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Wenn die Welt sich verschworen hat, hilft nur noch tief durchatmen.

Dies ist einer der Tage, die in die Hose gehen. Es ist erst 11.00 Uhr, aber ich weiß es schon jetzt. Auch in meinem einundvierzigsten Lebensjahr habe ich keine Strategie, das zu vermeiden. Es gibt für alles Werkstätten: Meine kaputte Uhr kann ich wegbringen, das Auto sowieso, für meinen kariösen Zahn habe ich eine nicht zu angsteinflößende Ärztin und selbst für ein gebrochenes Herz kann man im Notfall einen Therapeuten aufsuchen. Aber was ist mit einem kaputten Tag? Ich meine, wie wäre es, wenn ich ihn jetzt schulterte und in eine Werkstatt brächte. „Grüß Gott“, würde ich sagen. „Mein Tag ist hinüber. Schon jetzt! Können Sie ihn reparieren?“ Ein bedächtiges Kopfwiegen. „Das müsste ich mir genauer ansehen. Wo ist denn der Schaden?“ „Ich glaube, es handelt sich um einen Totalschaden.“ „Dann ist es am besten, wenn wir uns alles einzeln ansehen. Fangen Sie mal an.“

Ich hole tief Luft. „Also, als ich heute Morgen aufwachte, hatte ich Halsschmerzen. Unter der Dusche erwischte mich eine Spinne. Der Sturm hat alle Blumen entblättert. Dann kam noch ein missglücktes Telefonat dazu, an dem ich bis jetzt knabbere.“ „Sehen Sie, das ist gar nicht so dramatisch. Gegen die Halsschmerzen empfehle ich ein paar Lutschtabletten. Die Spinne ist wahrscheinlich bereits auf und davon. Das mit den Blumen ist Pech. Bleibt noch das Telefonat. Vergessen Sie’s.“ Ich glaube mich verhört zu haben. „Ich soll es vergessen?“ „Ja. Es ist vorbei.“ „Schon möglich, dass es vorbei ist. Aber wir werden uns ja wieder sprechen. Was mache ich dann? Was sage ich? Wie reagiere ich?“ „Vergessen Sie’s.“

Das geht mir nun wirklich gegen den Strich. „Hören Sie mal. Man kann das Leben doch nicht ignorieren!“ „Genau das versuche ich Ihnen ja gerade zu empfehlen. Achten Sie auf die Realität.“ „Was ich Ihnen gerade erzählt habe, i s t die Realität!“ „Ist sie nicht. Das eine ist bereits geschehen, das andere wird erst noch kommen. Beides ist nicht jetzt.“ „Aber ich bin jetzt frustriert.“ „Wegen einer Sache, die vergangen ist.“ Wir schweigen ein paar Sekunden. Dann frage ich verzagt: „Und was mache ich jetzt?“ „Ich schlage vor, dass Sie jetzt ein Eis essen. Sich in die Sonne setzen. Die Tageszeitung studieren, den Abwasch machen, einen Brief beantworten. Blumen pflanzen. Eben das tun, was genau jetzt zu tun ist.“ „Hören Sie, das ist eine Aufforderung zur Verdrängung.“ „Aber nicht doch! Wenn Sie meinen, Sie sollten sich entschuldigen, dann entschuldigen Sie sich. Aber dann tun Sie es auch und hören Sie auf zu grollen. Das ist eine Aufforderung zur Achtsamkeit. Was gewesen ist, können Sie nicht rückgängig machen. Was kommen wird, wissen Sie noch nicht. Das Einzige, auf das sie wirklich Einfluss haben, ist dieses schmale Stück Gegenwart, das wie ein Sonnenfleck stetig weiterwandert. Gehen Sie mit.“

 

So geht's:

Jesus sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben und folge mir nach!“
Lass die Vergangenheit. Lebe im Jetzt und tue, was zu tun ist.

Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Susanne Niemeyer