anschaffen!“  

Titelbild: Trachten für alle Generationen. Nach ihrer Großmutter Helga Brandauer-Rastl (rechts) und Mutter Ulli (links) wird die junge Anna (Mitte) einmal das Traditionsgeschäft übernehmen. 

 Erschienen in „Welt der Frau“ 02/16 – von Petra Klikovits